Korruptionsaffäre Siemens-Chef blüht hartes Aktionärstreffen

Aktionärsschützer wollen Klaus Kleinfeld und anderen Siemens-Topmanagern bei der Hauptversammlung einen heißen Empfang bereiten. Der Vertrag des Vorstandschefs solle nicht vorzeitig verlängert werden, fordern sie. Im SPIEGEL-Interview bittet Kleinfeld um Fairplay.


München - Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) sprach sich am Wochenende gegen die vorzeitige Vertragsverlängerung für Kleinfeld aus. DSW-Sprecher Jürgen Kurz sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der Aufsichtsrat solle mit einer vorzeitigen Vertragsverlängerung für Kleinfeld warten, bis die staatsanwaltlichen Ermittlungen abgeschlossen seien. Sonst biete der Konzern schon wieder Angriffsfläche und stehe unter Rechtfertigungsdruck.

Kleinfeld: "Viel Licht und leider auch viel Schatten"
DDP

Kleinfeld: "Viel Licht und leider auch viel Schatten"

Die DSW will kein einziges Vorstandsmitglied bei der Hauptversammlung entlasten. "Der gesamte Vorstand hat das Problem viel zu spät aufgegriffen und nicht entschieden genug gehandelt", sagte DSW-Vertreterin Daniela Bergdolt dem "Tagesspiegel".

Scharfe Kritik an der Konzernspitze übte auch der Verein der Siemens Chart zeigen-Belegschaftsaktionäre, der etwa 5000 Mitglieder vertritt. "Nur wer einen guten Job macht, soll auch entlastet werden", sagte der Vorsitzende des Vereins, Manfred Meiler, dem "Tagesspiegel". Dies gelte jedoch nicht für Kleinfeld, Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer, Finanzchef Joe Kaeser, Vorstandsmitglied Rudi Lamprecht sowie den Siemens-Aufsichtsrat und Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann.

Kleinfeld trage die Verantwortung für die Schmiergeld-Affäre und die Pleite der ehemaligen Siemens-Handysparte. Auch Kaeser und Lamprecht hätten in ihrer Verantwortung für die Handysparte versagt. Von Pierer und Ackermann werfen die Belegschaftsaktionäre vor, die 30-prozentige Gehaltserhöhung des Siemens-Vorstands zur Unzeit durchgedrückt zu haben. Pierer habe außerdem in der Korruptionsaffäre "nicht zeitnah gehandelt."

Kleinfeld und die Tiefe des Sumpfes

Eine verweigerte Entlastung hat zwar praktisch keine rechtlichen Folgen, gilt aber als symbolische Ohrfeige für den Betroffenen. Auch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) kündigte dem Bericht zufolge an, sie werde dem gesamten Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung versagen. "Es wird sehr viel Gegenwind geben", sagte Willi Bender von der SdK dem "Tagesspiegel".

Kleinfeld sagte in einem SPIEGEL-Interview mit Blick auf die Korruptionsaffäre, er wisse gegenwärtig "weder, wie tief dieser Sumpf ist, noch wie weit er reicht", doch werde er auf vollständige Aufklärung dringen. Die anstehenden internen Prüfungen sehe er auch als Chance, "aus diesem Prozess als Unternehmen hervorzugehen, das in spätestens drei bis fünf Jahren für weltweit mustergültige Transparenz und Kontrolle stehen wird".

In diesem Zusammenhang äußerte der Siemens-Chef die Hoffnung, dass ihm die Aktionäre am Donnerstag einen fairen Empfang bereiten werden. Gleichwohl sei die Diskussion über die Korruptionsaffäre und das BenQ-Debakel notwendig und richtig, zumal Siemens Chart zeigen eine "deutsche Ikone" sei, die auch für moralische Werte und Integrität stehe.

Trotz der Affäre sieht der Konzernchef das angestrebte Joint Venture der Siemens-Telekomsparte mit Nokia Chart zeigen nicht in Gefahr. "Ich bin optimistisch, dass wir den Abschluss im Laufe des ersten Quartals hinbekommen", sagte Kleinfeld. "Wir sind uns weitgehend handelseinig, was vertragliche Absicherungen angeht." Bei der Hauptversammlung des Konzerns erhoffe er sich einen „fairen“ Empfang. Man werde „über viel Licht und leider auch viel Schatten“ reden müssen.

Die Staatsanwaltschaft München wies unterdessen einen "Focus"-zurück, in der Schmiergeldaffäre werde bereits gegen 60 Beschuldigte ermittelt. "Das kann ich nicht bestätigen", sagte Staatsanwalt Anton Winkler am Samstag zur Nachrichtenagentur Reuters, ohne genaue Zahlen zu nennen.

Die Staatsanwaltschaft hatte zuletzt vor einem Monat mitgeteilt, sie ermittele gegen ein Dutzend Personen, die bei Siemens 200 Millionen Euro veruntreut und über Auslandskonten als Schmiergeld eingesetzt haben sollen. Der "Focus" berichtete nun, seit Dezember seien zehn Verdächtige hinzugekommen, und die Zahl der Beschuldigten habe sich auf 60 erhöht. Es wird erwartet, dass die Staatsanwaltschaft sich in den kommenden Wochen zum aktuellen Stand der Ermittlungen äußern will.

itz/mm.de/Reuters/AP



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