Korruption im Mittelstand Bestechlichkeit beginnt im Kleinen

Korruption wird derzeit oft mit Großkonzernen wie Siemens oder VW verbunden. Doch Mittelständler sind ebenso stark betroffen. Fast immer beginnt die Bestechlichkeit mit einer Kleinigkeit - und wächst dann zum gefährlichen Filz.

Von Helmut Reich


Hamburg – Entschließt sich ein mittelständisches Unternehmen, ins Ausland zu expandieren, dann ist die Euphorie zunächst groß: Pressemitteilungen werden herausgeschickt, ein repräsentatives Büro möglichst in der Hauptstadt des ausgewählten Landes eröffnet, die Rede ist von neuen Märkten. Doch einige Tage später ist der Büroleiter mit seinen neuen Kollegen allein - und oft auch allein gelassen.

Wie er die neuen Märkte erschließt, bleibt ihm überlassen, Hauptsache die Zahlen stimmen. Stark steigende Umsätze und Gewinne werden von ihm und seiner Zweigstelle erwartet – mehr interessiert die Zentrale in der Regel kaum, schließlich hat der Manager mit dem Einsatz im Ausland ja auch einen satten Gehaltssprung erlebt. Selbstverständlich, dass er nun vollkommen eigenverantwortlich arbeitet.

"Ein klarer Fall von Empire Building", sagt Hans Jürgen Stephan, Mitglied der Geschäftsführung der auf Risiko- und Krisenmanagement spezialisierten Unternehmensberatung Control Risks. Eine Machtkonzentration ohne nennenswerte Kontrolle – tatsächlich darf sich der Mitarbeiter plötzlich wie ein König fühlen.

Und dieses kleine Königreich bietet das perfekte Umfeld, in dem Korruption beginnen und sich festsetzen kann. "Auch der Mittelständler korrumpiert, um Aufträge zu erlangen", berichtet Stephan. Vor allem dann, wenn in dem Land Korruption an der Tagesordnung ist. "In solchen Fällen dauert es unter Umständen Jahre, bis der Korruptionsalltag Außenstehenden auffällt", so Stephan.

Der Chef hat dann in seiner Bereicherungsmentalität oft sogar eine Vorbildfunktion – mit schlimmen Folgen, denn so bleibt das Unrechtsbewusstsein im ganzen Betrieb unterentwickelt. "Oft beginnt Korruption im Kleinen und wächst sich dann aus, die Täter werden im Laufe der Zeit immer sicherer", beschreibt Stephan die typische Verfilzung, die sich in einem Unternehmen breit machen kann.

Bargeld ist nur schwer abzuzweigen

"Doch aktive Korruption macht immer auch erpressbar", warnt der Sicherheitsexperte. Nicht die einzige Gefahr eines solchen Verhaltens: "Die Summe, die für eine Auftragserlangung ausgegeben werden muss, drückt auf die Gewinnmargen. Der Unterschied zu Großkonzernen macht sich darin bemerkbar, dass es Mittelständlern viel schneller an der notwendigen Liquidität mangeln kann", sagt Stephan.

Trotzdem sind mittelständische Betriebe oftmals anfälliger, da die entscheidenden Personen ihre Positionen meist viel länger innehaben und sich so über die Zeit weit greifende Netzwerke aufbauen lassen. In großen Konzernen ist die Fluktuation dagegen meistens höher.

Auch die Branchenzugehörigkeit spielt bei der Häufung der Korruption eine große Rolle: "In der Statistik liegt die Baubranche immer vorn. Doch auch die stark mittelständisch geprägte Autozuliefererindustrie ist im besonderen Maße von Korruption betroffen", nennt Stephan Beispiele.

"Bei den Zulieferern wurde diese Entwicklung in den vergangenen Jahren sogar noch gefördert, da die Preise gedrückt und viele Unternehmen vor massive Existenzprobleme gestellt wurden", berichtet Stephan: "Nun wird um jeden Auftrag gekämpft, was manchmal leider zum Einsatz unlauterer Mittel führt".

Dabei handelt es sich meistens gar nicht um Geldzahlungen. "Das ist im Mittelstand nicht so stark ausgeprägt, da Bargeld nur schwer abzuzweigen ist. Eher greift man zu anderen Begünstigungen, indem man etwa preiswerte Handwerker besorgt", sagt Stephan.

Merkwürdige Unteraufträge gehören offenbar zur Tagesordnung, werden aber zum großen Teil nicht entdeckt. "Buchhalter prüfen hier oft nur oberflächlich und wägen nicht ab, ob eine Rechnung überhaupt wirtschaftlich einen Sinn ergibt", kritisiert der Korruptionsexperte. "Auch Sponsoring ist eine Form der indirekten Korruption - auf dem öffentlichen Sektor eher rückläufig, wird Sponsoring in der freien Wirtschaft zunehmend stärker wahrgenommen", so Stephan.

Beschleunigungszahlungen zum Teil erlaubt

Doch betroffene Mittelständler haben auch die Chance, das Phänomen Korruption dauerhaft wieder loszuwerden. Allerdings muss dazu eindeutig Position bezogen werden: "Die Verantwortlichen müssen ganz klar sagen, was verboten ist und wo man Ausnahmen zulässt", sagt Stephan.

Das detaillierte Umsetzen von Antikorruptionsmaßnahmen ist dann in der Regel ein langwieriger Prozess. "Ein Unternehmensführer muss sich nicht nur klar gegen Korruption aussprechen, sondern diese Linie auch beibehalten und gegebenenfalls – das ist besonders wichtig – konsequent reagieren, falls es zu Verstößen kommt".

Oft ist bei der Umsetzung von Antikorruptionsmaßnahmen Fingerspitzengefühl gefragt. "Außendienstmitarbeiter haben in bestimmten Ländern einfach das Problem, dass Korruption dort an der Tagesordnung ist - selbst für einfache Leistungen in der öffentlichen Verwaltung werden Schmiergelder verlangt", berichtet Stephan.

Sein Tipp: "Hier könnte eine vernünftige Richtlinie für die Mitarbeiter so aussehen, dass Beschleunigungszahlungen in einem engen Rahmen sogar erlaubt sind, zum Beispiel für Leistungen durch Behörden, auf die sowieso ein Anspruch besteht".



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