Zur Ausgabe
Artikel 52 / 107
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Konkurrenz hält wach«

Post-Chef Klaus Zumwinkel, 59, über die politischen Querschüsse, die ihm zurzeit die Bilanzen verhageln, den mühsamen Weg zur weltweiten Nummer eins und die Frage, wann sich der Staat komplett aus dem Konzern zurückziehen sollte
aus DER SPIEGEL 52/2002

SPIEGEL: Herr Zumwinkel, haben Sie es schon mal bereut, vor zwei Jahren die neue »Volksaktie« der Post AG an die Börse gebracht zu haben?

Zumwinkel: Nie. Wieso auch?

SPIEGEL: Das Papier ist heute nicht einmal halb so viel wert.

Zumwinkel: Das ist Fakt. Das will ich auch nicht schönreden. Absolut gesehen hat sich unsere Aktie schlecht entwickelt. Im Vergleich zum Rest der Dax-Werte stehen wir aber noch recht gut da.

SPIEGEL: Das tröstet die Kleinanleger wenig.

Zumwinkel: Diesen Vorwurf können Sie momentan den meisten deutschen Vorstandschefs machen ...

SPIEGEL: ... und die Erklärungsmuster ähneln sich: Immer ist das große Ganze schuld.

Zumwinkel: Ich als Kaufmann kann nur zusehen, dass meine Zahlen stimmen. Das tun sie. Langfristig war unser Börsengang der einzig richtige Schritt, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern.

SPIEGEL: Langfristig mag das stimmen. Aber Kritiker warnten schon vor Ihrem Börsengang, Sie kämen zu früh, weil äußerst wichtige Fragen des Wettbewerbs noch gar nicht geklärt waren. Diese Gefahren haben Sie heruntergespielt.

Zumwinkel: In unserem Börsenprospekt waren Chancen und Risiken minutiös aufgeschrieben. Die Chancen überwiegen - damals wie heute.

SPIEGEL: Schon 1999 ermittelte die EU-Kommission wegen des Verdachts der Quersubventionierungen. Im Januar müssen Sie rund 850 Millionen Euro Strafe an das Finanzministerium überweisen.

Zumwinkel: Dafür wurden wir im Sommer auch abgestraft: Die Post-Aktie verlor rund 6,1 Milliarden Euro an Wert. Für diesen

Einbruch war zur Hälfte die EU-Entscheidung verantwortlich, zur anderen Hälfte die Tatsache, dass wir unser Briefporto Anfang nächsten Jahres senken müssen.

SPIEGEL: Beide Risiken haben Sie offenbar bis zum Schluss nicht wahrhaben wollen.

Zumwinkel: Behörden sind mitunter unkalkulierbar. Und die EU-Entscheidung überraschte uns wirklich, zumal es Fälle von wirklicher Beihilfe gibt, die ohne Auswirkungen blieben: Als Romano Prodi italienischer Premierminister war, bekam seine Post neun Milliarden Euro an Subventionen vom Staat. Nun ist er eben Präsident der EU-Kommission ...

SPIEGEL: ... und lässt Sie die zweithöchste Strafe zahlen, die ein deutscher Konzern je aufgebrummt bekam. Nur Künstlerpech?

Zumwinkel: Am 1. Januar müssen wir zahlen. Gleichzeitig werden wir aber dagegen vor dem Europäischen Gerichtshof klagen, auch wenn sich der Prozess dann zwei, drei Jahre hinziehen dürfte.

SPIEGEL: Bundesfinanzminister Hans Eichel will sogar noch 56 Millionen Euro mehr ...

Zumwinkel: ... weil die Zinsberechnung strittig ist. Das ist bei der Gesamtsumme, um die es geht, aber nur eine Feinheit ...

SPIEGEL: ... wenn auch eine frivole. Sie haben vor zwei Wochen eine Klage gegen Ihren Hauptaktionär, den Bund, eingereicht?

Zumwinkel: Um die Frage endgültig zu klären, haben wir den Absender des Bescheides verklagt.

SPIEGEL: Also Eichel. Belastet derlei nicht das Verhältnis?

Zumwinkel: Nein, weil man sich schon seit über zehn Jahren kennt und schätzt. Den aktuellen Streit soll ein objektiver Dritter entscheiden, das Verwaltungsgericht.

SPIEGEL: Wurden Sie von der Zinsforderung genauso überrumpelt wie angeblich von der Entscheidung, dass die Post ihr Briefporto senken soll?

Zumwinkel: Nachdem wir die Preise über Jahre stabil hielten, konnte ich mir nicht vorstellen, dass man uns befehlen würde, das Porto auch noch zu senken. Der Vorgang dürfte weltweit einmalig sein ...

SPIEGEL: ... aber doch nachvollziehbar. Im internationalen Vergleich ist Ihre Post ziemlich teuer.

Zumwinkel: Auf den ersten Blick mag das stimmen. Es ist aber auch eine kurzsichtige Analyse: Die Niederlande etwa sind kaum größer als Nordrhein-Westfalen. Die fahren einmal um die Ecke und haben alles verteilt. Deutschland dagegen ist deutlich größer. Und die Lohnkosten sind hier zu Lande weitaus höher als etwa in Portugal. Vergleichen Sie das Porto nach Kaufkraft, dann liegen wir mindestens im Mittelfeld.

SPIEGEL: Sie wollen uns aber nicht wirklich erzählen, dass die Entscheidung aus heiterem Himmel kam, oder? Vor Ihrem Börsengang hat der damalige Wirtschaftsminister Werner Müller die Aufsichtsbehörde sogar anweisen müssen, das Porto nicht zu senken. Auch diesmal gab es Signale.

Zumwinkel: Es hätte ja auch eine zweite Weisung geben können.

SPIEGEL: Das nimmt Ihnen doch niemand ab. Es ist nun mal Aufgabe der zuständigen Regulierungsbehörde, Preise in Monopolmärkten zu überprüfen und die Verbraucher vor Abzockerei zu schützen. Das hat das Amt getan. Und offenbar können Sie jetzt auch ganz gut damit leben.

Zumwinkel: Ich lebe mit allem gut; mit dem einen besser, mit dem anderen schlechter. Die Porto-Entscheidung halte ich dennoch für ungerechtfertigt. Und wir müssen sehen, wie wir das zu erwartende Loch von rund 300 Millionen Euro jetzt stopfen.

SPIEGEL: Ihr Ton wird dabei härter. Sie drohen mit der Schließung von 1000 Filialen.

Zumwinkel: Wir müssen laut Gesetz rund 12 000 Filialen unterhalten. Heute haben wir etwa 5000 eigene und 8000 in Partnerschaft, etwa mit Lebensmittelketten. Bei den Letzteren können wir knapp 1000 schließen. Das hat mit unserem eigenen Mitarbeiterstamm nichts zu tun, bei dem wir nur die natürliche Fluktuation nutzen: Das sind rund 5000 Jobs, die jedes Jahr abgebaut werden. Betriebsbedingt dürften wir nach unseren Tarifverträgen bis zum Jahr 2005 gar nicht kündigen.

SPIEGEL: Bundesfinanzminister Eichel ist zurzeit derart klamm, dass er sich auch von weiteren Post-Aktien trennen will ...

Zumwinkel: ... die an die Kreditanstalt für Wiederaufbau gehen sollen. Er will die Papiere nicht in den Markt drücken und kann so abwarten, bis es den Börsen wieder besser geht. Ich hoffe allerdings, dass der Staat sein Post-Engagement in nicht allzu langer Zeit auf null runterfahren wird, auch wenn er heute noch rund 68 Prozent der Aktien hält. Staaten sind immer schlechte Betreiber von Unternehmen.

SPIEGEL: Gibt''s konkrete Zeitvorstellungen?

Zumwinkel: Ja, 2007 fällt unsere Exklusiv-Lizenz im Briefgeschäft. Dann stehen wir mit allen unseren Diensten im Wettbewerb. Bis dahin sollte sich auch der Bund von seinen Anteilen getrennt haben.

SPIEGEL: Wann wollen Sie Töchter wie Postbank oder Logistiksparte an die Börse bringen?

Zumwinkel: Aktuell sehe ich keine Notwendigkeit. Aber in etwa zwei Jahren kann ich mir eine Postbank-Aktie gut vorstellen. Bis dahin haben wir noch enorme Möglichkeiten, den Wert der Bank zu verbessern. Die wollen wir nutzen.

SPIEGEL: Wir fassen mal zusammen: Krach mit Brüssel, Ärger mit Berlin, die Aktie im Keller und mehr als eine Milliarde Euro außerordentliche Belastungen - dennoch wollen Sie bis zum Jahr 2005 die operativen Gewinne um 40 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro erhöhen. Da fragen wir uns erst recht, wie Sie das erreichen wollen.

Zumwinkel: Mehr Transparenz können Sie von uns doch gar nicht mehr fordern als solch eine Ankündigung, mit der wir uns zugegebenermaßen weit aus dem Fenster lehnen. Aber das Ziel ist auch zu schaffen.

SPIEGEL: In den Bereichen Logistik und Express haben Sie zwar weltweit unzählige Unternehmen übernommen, aber zusammengewachsen ist da noch nicht viel.

Zumwinkel: Nun lassen Sie uns doch mal machen: Wir bekamen erst vor knapp zwei Monaten die EU-Genehmigung, DHL ...

SPIEGEL: ... Ihren weltweit operierenden Luftexpress-Dienst ...

Zumwinkel: ... zu 100 Prozent zu übernehmen. Bislang konnten wir zum Beispiel die Hauptverwaltungen von Firmen wie Euro Express, Danzas und DHL gar nicht zusammenlegen. Das geht jetzt erst los.

SPIEGEL: Für DHL haben Sie schätzungsweise mehr als drei Milliarden Euro hinblättern müssen. Wie soll sich diese Investition je rechnen? Immerhin schreibt die Firma massive Verluste - in den USA sogar im dreistelligen Millionenbereich.

Zumwinkel: Stimmt. Aber in anderen Ecken der Welt macht DHL auch schöne Gewinne. Insgesamt wird DHL schon dieses Jahr in die schwarzen Zahlen rutschen.

SPIEGEL: Sie müssen mehr als 1300 Unternehmen auf Linie bringen. Das klingt zumindest nach einer Herkulesaufgabe ...

Zumwinkel: ... die wir nicht scheuen, zumal wir eine grundsolide Bilanz haben. Ihre Kritik in allen Ehren, aber immerhin weisen wir einen Gewinn vor Steuern von mindestens 2,2 Milliarden Euro aus.

SPIEGEL: Stimmt. Die Bahn - braucht dauernd Geld. Die Telekom - ist massiv überschuldet. Im Nachhinein muss es Sie mit Genugtuung erfüllen, dass die einst so ungeliebte, weil langweilige Post heute im Vergleich die besten Zahlen abliefert.

Zumwinkel: Ich habe eben immer sehr penibel auf den Schuldenstand des Konzerns geachtet. Das ist uns gut gelungen, ohne unser wichtigstes Ziel aufzugeben: Ich will die Nummer eins der Logistik- und Transportbranche weltweit werden. Da kann man nicht einfach Däumchen drehen. Wir haben drei Säulen definiert: die Deutsche Post im Briefverkehr, die Postbank, was die Finanzen angeht, und DHL für den großen Rest: Pakete, Container, Logistik. So schlicht wird das.

SPIEGEL: In Deutschland jedoch scheint das Wachstum vorerst gestoppt. Ausgerechnet im Briefgeschäft, das in der Vergangenheit die meisten Gewinne abwarf, mussten Sie drastische Rückschläge verbuchen.

Zumwinkel: Ich gehe davon aus, dass sich unser Briefgeschäft stabilisieren wird. Das bedeutet aber auch, dass es nicht mehr stark wächst. Richtig.

SPIEGEL: Selbst diese Prognose ist optimistisch. Schon heute müssen Sie Großkunden Rabatte von bis zu 20 Prozent einräumen. Wie wollen Sie die wegbrechenden Marktanteile zurückerobern?

Zumwinkel: Indem wir Synergien, die wir durch die unterschiedlichen Unternehmen haben, voll ausschöpfen und zugleich auf anderen europäischen Märkten Fuß fassen. Dabei ist jedes Land interessant ...

SPIEGEL: ... aber auch schwer zu kapern.

Zumwinkel: Wir haben generell drei Möglichkeiten, einen Markt zu erobern: Wir können uns mit jemandem zusammentun, wir versuchen es allein, oder wir beteiligen uns an einer Postgesellschaft.

SPIEGEL: Bitte konkreter!

Zumwinkel: In den Niederlanden zum Beispiel kooperieren wir mit einem großen Verlagshaus. In Großbritannien haben wir eine eigene Lizenz und wollen es zurzeit auch allein versuchen. Und auch wenn es sich ein bisschen exotisch anhört: In Dänemark gibt es ein Gesetz, das uns eine Beteiligung an der dortigen Post erlauben würde. Für jedes Land werden wir unsere eigene Strategie entwickeln.

SPIEGEL: Ihre Konkurrenz schaut bei den Expansionsplänen nicht tatenlos zu: Die niederländische Post beispielsweise hat bereits ein Joint Venture mit dem Otto-Versand.

Zumwinkel: Ja, auch die Schweizer Post agiert schon in Deutschland. Die Franzosen haben den Deutschen Paketdienst. Auch GLS, die frühere General Parcel, ist schon da, dazu kommt UPS, kurz: Alle bekannten Namen sind bereits anwesend. Aber wir begrüßen alle Wettbewerber.

SPIEGEL: Jetzt kommt die Sonntagsrede.

Zumwinkel: Konkurrenz hält wach, das meine ich ehrlich. Am Ende gewinnt, wer das beste Netzwerk bietet. Allenfalls die Niederländer können da mit uns konkurrieren.

SPIEGEL: Ausgerechnet Sie loben jetzt den freien Wettbewerb? Bis 2007 haben Sie doch im Briefverkehr ein Monopol.

Zumwinkel: Aber wir mussten viel früher als andere anfangen, schwimmen zu lernen.

SPIEGEL: Was haben Sie aus dem Desaster um die Ablösung von Telekom-Chef Ron Sommer gelernt, außer dass man schnell ein Messer im Rücken haben kann?

Zumwinkel: Zu unserer Schwestergesellschaft Telekom gebe ich keine Kommentare ab.

SPIEGEL: Mit dem Bund im Rücken könnten Sie selbst mal in so eine Lage kommen.

Zumwinkel: Ich habe keine Angst, solange unsere Zahlen gut sind. Sollten sie wider Erwarten je schlecht werden, hat ein Miteigentümer jedes Recht, sich einzumischen.

SPIEGEL: Neuerdings werden Sie sogar als Aufsichtsratschef der Telekom gehandelt.

Zumwinkel: Das ist reine Spekulation. Mehr kann und will ich auch dazu nicht sagen.

SPIEGEL: Sie sind gerade in den Glas-Tower der neuen Post-Zentrale gezogen. Wer hat das Projekt finanziert?

Zumwinkel: Unser Pensionsfonds.

SPIEGEL: Ihr neues Zuhause wird also von Ihren eigenen Pensionären bezahlt?

Zumwinkel: So kann man das sehen. Und die könnten weitaus unsicherere Mieter haben als ihr eigenes Unternehmen.

SPIEGEL: Herr Zumwinkel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Klaus Zumwinkel

begann seine Karriere bei der Unternehmensberatung McKinsey. Von dort wechselte er zum Versandhaus Quelle, bevor er 1989 zum Chef der Deutschen Post bestellt wurde. Zumwinkel, 59, baute den Staatsbetrieb in einen weltweit operierenden Logistikkonzern aus, den er im Jahr 2000 an die Börse führte.

Das Gespräch führten die Redakteure Frank Dohmen und ThomasTuma.

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 107
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.