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Luftfahrt Konto mit Code-Wort

Neue Indizien erhärten den Schmiergeldverdacht gegen Airbus. Über Schweizer Konten sollten Provisionen an kanadische Politiker fließen.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Stundenlang warteten kanadische Fernsehjournalisten vor dem Haus des bayerischen Geschäftsmanns Karlheinz Schreiber - hinter den hohen Mauern seines Anwesens in dem bei München gelegenen Kaufering rührte sich nichts.

Die Journalisten wollten den Bayern nach seiner Rolle bei möglichen Schmiergeldzahlungen des Flugzeugherstellers Airbus Industrie befragen. Doch Schreiber scheute die Kamera. Hinter geschlossenen Garagentüren startete er den Motor seines silbernen Mercedes-Sportwagens. Dann öffnete sich das Tor, und Schreiber brauste an den Fernsehleuten vorbei.

Die Szene stammt aus einem halbstündigen Fernsehbericht, in dem der kanadische TV-Sender CBC vergangene Woche massive Vorwürfe gegen den Geschäftsmann Schreiber erhob: Mit seiner Hilfe soll Airbus hochrangige kanadische Politiker geschmiert haben, um den Absatz seiner Mittelstreckenjets zu befördern.

Der Fernsehbeitrag, Reaktion auf einen SPIEGEL-Bericht (12/1995), löste heftige Diskussionen in Kanada aus. Seit längerem steht das europäische Flugzeugunternehmen dort im Verdacht, Milliarden-Geschäfte mit kanadischen Airlines durch zweifelhafte Provisionen abgesichert zu haben.

Nach Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, soll Airbus zu diesem Zweck der Liechtensteiner Briefkastenfirma International Aircraft Leasing Ltd. (IAL) bis zu 46 Millionen Dollar versprochen haben. Das Geld für die IAL, mit der Schreiber seit Jahren geschäftlich verbandelt ist, war als Honorar für Hilfestellungen bei Flugzeugdeals mit den kanadischen Fluglinien Wardair, Air Canada und Canadian Airlines International gedacht. Zuvor war die IAL, die im liechtensteinischen Vaduz lediglich über einen kleinen Raum mit Firmenschild verfügt, freilich nie als kompetenter Flugzeugverkäufer in Erscheinung getreten.

Regie im Airbus-Aufsichtsrat führte damals der 1988 gestorbene bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, mit dem Schreiber eng befreundet war. Schreiber war es auch, der Strauß mit dem kanadischen Geschäftsmann und früheren Politiker Frank Moores, 62, zusammenbrachte - nach dem kanadischen Fernsehbericht eine weitere Schlüsselfigur in dem Flugzeuggeschäft.

Während Airbus und Schreiber jegliche Beteiligung an Provisionsverträgen abstreiten und der Kanadier Moores eine Verbindung zu Airbus-Geschäften oder gar den Empfang von Zahlungen strikt zurückweist, stützen jetzt Manager die SPIEGEL-Darstellung.

»Bei Airbus passieren viele esoterische Dinge«, meinte etwa der Flugzeugexperte Gary Kincaid, der als Manager im Washingtoner Airbus-Büro in die Kanada-Geschäfte eingebunden war. Seine Einschätzung: »Wenn Sie mich fragen, ob Airbus Geld an Leute zahlte, um den Verkauf der A 320 an die Air Canada zu befördern, dann sage ich: Ich denke, das war so.«

In Kanada ermitteln bereits Korruptionsspezialisten der Polizei, in Deutschland die Augsburger Steuerfahndung. Neue Details erhärten den Verdacht, daß die IAL nur eine geschickt getarnte Adresse zur Weiterleitung von Zahlungen war. So behauptet ein früherer Geschäftspartner von Schreiber, aus den IAL-Provisionen hätten alsbald größere Summen an kanadische Politiker und Geschäftsleute fließen sollen, auch an Moores.

Etwa ein Jahr nach Abschluß der Beratervereinbarung, berichtet der Mann, hätten sich Schreiber und Moores in Zürich getroffen, um den Geldtransfer vorzubereiten. In der Filiale des Schweizerischen Bankvereins am Zürcher Paradeplatz sollen die beiden sodann zwei Nummernkonten eröffnet haben.

Für Zahlungen an Moores sei ein Konto mit der Nummer 34 107 vorgesehen gewesen. Über ein weiteres Konto (Nummer 34 117 mit dem Code-Wort »devon") habe man Geld an einen Politiker in Kanada weiterleiten wollen.

Nach Bankunterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, wurde tatsächlich ein Großteil der seit Herbst 1988 aus Frankreich überwiesenen Millionen auf ein Konto des Schweizerischen Bankvereins (Nummer 18 679) weitergeleitet. Von diesem Konto aus, behauptet der ehemalige Geschäftsfreund, habe Schreiber das Geld verteilen wollen.

Frank Moores gilt als eine der schillerndsten Politfiguren in Kanada. Einstmals Premierminister der Provinz Neufundland, ist er eng mit dem konservativen Politiker Brian Mulroney befreundet, der von 1984 bis 1993 die kanadische Regierung anführte.

Nach seinem Ausstieg aus der Politik wußte Moores seine Verbindungen geschickt zum eigenen Vorteil zu nutzen. Er baute mit Hilfe von befreundeten Ex-Ministern die Lobbyisten-Agentur Government Consultants International auf, die einflußreichste, aber wegen ihrer Verflechtungen mit hochrangigen Politikern auch umstrittenste Agentur Kanadas.

Und Moores hatte einen exzellenten Kontaktmann nach Europa: den Strauß-Spezi Schreiber, Hintermann vieler deutsch-kanadischer Industrie-Deals. Schon bald betrauten Firmen wie Mercedes-Benz den Schreiber-Kumpan Moores damit, als Lobbyist ihre Geschäfte in Kanada zu befördern.

Später halfen Schreiber und Moores dem deutschen Waffenhersteller Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) bei der Vermarktung von Helikoptern in Kanada. Im Frühjahr 1986 kaufte die kanadische Küstenwache zwölf MBB-Hubschrauber. Der damalige MBB-Manager Kurt Pfleiderer erinnert sich, Schreiber habe hinter den Kulissen »hervorragende Arbeit« geleistet.

Bei diesem Geschäft war die IAL erstmals als Zahlstelle eingeschaltet worden. »Gentlemen«, schrieb Pfleiderer am 22. Juli 1986 an die Firmenadresse, »wir wollen Sie hiermit in Kenntnis setzen, daß Ihrem Unternehmen aufgrund Ihrer Beratungsaktivitäten ein Honorar von Can $ 1 122 072 zugedacht ist.« Der größte Teil des Geldes sollte genau auf das Konto des Schweizerischen Bankvereins in Zürich transferiert werden, durch das später auch die Airbus-Millionen fließen sollten: Nummer 18 679.

Die Verbindung zu Moores war offenbar auch bei dem ersten Airbus-Geschäft in Kanada hilfreich. Gemeinsam mit ihm und Strauß, berichtet Schreiber, habe er den Verkauf von zwölf Jets vom Typ A 310 im Januar 1987 an die Fluglinie Wardair eingefädelt - freilich ohne Geld dafür bekommen zu haben.

Der Vertragsabschluß war lange Zeit ungewiß, weil die Wardair einen saftigen Preisnachlaß verlangte. »Ohne Hilfe von Strauß«, so Schreiber, »wäre der Deal nicht zustande gekommen.«

Anderthalb Jahre später gelang Airbus dann der größte Coup: der Verkauf von 34 Mittelstreckenjets vom Typ A 320 an die damals noch staatliche Fluglinie Air Canada, ein Kontrakt im Wert von 1,8 Milliarden Dollar. Allein für diesen Deal sollten der IAL rund 20 Millionen Dollar Provision zufließen - was Airbus nach wie vor bestreitet.

Heute residiert Moores in einem feinen Apartment in Florida, wie er selbst angibt, als Mieter. Gekauft wurde die Wohnung Anfang 1990 von der Liechtensteiner Firma Ticinella Anstalt. Geschäftsführer der Ticinella war ein Schweizer aus Lugano - der Mann, der auch die Geschäfte der IAL leitete. Y

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