Konsumentenkrise Banken zittern vor US-Kreditkartenschulden

Konsumenten in den USA spüren die Folgen der Finanzkrise, immer mehr können ihre Kreditkartenrechnungen nicht mehr zahlen. Das Problem: Auch mit diesen Schulden wurde munter gehandelt. Droht den Banken eine zweite Krise?

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Hamburg - Die erste große Blase ist geplatzt, jetzt könnte die zweite folgen: Während Regierungen noch über Kreditpakete und strengere Finanzmarktregeln debattieren, machen sich die realen Auswirkungen der Krise bemerkbar. Nicht nur den Banken ist in den USA das Geld ausgegangen, sondern auch denen, die es ausgeben sollen - den normalen Bürgern.

Kreditkartenaufkleber in New York: Fast eine Billion Dollar Schulden
DPA

Kreditkartenaufkleber in New York: Fast eine Billion Dollar Schulden

Die Zahl der Autoverkäufe sinkt, insgesamt rechnet der US-Einzelhandel mit einem desaströsen Weihnachtsgeschäft. Das Platzen der Immobilienblase hat den Amerikanern klargemacht: Das Leben auf Pump ist vorbei.

Wie kein anderes Land hat der durchschnittliche US-Bürger über Jahrzehnte alle Käufe - vom Haus über das Auto bis hin zur Finanzierung des Urlaubs - mit Hilfe von Krediten finanziert. Während die Deutschen seit Jahrzehnten rund zehn Prozent ihres Einkommens auf die hohe Kante legen, ist es bei den Amerikanern genau umgekehrt: "Shop till you drop" hieß das Motto der vergangenen zehn Jahre, finanziert wurde das Ganze von der Bank. Allein 900 Milliarden Dollar Kreditkartenschulden vermeldete die US-Notenbank Fed bereits im Sommer des vergangenen Jahres.

"Schön für Politik und Bürger"

"Sich vollständig auf die Kreditfinanzierung zu verlassen, ist ein Phänomen der neunziger Jahre", sagt Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Es war ein Mittel, die Wachstumsraten der Wirtschaft konstant hoch zu halten. Das ist schön für die Politik und auch für jeden einzelnen Bürger - es ist aber nicht nachhaltig." Und das macht sich jetzt bemerkbar: Denn mit dem drohenden Rückgang des Wirtschaftswachstums funktioniert das Prinzip der immer höheren Verschuldung nicht mehr. "Wenn jetzt die Rezession zu einer höheren Arbeitslosigkeit führt, wird es für viele schwieriger, ihre Schulden zu bezahlen. Das wird ein Problem - allerdings kein kurzfristiges", sagt Schäfer.

Und keines, das nur die Konsumenten trifft. Denn ähnlich wie bei den Subprime-Krediten im Immobilienbereich haben viele Kreditkartenanbieter und Banken ihre Forderungen offenbar ebenfalls gebündelt und die Risiken als strukturierte Finanzprodukte weiterverkauft. "Nicht jeder Kredit wurde weitergegeben, sondern vor allem die der schwachen Schuldner, die guten Kreditnehmer hat man in den eigenen Bilanzen gelassen", sagt Michael Stenger, Kreditspezialist bei CIS Asset Management, einem unabhängigen Akteur im Bereich von verbrieften Krediten. Von den gängigen Rating-Agenturen mit besten Noten versehen, wurde mit den Kreditpaketen ebenso gehandelt wie zuvor mit den Subprime-Krediten.

"Das ist grundsätzlich ein ähnlicher Mechanismus wie bei der Verbriefung von Immobilienkrediten und eigentlich nichts Außergewöhnliches", sagt auch Markus Ernst, Kreditspezialist bei UniCredit. Das Prinzip, Kredite weiterzuverkaufen, gebe es auch in anderen Bereichen, etwa bei Auto- oder Konsumentenkrediten. Schwierig werde es immer dann, wenn das ursprünglich berechnete Kreditrisiko systematisch bei weitem übertroffen werde - wie es bei Subprime-Krediten der Fall war. Sprich: Wenn zu viele Konsumenten ihre Kreditkartenforderungen nicht mehr zahlen können und die verbrieften Forderungspools damit hohe Ausfallraten verzeichneten. "Nach den Subprime-Krediten platzt als nächstes sicherlich auch eine Vielzahl an Kreditkartenforderungen, davon geht der Markt aus", sagt Ernst.

Bis zu 450 Milliarden Dollar schlummern nach Angaben der Rating-Agenturen Standard & Poor's und Moddy's als verbriefte Kreditpakete weltweit in den Büchern von Investmentbanken und anderen Finanzinstituten. Platzt auch nur ein Teil dieser Kredite, könnte dies neue Millionenlöcher in die ohnehin geschundenen Bilanzen reißen.

Ausfallrate um 20 Prozent gestiegen

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

Denn dass es immer mehr Kreditkartenbesitzern schwerfällt, ihre Raten pünktlich zu zahlen, macht sich schon jetzt bemerkbar: Laut Moody's ist die Ausfallrate der Kreditkartenschulden im August auf 4,6 Prozent gestiegen - 20 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Und keiner weiß, wie schnell diese Rate wächst.

"Vier bis sechs Prozent beträgt der Überzins eines Gesamtpakets", sagt Stenger von CIS. Steige das Ausfallrisiko aber weiter, würden die einst mit Tripple-A gearteten Pakete heruntergestuft und der Investor bekomme Probleme mit dem Papier. Was im Klartext heißt: Die Papiere lassen sich nur noch mit hohen Preisabschlag verkaufen, und für die Banken besteht ein Wertberichtigungsbedarf.

Damit werden die Papiere quasi unverkäuflich - und das macht sich schon jetzt bemerkbar: "Momentan ist der Markt für Verbriefungen so gut wie tot, Investoren wollen überwiegend verkaufen, Käufer gibt es kaum mehr", sagt UniCredit-Experte Ernst. Die Risikoprämien für Kreditkartenverbriefungen sind extrem gestiegen - allen Beteiligten scheint klar zu sein, dass die Zahl der zahlungsunfähigen Kreditkartenbesitzer in den nächsten Monaten steigen wird.

Doch ob es dann - wie immer häufiger gemunkelt wird - zur weiteren "Kernschmelze" bei den Banken kommt, ob die "zweite große Bombe" platzt - darüber sind sich die Experten nicht einig. "Es wird eine der nächsten Wellen an geplatzten Krediten in den USA, das ist keine Frage", sagt Ernst. Aber er fügt auch hinzu: "Das Volumen der verbrieften Kreditkartenschulden liegt deutlich unter dem der Subprime-Immobilienschulden. Europäische Banken sind wenn nur geringfügig in US-Kreditkartenverbriefungen investiert."

Bilanzregeln verändert

"Dadurch, dass diese Rezession quasi scheibchenweise kommt, wird auch das große Erwachen nur verzögert einsetzen", sagt auch Kreditexperte Stenger. Denn zuerst würde es die schwächsten Schuldner treffen, die nur einen Kreditrahmen von etwa 200 Dollar hätten. Außerdem könnten die Banken die Ausfälle nach hinten schieben, indem sie ihren Schuldnern zum Beispiel statt 180 Tagen eine längere Rückzahlungsfrist von 360 Tagen einräumten.

Dazu kommt - und das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zum Platzen der Immobilienblase -, dass Regierungen und Banken gelernt haben: "Im Zuge der Rettungsaktionen wurden auch die Bilanzregeln verändert", sagt DIW-Expertin Schäfer. "Banken können diese Kreditpakete jetzt zum Einstiegspreis in ihren Bilanzen verbuchen - und nicht wie bisher zum erwarteten Marktwert. Sie können das Problem also aussitzen."

Das heißt: Im besten Fall werden die strukturierten Pakete mit Millionen von Kreditkartenschulden so lange in den Bilanzen gehalten, bis das Wirtschaftswachstum wieder anzieht, die Leute ihre Schulden bezahlen können und das Ausfallrisiko damit sinkt.

Doch mit dem munteren Kaufen auf Kredit wird es trotzdem erst mal vorbei sein - auch wenn sich die Wirtschaft wieder erholen sollte. "Die Amerikaner werden sich langsam umstellen müssen", sagt Schäfer. "Banken und Staat werden künftig eine höhere Eigenbeteiligung ihrer Kunden einfordern, wenn sie Kredite vergeben."

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