Konzernkrise Machtkampf bei VW spitzt sich zu

Am 19. April trifft sich der VW-Aufsichtsrat, um über die Zukunft von Konzernchef Bernd Pischetsrieder zu entscheiden. Kritiker und Befürworter des Vorstandschefs bringen sich schon im Vorfeld in Position.


Hamburg/Wolfsburg – Pischetsrieder wies gegenüber dem SPIEGEL eine mögliche Ablösung durch Audi-Chef Martin Winterkorn zurück. "Die Frage, ob Winterkorn mich ablöst, wird uns beide noch begleiten, bis wir 65 sind", sagte der 58-Jährige. Demnach geht der VW-Chef nach wie vor davon aus, dass sein 2007 auslaufender Vertrag verlängert wird.

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Wie es weiter hieß, wird der VW-Aufsichtsrat auf einer Sondersitzung am 19. und 20. April nicht nur ausführlich über die Unternehmensstrategie diskutieren, sondern auch über die mögliche Verlängerung des Vertrags von Pischetsrieder entscheiden. Ein VW-Sprecher wollte dies nicht kommentieren. In Konzernkreisen wurde der Termin aber bestätigt.

Bei dem Treffen der Kontrolleure könnte es zu einer Kampfabstimmung mit einem Patt von zehn zu zehn Stimmen kommen, sollte sich die Arbeitnehmerseite geschlossen gegen Pischetsrieder aussprechen. In diesem Fall wäre die Stimme von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch entscheidend, weil sie doppeltes Gewicht hätte.

Betriebsräte gegen Pischetsrieder

Piëch hatte sich zwar öffentlich für eine Vertragsverlängerung von Pischetsrieder ausgesprochen. Gleichzeitig hatte er den Machtkampf vor wenigen Tagen aber angeheizt und auf eine starke Opposition der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gegen den Konzernlenker verwiesen. Piëch hatte erklärt: "Ich kenne kein Unternehmen in Deutschland, wo jemand mit zehn Arbeitnehmer-Gegenstimmen überleben konnte."

Das Nachrichtenmagazin "Focus" zitierte einen der Betriebsräte im Aufsichtsrat mit den Worten, momentan würden alle zehn geschlossen gegen Pischetsrieders Vertragsverlängerung stimmen, weil dieser einen Konfrontationskurs gegen die Beschäftigten fahre. Der VW-Chef hat 20.000 Arbeitsplätze - ein Fünftel der Belegschaft in den westdeutschen Werken - auf den Prüfstand gestellt und Zugeständnisse des Betriebsrats gefordert. Kündigungen sind bei VW bis 2011 ausgeschlossen.

Als mögliche Alternativkandidaten zu Pischetsrieder wird seit längerem neben Audi-Vorstandschef Martin Winterkorn auch Porsche-Chef Wendelin Wiedeking genannt. Die "Wirtschaftswoche" berichtete über Wiedeking, dieser laufe sich weiter "für den Chefsessel in Wolfsburg warm". Wiedeking hatte aber stets betont, er wolle weiter bei Porsche bleiben.

Rückendeckung aus Niedersachsen

Rückendeckung erhält Pischetsrieder laut "Wirtschaftswoche" vom niedersächsischen Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). Auf der Aufsichtsratssitzung will Wulff den amtierenden Volkswagen-Chef zur Wiederwahl vorschlagen. Er wolle ihn notfalls auch in einer Kampfabstimmung durchsetzen, berichtete das Magazin unter Berufung auf ungenannte Quellen im VW-Aufsichtsrat. Wulff hatte sich am Freitag verhalten vor den Vorstandschef gestellt. Das Land wäre von einem massiven Stellenabbau bei VW am stärksten betroffen.

Der VW-Chefsanierer und Markenvorstand Wolfgang Bernhard soll sich ebenfalls für Pischetsrieder einsetzen. Am Rande des Genfer Autosalons soll Bernhard mit seinem Abgang gedroht haben, falls Winterkorn neuer VW-Spitzenmann werden würde, berichtete der "Focus".

Auch der Finanzchef von Porsche, Holger Härter, stellte sich hinter den VW-Chef: "Mit Pischetsrieder ist ein sehr erfahrener Autoexperte an der Spitze von VW. Wir können uns auf ihn verlassen, was sehr wichtig ist", sagte er der "Welt am Sonntag". Härter zieht demnächst nach Wendelin Wiedeking als zweiter Vertreter des Großaktionärs Porsche in den VW-Aufsichtsrat ein.

Porsche und das Land Niedersachsen halten als größte Anteilseigner inzwischen jeweils mehr als 20 Prozent der Stammaktien des Wolfsburger Autobauers. VW teilte in einer Finanzanzeige mit, die 13 Prozent vom Konzern selbst gehaltenen Stammaktien seien am 28. Februar eingezogen worden.

Porsche hält nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters damit rund 21,3 (vorher 18,5) Prozent, das Land 20,9 (vorher 18,2) Prozent. Durch eine Kaufoption auf weitere 10,9 Millionen Aktien könnte Porsche den Anteil auf 25,2 Prozent aufstocken. Die Stimmrechte sind nach dem VW-Gesetz allerdings auf 20 Prozent limitiert.

suc/ddp/dpa/Reuters



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