Korruptionsskandal bei Wal-Mart Der Millionen-Mann und der Luxus-Hundezwinger

Am Ende seiner Karriere war er bei Wal-Mart die Nummer zwei und verdiente pro Jahr Millionen - trotzdem soll Tom Coughlin 500.000 Dollar für teils teure, teils triviale Privatvergnügungen veruntreut haben. US-Berichten zufolge ist der Ex-Manager nun bereit, sich schuldig zu bekennen.


Hamburg - Thomas M. Coughlin hatte sich eine scheinbar sichere Position in den bequemeren Rängen beim US-Supermarktriesen Wal-Mart Chart zeigen-Mart erarbeitet. Der stämmige Mann - ein früherer Football-Spieler - galt als Protegé des Firmengründers Sam Walton. Beide vergnügten sich gerne bei gemeinsamen Jagdausflügen, so wird berichtet. Auch nach Waltons Tod setzte Coughlin seine Karriere fort. 2003 war er als Vice Chairman für das gesamte US-Filialgeschäft des weltgrößten Einzelhändlers und dessen Internet-Auftritt zuständig. Im Jahr 2004 kam Coughlin auf Jahresbezüge von über vier Millionen Dollar und galt als möglicher Kandidat für den Posten des CEO.

Wal-Mart-Zentrale: "Geheimes Gewerkschaftsprojekt" als Ausrede?
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Wal-Mart-Zentrale: "Geheimes Gewerkschaftsprojekt" als Ausrede?

Anfang 2005 aber war es - nach 27 Jahren bei Wal-Mart - jäh vorbei mit Coughlins Glanzkarriere. Im Januar schied er erst aus dem aktiven Management aus, im März wurde er auch aus dem Board des Unternehmens gedrängt. Eine interne Untersuchung hatte Hinweise darauf erbracht, dass der Management-Veteran den Konzern mit gefälschten Spesenabrechnungen betrogen haben soll.

Zwischenzeitlich haben sich auch die Staatsanwälte eingeschaltet. Der Vorwurf: Coughlin soll - trotz seiner schon generösen Entlohnung - insgesamt im Verlauf mehrerer Jahre bis zu einer halben Million Dollar unterschlagen haben. Meldungen amerikanischer Zeitungen zufolge ist der Ex-Manager nun bereit, sich des Betruges und der Steuerhinterziehung in sechs Anklagepunkten schuldig zu bekennen. Ein Gerichtstermin dafür soll schon angesetzt worden sein. Coughlings Anwälte und Wal-Mart gaben keine Stellungnahme dazu ab.

Kroko-Stiefel auf Firmenkosten

Wie das "Wall Street Journal" berichtet, soll Coughlin Firmengelder für teils extravagante, teils fast lächerlich triviale private Zwecke verwendet haben. So habe er sich auf Wal-Mart-Kosten einen eigens für entworfenen Hundezwinger für 2590 Dollar angeschafft, einer paar handgefertigte Krokodilleder-Stiefel für 1359 Dollar, und ein Jagd-Automobil für 10.810 Dollar. In der Wal-Mart-Zentrale in Bentonville, Arkansas, sollen viele geschockt und ungläubig auf die Vorwürfe gegen den lang respektierten Top-Manager reagiert haben.

Coughlin soll außerdem CDs, Bier, einen Computer und weitere Artikel aus Wal-Mart-Filialen auf Firmenkosten erstanden haben. Um mit seinen Kindern zu telefonieren, die in anderen Städten studierten, habe er Firmen-Telefonkarten benutzt, heißt es. Seine Untergebenen habe er wiederholt angewiesen, Spesenabrechnungen zu fälschen. Einer von ihnen, Robert Hey, hat sich im November bereits schuldig bekannt.

Bizarr an dem Fall ist, dass Coughlin bisher stets eine Ausrede für seine erstaunlich hohen Spesenausgaben parat hatte: Gegenüber Mitarbeitern und Ermittlern versicherte er zunächst, das fehlende Geld nicht für eigene Zwecke, sondern für ein "geheimes Gewerkschaftsprojekt" verwendet zu haben.

Mindestens zwei Jahre Haft?

Seine Rechtfertigung: Er habe Gewerkschafter mit Geld und Sachmitteln gezielt bestochen, damit sie ihn vorab informierten, wenn Proteste oder Aktionen gegen Wal-Mart geplant seien. Da Wal-Mart wegen seiner Anti-Gewerkschaftspolitik berüchtigt ist, schien diese Behauptung durchaus nicht unplausibel.

Inzwischen liegt aber nahe, sie als reine Fiktion und Schutzbehauptung zu betrachten - weder interne Untersuchungen bei Wal-Mart noch monatelange Ermittlungen der Staatsanwälte haben bis dato irgendeinen Beweis dafür erbringen können, dass es bei Wal-Mart ein solches "geheimes Gewerkschaftsprojekt" gab.

Die Strafverfolger hoffen laut "New York Times" nun, dass Coughlin zu einer Gefängnisstrafe von mindestens zwei Jahren verurteilt wird. Außerdem sei absehbar, dass der Ex-Manager 350.000 Dollar oder mehr an den Konzern zurückerstatten müsse.

Coughlins engste Mitarbeiter in der Zentrale in Bentonville hielten bis zum Schluss zu ihrem Boss. Obwohl Coughlin seine Praktiken über Jahre durchgehalten haben soll, drang nichts nach außen.

Der Anlass für den Fall des mächtigen Managers war eine Nachfrage eines kleinen Filialangestellten. Coughlin hatte in einem Wal-Mart-Center ein Paar Kontaktlinsen erstanden - nicht auf eigene, sondern auf Firmenkosten. Der Angestellte rief in Bentonville an, um sich nach der Zulässigkeit dieses Handelns zu erkunden - und brachte damit die internen Ermittlungen ins Rollen.

Matthias Streitz



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