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UNTERNEHMEN Kopf aus dem Wasser

Über eine Milliarde Mark muß Bonn für den Salzgitter-Konzern aufbringen. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Fünf Tage lang verhandelte Salzgitter-Chef Ernst Pieper in Moskau. Es ging um eine schlüsselfertige Fabrik zur Produktion des chemischen Grundstoffs Ameisensäure, eines der letzten Großprojekte aus dem laufenden Fünf-Jahres-Plan der Sowjets.

Vor drei Wochen traf Moskau die Entscheidung. Piepers Salzgitter bekam den Zuschlag für das 130-Millionen-Mark-Projekt; der bundesdeutsche Chemie-Konzern BASF und ein finnischer Konzern gingen leer aus.

Anderthalb Wochen später war Pieper wieder auf Ordertour im Osten. Aus Leipzig brachte er einen Auftrag mit, hinter dem die gesamte bundesdeutsche Stahlkonkurrenz her war. Salzgitter soll Stahl aus dem volkseigenen Stahlwerk Eisenhüttenstadt auswalzen. Der Lohnauftrag bringt 200 Millionen Mark.

Zwei Erfolgsmeldungen mithin aus der Zentrale des bundeseigenen Konzerns - doch zwei Nachrichten, die in bemerkenswertem Kontrast zur wahren Verfassung des Salzgitter-Konzerns stehen.

Tatsächlich ging es dem Unternehmen 1983 so schlecht wie nie zuvor. 630 Millionen Mark Verlust, so mußte Pieper am vorigen Freitag seinem Aufsichtsrat vermelden, hat Salzgitter voriges Jahr angehäuft. Und auch für dieses Jahr scheint ein stattlicher Fehlbetrag sicher. Nur Branchen-Führer Thyssen war 1983 im Miese-Machen besser als Salzgitter.

Mit einem rigorosen Schrumpfkonzept will Pieper den Staatskonzern nun wieder auf Gewinnkurs bringen. Die Details sind in einem vertraulichen Papier mit der Überschrift »Unternehmenskonzept« festgehalten. Beim Stahl wie bei der Konzern-Werft Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) soll die Produktion weiter eingeschränkt werden; mit dem Ausbau der weiterverarbeitenden Sparten will Pieper das Unternehmen krisenfester machen.

Daß es soweit gekommen ist, kann dem Management nur zum geringeren Teil angelastet werden. Salzgitter leidet darunter, daß die Firma vornehmlich in Krisenbranchen tätig ist. Das gilt zuvörderst für das Stahlgeschäft, das gut die Hälfte des Umsatzes trägt. Dort waren 1983 allein 160 Millionen Mark Verlust zu verbuchen. Das gilt aber auch für den Schiffsbau mit der Tochterfirma HDW.

Die Verluste allerdings, die von der Tochtergesellschaft Salzgitter Maschinen und Anlagen AG (SMAG) eingefahren wurden, lassen sich nicht mit Branchen-Notständen begründen. Das SMAG-Management hatte die Entwicklung des amerikanischen Ölmarkts völlig falsch eingeschätzt. Auch als die Ölnachfrage Anfang der Achtziger stark zurückging und kaum noch neue Ölfelder erschlossen wurden, produzierte SMAG weiter Tiefpumpen für die Ölgewinnung. Die unverkäuflichen Maschinen wanderten ins Lager, die Maschinenbau-Tochter schrieb voriges Jahr einen Verlust von 80 Millionen Mark.

Leicht hat es das Staatsunternehmen im östlichen Niedersachsen auch in besseren Zeiten nicht gehabt. Der Konzern, der nach dem Krieg aus den Reichswerken Hermann Göring hervorgegangen war, litt immer unter Standortnachteilen. Seine Frachtkosten liegen über denen der Konkurrenz, Entlassungen oder Betriebsstillegungen waren in dieser armen Region bei Politikern und Gewerkschaften kaum durchzusetzen.

Mit einigem Erfolg hatte Pieper immerhin Ende der Siebziger Salzgitter stärker ins Ostgeschäft gebracht und Röhren wie komplette Chemie-Fabriken oder Stahlwerksanlagen in die Sowjet-Union exportiert. Heute ist die Firma, deren Zentrale 20 Kilometer von der DDR-Grenze entfernt liegt, nach Mannesmann der wichtigste bundesdeutsche Lieferant der Sowjets.

Mit der DDR kam der volkseigene Betrieb aus Bundesdeutschland ebenfalls gut ins Geschäft. In den letzten drei Jahren schaffte der Konzern Material und Maschinen für 400 Millionen Mark ins östliche Deutschland. Derzeit bauen Salzgitter-Ingenieure die Hafenanlagen von Rostock aus.

Wenig Erfolg hat Pieper bislang im Kernbereich seines Konzerns, beim Stahl, vorzuweisen. In der Hoffnung auf Subventionen vertändelte Salzgitter viel Zeit mit Fusionsverhandlungen. Fünf Jahre brauchte der Konzern, um bis Ende 1983 die Kapazität von 7,2, auf 5,3 Millionen Tonnen zu verringern und die Belegschaft um 2300 auf 13 700 zu senken. Bis Ende 1985 sollen nun weitere 3250 Arbeitsplätze gestrichen werden. Der Vorstand will die verlustreichen Produktionsstraßen für Drähte und die Fabriken für leichte Profilträger, wie sie beim Bau verwendet werden, schließen.

Das von Aufsichtsratschef Günther Saßmannshausen (Preußag) genehmigte Unternehmenskonzept sieht aber auch Neuinvestitionen vor. Für 60 Millionen Mark will Salzgitter beispielsweise eine hochmoderne elektrolytische Bandverzinkungsanlage bauen.

In der Sparte Schiffbau mußte der Salzgitter-Vorstand lange Zeit auf Bonner Weisung Personal vorhalten. Erst nachdem die Sozialdemokraten mit ihrem Hamburger Regierungschef Schmidt in die Opposition verbannt worden waren, konnte das Salzgitter-Management seine Entlassungspläne für die HDW-Docks in Hamburg und Kiel durchsetzen. Die HDW-Mannschaft, Anfang 1983 noch 11 000 Mann stark, schrumpfte um 4000. Piepers Werftmanager erwägen darüber hinaus, weitere 2100 Mann in Kiel einzusparen. Doch da haben sie den Widerstand von Gerhard Stoltenberg zu überwinden; schließlich ist der Bonner Finanzminister noch immer Vorsitzender der schleswig-holsteinischen CDU.

Die Umstellungen und der Personalabbau kosten Geld, und daran mangelt es in Salzgitter. Für die Verluste des letzten Geschäftsjahres ist der Eigentümer Bonn mit fast einer halben Milliarde Mark aus dem Bundeshaushalt bereits aufgekommen. Doch die laufenden Verluste, die anstehenden Sozialpläne und die Neuinvestitionen kosten 1984 noch mal soviel.

Bonn soll deshalb noch einmal zahlen: Pieper plant fürs Geschäftsjahr 1984 einen Kapitalschnitt; eine gleichzeitige Kapitalerhöhung von rund einer halben Milliarde Mark soll dem Staatsbetrieb zu mehr Eigenmitteln verhelfen. Damit würden dann die Eigenmittel von derzeit miserablen 6,3 Prozent Anteil am Gesamtkapital auf über zwölf Prozent der Bilanzsumme angehoben und der Zinsaufwand für Fremdkapital deutlich abgesenkt. Mit mehr Mitteln will der Salzgitter-Chef allmählich »den Kopf aus dem Wasser« kriegen. Nach internen Hochrechnungen soll 1986 ein Gewinn von 70 Millionen Mark abfallen.

Die Eigentümer in Bonn ließen durchblicken, daß sie ihren Konzern an der

Ostgrenze der Republik nicht verrotten lassen und einiges an Geld anweisen werden. Vielleicht bekommen sie den Einsatz irgendwann auch wieder zurück: wenn der Konzern floriert und er sich, wie jüngst die Veba, zur Privatisierung eignet.

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