Kosmetik-Branche L'Oréals großer Bluff

L'Oréal ist der größte Kosmetikkonzern der Welt, der profitabelste - und auch der verschwiegenste. Die Geheimniskrämerei hat einen Grund: Die triste Realität der Pariser Chemieküche, für die Stars wie Claudia Schiffer und Beyoncé Knowles werben, würde die Traumwelt der milliardenteuren Produktinszenierungen nur stören.

Paris - Im Nordwesten von Paris liegt der Vorort Clichy. Es ist die Gegend, wo Stadtpläne abbrechen und Luftbilder von Paris abgeschnitten werden. Clichy, so scheint es, ist niemandem zuzumuten. Postkarten des Ortes gibt es nicht. Kein Tourist soll sich an Motiven von baufälligen Sozialwohnungen vor achtspurigen Autobahnen die Augen verderben.

Mitten in Clichy, zwischen marokkanischen Reisebüros, der Tankstelle Speedy und Bürgersteigen mit Erbrochenem liegt die Zentrale von L'Oréal - des größten Kosmetikkonzerns der Welt. Der Bau wird "Fabrik der Schönheit" genannt, wenngleich die bierflaschenbraun verglaste Fensterfront der sonstigen Hässlichkeit des Viertels in nichts nachsteht.

Stellenweise wirkt das Gebäude wie ein Hochsicherheitstrakt: Sieben Kameras sind vor der Garageneinfahrt montiert. Innen passen Sicherheitsleute darauf auf, dass nicht fotografiert wird. Unretuschierte Realität scheint bei L'Oréal allergische Reaktionen auszulösen. Es gebe keine Fotos, die man nicht selbst gesteuert habe, sagt Monika Riemke von L'Oréal Deutschland, die extra anreist, wenn deutsche "Medienpartner" zu verpflegen sind.

Unten, im Souterrain der Zentrale, liegt der größte Coiffeursalon der Welt: 90 Friseusen versorgen hier über 300 Frauen pro Tag umsonst: Studentinnen, Arbeitslose und Rentnerinnen, die neue Tinkturen an ihrem Haar testen lassen. Manche kommen seit Jahren. Eine Sitzung kann sich über einen Tag hinziehen. Die Frauen verbringen Stunden damit, irgendwelche Coloratur-Kuren einwirken zu lassen. Einige Ältere wirken wacklig, wenn sie sich vom Haartrockner erheben. Die Gesichter der Frauen sehen nach Schwerstarbeit aus, die Luft in dem fensterlosen Raum ist schlecht. Was L'Oréal unter Qualität versteht scheint einiges mit Qual zu tun zu haben.

Ganz oben, in der zehnten Etage der Firmenzentrale, wo die Flure holzgetäfelt und die Teppiche aprikosefarben sind, liegt das Zimmer von Béatrice Dautresme, der Entwicklungschefin. Fotos von ihr gibt es nur als Starschnitte der Hoffotografen. Die 58-Jährige wirkt darauf wie Anfang 40.

In Dautresmes Büro hängt ein schwerer Duft von Blumen. Er steigt aus einem Miniaturbassin auf, das auf ihrem Schreibtisch steht und dem sie synthetisches Rosenöl zugesetzt hat. "Die Welt wäre trüber ohne L'Oréal", sagt sie.

Dautresme, seit 2001 als erste und bisher einzige Frau im L'Oréal-Vorstand, ist so etwas wie der Chef-Trendscout des Unternehmens. Sie soll Moden antizipieren, ahnen, wie glänzend junge Chinesinnen ihre Lippen gern hätten und wie viel Wachs und Polymere in deren Wimperntusche muss, damit die Wimpern schön aufgebogen wirken. Sie muss Kulturunterschiede kennen und daraufhin Produkte verändern: In indische Shampoos muss mehr Öl als in europäische, in japanische Lippenstifte darf kein Duftstoff - und damit die Chinesin versteht, warum sie für die hauseigene "Vichy"-Creme mehr Geld ausgeben soll, heißt die Marke dort "Dr. Vichy".

"Wir haben eine wichtige Mission", sagt Béatrice Dautresme mit einem Ernst, als spreche sie von einem Hilfsprojekt für Kindersoldaten in Afrika. "Kosmetik steht für Freiheit."

Vor allem gilt das natürlich für ihre Produkte. "Sie schaffen Selbstvertrauen und sind ein phantastisches Mittel, um die eigene Identität zu finden", sagt die Französin. Mehr noch: Sie würden Toleranz und Offenheit fördern, würden helfen, altmodische Regeln zu brechen, den Wunsch nach einer multikulturellen Welt wahr werden lassen - mit L'Oréal-Artikeln könnten junge Japaner probieren, wie Afrikaner und Afrikaner wie Europäer auszusehen. Ach ja, gegen das Gefühl von Isolation im Alter würden die Produkte auch helfen.

Was sich anhört wie ein Traum, kann Monika Riemke erklären: "Alte Leute stehen auf, stehen gerade und fallen nicht mehr so oft hin, wenn sie unsere Produkte benutzen", sagt sie. Für diesen außergewöhnlichen Wirkungszusammenhang gebe es - wie für fast alles im Hause L'Oréal - auch eine Studie: "Look Good Feel Better."

Mit Glücksformeln wie diesen ist L'Oréal weit gekommen. Aus dem Pariser Hinterhofapartment, in dem der junge Chemiker Eugène Schueller 1907 die ersten synthetischen Haarfärbetinkturen anrührte, ist ein Weltkonzern mit über 14 Milliarden Euro Umsatz geworden. Ein Treibhaus des Geldes: 20 Jahre in Folge stieg der Gewinn - auf zuletzt 2,1 Milliarden Euro. Den Großteil davon kassiert Liliane Bettencourt, Schuellers einzige Tochter, Großaktionärin des Konzerns und reichste Französin.

Das Vermögen der 82-Jährigen wird auf 16,6 Milliarden Euro geschätzt - und ein Versiegen der Quelle ist nicht abzusehen. Mit einer Artillerie von 17 Marken, Hunderten Artikeln und immer kürzeren Innovationszyklen flutet die Gruppe die Regale der Einzelhändler. Sie beherrscht 15 Prozent des globalen Kosmetikmarktes und verkauft 130 Produkte - pro Sekunde.

Warum es keine Mittel gegen Cellulite geben kann

Anders als die Konkurrenz kann L'Oréal Innovationen wie etwa neue Sonnenschutzfilter über die gesamte Produktpalette streuen. Was zuerst in Luxusmarken wie Helena Rubinstein oder Lancôme auftaucht, wird später, unter erneutem PR-Geklapper, an Massenlabels wie Ambre Solaire oder Garnier durchgereicht.

Als sich Ende der neunziger Jahre eine Sättigung des Geschäfts in Europa abzeichnete, richtete der Firmenchef Lindsay Owen-Jones die Gruppe globaler aus. Neue Kundschaft sah der Brite vor allem in Schwellenländern wie China, Brasilien, Indien und Südafrika. Er übernahm Marken wie die chinesische Hautpflegeserie Mininurse oder die US-Labels Softsheen und Carson, die den afro-amerikanischen Markt mit ethnischer Kosmetik wie Hautbleichmitteln und Haarglättern überziehen.

Für Marken-Make-ups wurden Stars wie die Boxerin Laïla Ali oder die Schauspielerin Gong Li verpflichtet - und tatsächlich stieg der Umsatzanteil der Schwellenländer in den vergangenen zehn Jahren von neun auf 20 Prozent. Die Aura, die Owen-Jones trotz seines kürzlich angekündigten Rückzugs umgibt, hat viel mit diesem Riecher zu tun. "Auf ein Interview mit ihm warten Journalisten über ein Jahr", raunt Monika Riemke ehrfürchtig.

Manchen französischen Journalisten scheint der 58-Jährige bis heute ein Rätsel: Sie halten den in der Nähe von Liverpool aufgewachsenen Briten für einen Walliser, und berichten von dessen reibungsloser Traumkarriere bei L'Oréal. Dabei durfte der 23-Jährige Oxford-Absolvent, als er beginn, erstmal die Ochsentour durch Nordfrankreich und Belgien machen, als Handelsvertreter des Billigshampoos Dop.

Auf dem Foto des Geschäftsberichts lehnt sich Owen-Jones wie ein Macher über den Konferenztisch. 16 Jahre als L'Oréal-Chef haben keine Spuren hinterlassen, bedeutet das Foto. Sein Gesicht scheint gut ausgeleuchtet und retuschiert worden zu sein.

Doch wenn das Licht erlischt, verblasst auch der Mythos. Dann sind Furchen zu erkennen, die eigentlich sein Gesicht durchziehen. Aber Furchen sind Gift für einen Konzern, der Straffheit verspricht. Sie könnten den Eindruck von Überforderung erwecken. Die Wahrnehmung der Aktionäre könnte aus dem Ruder laufen. Die Legende bröckeln. Der schöne Schein der Künstlichkeit verblassen. Genauso wie bei seiner Firma.

Eines der rührendsten Märchen aus dem Reich der Kosmetik ist das des Parfums. Es spielt im südfranzösischen Grasse und handelt von Bauern, die Rosen züchten, den Extrakt destillieren und an Parfumeure verkaufen, die daraus Düfte kreieren. Auch L'Oréal strickt an dieser Folklore mit und behauptet im Umweltbericht "nachwachsenden pflanzlichen Rohstoffen den Vorzug" zu geben - obwohl in der gesamten Branche fast nur noch mit synthetischen Essenzen gearbeitet wird.

L'Oréal herrscht über Düfte wie Giorgio Armani, Ralph Lauren und Cacharel, aber beschäftigt keinen einzigen Parfumeur. Für Handarbeit ist in dieser Industrie längst kein Platz mehr. In einer Reportage des Privatsenders M6 wurden die Kosten eines weltweiten Produkt-Launches auf 40 Millionen Euro geschätzt. Ein Duft ist vor allem ein Name und eine Kampagne - erst dann kommt das Wässerchen, und das wird nicht einmal im eigenen Hause produziert.

L'Oréal beschäftigt Auftragsfertiger wie den Schweizer Duftspezialisten Givaudan, dessen Geruchsfabriken wie Raffinerien aussehen. In Schauvitrinen präsentiert Givaudan Edel-Essenzen gleich neben WC-Reinigern. Der reine Produktwert der beiden Artikel wird sich nicht erheblich unterscheiden: Bei einem 60 Euro teuren Duft liegt er etwa bei 1,50 Euro.

Wie sehr Produkte zu Lakaien ihrer Marken geworden sind, wird nirgendwo besser vorgeführt als in der Kosmetikindustrie. Genau genommen haben Produkt und Marke nichts mehr miteinander zu tun. Während etwa in der Autoindustrie der Produktionsprozess noch eine vorzeigbare Ästhetik besitzt, wird er in der Kosmetik versteckt. Was sollte man auch zeigen? Chemieküchen? Tierversuche? "Wir führen seit 1989 keine Tierversuche mehr durch", sagt Monika Riemke empört.

Was sie nicht sagt: Pierre Simoncelli, L'Oréal-Cheflobbyist in Brüssel, bearbeitete das EU-Parlament sogar bis zur Ebene der Fraktionsmitarbeiter der Grünen, um das Tierversuchsverbot für Kosmetika zu kippen. L'Oréal hat sich für die kleinen Auftragstester in die Bresche geworfen, die Inhaltsstoffe an Tieren probieren und sich für die Großkonzerne die Finger blutig machen. So bleiben diese weiter sauber. So sauber wie in ihrer Reklame.

In Jubel-Anzeigen für ein Anti-Cellulite-Mittel titelte L'Oréal vor kurzem in der Zeitschrift "Gala": "Nein zum Orangenhaut-Effekt! 85 % bestätigen Wirksamkeit." Befragt worden waren 50 Frauen, von denen die meisten bereits nach acht Tagen gespürt haben wollen, wie sich ihre Haut strafft. Blindtests gab es nicht.

Im "Öko-Test" fiel bezeichnetes Gel und zwei weitere Markenprodukte des Konzerns als "ungenügend" durch. Sie waren nicht nur "schlaff" im Ergebnis (wie die meisten Konkurrenzprodukte), sondern erwiesen sich als wahrer Chemie-Cocktail: Neben Polyethylenglykolen, die die Haut schadstoffdurchlässig machen können, fanden die Tester Phthalate (Weichmacher), die von der EU als fortpflanzungsschädigend eingestuft werden. In zwei L'Oréal-Produkten wiesen sie künstliche Moschus-Verbindungen nach, die sich im Fettgewebe anreichern. Ein Leben lang.

Cellulite wegzucremen ist etwa so sinnvoll, wie dies mit seinen Brüsten zu versuchen. "Es gibt kein Mittel, mit dem man Cellulite wegcremen kann", sagt Kerstin Scheidecker von "Öko-Test". Und das dürfte es auch gar nicht geben: "Die deutsche Kosmetikverordnung schließt die Beeinflussung von Körperformen aus", so Scheidecker.

Hans Schäfer hat für L'Oréal auf diesem Grenzgebiet zwischen Kosmetik und Medizin gearbeitet. Bis vor vier Jahren gehörte der deutsche Biochemiker zum Forscherteam von L'Oréal, in dem inzwischen weltweit 2900 Wissenschaftler arbeiten. Wenn Schäfer von seinen Anti-Aging-Anordnungen berichtet, hört sich das ein wenig so an, als probiere ein Schüler seinen neuen Chemiebaukasten aus: "Ich hab mal Vitamin C, Vitamin A, Collagen, Entzündungshemmer und Antioxidanzien zusammengemixt", so Schäfer. "Hat aber nicht funktioniert."

Doch Schäfer hat auch an echten Coups mitgearbeitet: Mitte der achtziger Jahre entwickelte er eine Aknecreme auf Retinoid-Basis, mit der sich die L'Oréal-Tochter Galderma in den Bereich der Medikamente vorwagte. Erste menschliche Tests mit dem problematischen synthetischen Molekül lagerte Galderma damals vorsichtshalber nach Warschau aus.

Schäfer entwickelte auch ein Haarwuchsmittel - hat aber offenbar die Marketing-Strategie nicht mehr ganz im Kopf. Die Tinktur halte nur "in begrenztem Maß den Haarausfall auf und wirkt nicht bei allen", sagt er trocken. Wer sie anwende, müsse schon sehr auf sein Haar fixiert sein.

"Das klebt", sagt Schäfer, der jahrelang im L'Oréal-Forschungszentrum in Clichy arbeitete. An diesem Morgen berichten dort zwei Biochemikerinnen stolz von der "aggressiven Patententwicklung" der Gruppe. 515 Patente halte L'Oréal weltweit. Einige würden bereits auf Nanotechnologie basieren und Substanzen einkapseln. Das sei wichtig für die neuen Nahrungsergänzungsmittel mit kosmetischer Wirkung.

Solche Produkte entwickelt L'Oréal zusammen mit dem Nahrungsmittelgiganten Nestlé, dem nach Liliane Bettencourt zweitgrößten L'Oréal-Gesellschafter - über dessen Manager die große alte Dame zumindest in Stilfragen mitunter den Kopf schütteln wird: Zu ihren Lebzeiten schon offen über ihre Nachfolge zu reden und, wie Ex-Nestlé-Boss Helmut Maucher 1992, keinen Hehl daraus zu machen, den Kosmetikriesen als Ergänzung des Schweizer Multis schlucken zu wollen - das muss der französischen Geldadligen wie der Aufstand des eigenen Gesindes vorkommen.

"Sagt den Leuten, dass sie hässlich sind"

Die zwei Forscherinnen erzählen noch vom Lippenstift "Metashine", der so metallisch glänzt "wie die Lackierung eines Autos". Das Verfahren habe man "im Prinzip" von der Autoindustrie übernommen. Am Tag zuvor hatte der Umweltbeauftragte von L'Oréal von der Zusammenarbeit mit der Bauindustrie gesprochen, die die Harzreste aus Haarwachs-Dosen aufkaufe.

Der Weg in das Epizentrum der Schönheit führt weiter durch Labore, in denen Apparate stehen, die wie stählerne Mikrowellen aussehen. In ihnen hängen gefärbte Haarsträhnchen, die erst UV-bestrahlt und dann tagelang gespült und gewaschen werden, um zu wissen, wie viel Chemie in die Färbemittel muss.

Auf dem Schreibtisch von Bruno Bernard liegt das "British Journal of Dermatology". Bernard hat darin gerade einen Artikel über die Funktion des Haarfolikels veröffentlicht. L'Oréal hat auf diesem Gebiet so viel an Grundlagenwissen zusammengetragen, dass sogar gerichtsmedizinische Institute die Firma konsultieren.

Mitte der neunziger Jahre hat Bernard mit anderen Forschern ein 1,5 Zentimeter langes künstliches Haar aus der Petrischale wachsen lassen, was Weltrekord war. "Wir haben dem Folikel ein bisschen Glucose und Vitamine gegeben", sagt Bernard, "genauso wie dem bekannten Fructis-Shampoo". Was das bringe? "Das kann, denken wir, einen lokalen Wachstumseffekt haben", sagt er. "Aber es ist nicht nötig, das zuzuführen." Bei dem letzten Satz wird Monika Riemke blass.

In dem kleinen Büro von Rainer Schmidt hängt ein riesiges Poster mit den Schichten der menschlichen Haut. Schmidt hat als Biochemiker an der FU Berlin gearbeitet, ehe er vor 20 Jahren zu L'Oréal kam, in die dermatologische Abteilung. "Zuerst wusste ich nichts über die Haut", sagt Schmidt. Nun liegen auf seinem Schreibtisch Modelle rekonstruierter menschlicher Haut. Es sind gut fingernagelgroße Stücke, die aussehen wie Ravioli. L'Oréal erforscht mit ihnen Dinge wie UV-Resistenz und Pigmentierung - Grundlagen, die längst nicht alle in Produkte umgesetzt werden können.

Schmidt spricht über Marketing. Gerade hätte ein Konkurrent damit geworben, dass pflanzliche DNS hautverjüngend wirke. "Da kann ich nur lachen", sagt er. Klar sei auch, dass Moleküle wie Elastin viel zu groß seien, um in der unteren Hautschicht anzukommen und dort einen Effekt zu erzielen. Monika Riemke rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. Wenn man genau hinschaue, so Schmidt, gibt es solche Versprechen "wohl auch bei uns".

Die meisten PR-Abteilungen der Kosmetikbranche arbeiten deshalb mit sogenannten "Fall-Back"-Strategien: Wenn eine Kampagne mal den Mund zu voll nimmt und eine Abmahnung droht, kommt die abgeschwächte Version zum Einsatz. Riemke sagt nur knapp, dass jeder Werbetext "juristisch geprüft" werde und drängt zum Aufbruch.

Schmidt und Bernard sitzen, wenn man so will, im akademischen Reservat der globalen Schönheitsfarm L'Oréal. Ihr wissenschaftlicher Instinkt sollte sich spätestens da ausblenden, wo das Marketing beginnt. Sicher, 480 Millionen Euro (gut drei Prozent des Umsatzes) steckt die Firma in die Forschung - wenn auch nur ein Drittel davon in die Grundlagenforschung (der Rest ist weniger anspruchsvolle Anwendungsforschung).

Was L'Oréal jedoch nicht kommuniziert: 2,2 Milliarden Euro flossen 2003 in die Werbung. Auf der Liste der weltweit größten Werbetreibenden liegt die französische Gruppe gleich hinter DaimlerChrysler auf Rang acht - mit einer Rekordsteigerungsrate von 37,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Den angestaubten PR-Slogan "Weil ich es mir Wert bin" scheint L'Oréal dabei vor allem zu exorbitanten Preissteigerungen zu nutzen: Das französische Verbraucherschutzjournal "Que choisir" ermittelte für einige Produkte nach der Euro-Umstellung eine Teuerungsrate von bis zu 46 Prozent.

Bereits in den zwanziger Jahren überzog Gründer Eugène Schueller die Franzosen mit seinen Kampagnen. Werbung war für ihn das "Mittel gegen die Faulheit der Konsumenten". L'Oréal war eine der ersten Firmen, die nach dem Krieg einen PR-Chef engagierte. Bekannte Sänger wurden unter Vertrag genommen und gingen mit L'Oréal-Chansons auf Tournee.

Das Unternehmen rief "Tage des sauberen Kindes" aus und ließ Kommandos junger Mädchen in Ami-Schlitten durch Badeorte defilieren und Ambre Solaire verkaufen. Und 1948 war es natürlich ein L'Oréal-Pin-Up, das als erste im Bikini auftrat und Bauchnabel zeigte.

Heute heißen die L'Oréal-Models Botschafter, so als ob sie ehrenamtlich für einen humanitären Zweck werben. Claudia Schiffer und Cathérine Deneuve sind in diesem "Dream-Team" - und seit kurzem auch die schwarze Sängerin Beyoncé Knowles. Als Lieblingsprodukt gibt Schiffer eine Hautcreme an, Knowles das Färbemittel Féria Colour Booster, eine der ganz harten Chemiekeulen des Unternehmens.

Einige Produkte der Féria-Serie enthalten Phenylendiamin - ein aggressives Allergen, das bereits in den dreißiger Jahren in Wimperntusche schwere Augenschäden verursachte. Der Stoff bringt Gewässer zum Umkippen, ist als gefährlicher Abfall zu entsorgen und möglicherweise krebserzeugend - aber als Färbeutensil offenbar sehr beliebt.

Um keine Risiken einzugehen warnt L'Oréal auf dem Beipackzettel vor Hautirritationen und "Erblindung" - letzteres natürlich nur, wenn man auf die Idee kommt, sich damit die Augenbrauen zu färben.

Beyoncé Knowles wirbt zudem noch für L'Oréal-Spray, -Gel und -Mousse. Um ihre ursprünglich kraus-schwarzen Haare in glatte, künstlich-glänzend braune zu verwandeln, wird sie Glattmacher brauchen, die die Schwefelverbindungen brechen und mit Hilfe von Oxidanzien wieder neu zusammenfügen. Die Haarzähmung ist eine Tortur.

Massiert sich die Sängerin nur annährend das Gemisch in die Haare, für das sie wirbt, ist ihr Kopf ein kleines chemisches Sondermülllager. Was L'Oréal "ethnischen" Haarpflegemarkt nennt, ist nicht viel anderes, als das Konditionieren von Millionen schwarzer Kunden auf das europäische Schönheitsideal.

"Sagt den Leuten, dass sie hässlich sind", hatte Eugène Schueller seinen Händlern schon 1934 geraten, um den Verkauf seiner Produkte anzuschieben. Es war die Zeit, als sein Dop-Shampoo erste Erfolge feierte, sich sein soldatischer Führungsstil herausprägte und ihm seine Macht irgendwie zu Kopf stieg.

Schueller wird ein radikaler Gegner der Republik. Er finanziert die Gruppe "La Cagoule", eine krude Mischung von faschistischen Teilzeit-Terroristen, die 1937 einen Staatsstreich planen. Die Gruppe trifft sich mehrmals im L'Oréal-Hauptsitz. Die nationale Revolution, erklärt er 1941, "kann nicht anders als blutig sein". Er profiliert sich als Antisemit - wie der junge André Bettencourt, der als Journalist bei der von den Nazis gegründeten Pariser "Propagandastaffel" arbeitet und etwas später Schuellers Tochter Liliane heiratet.

In dieser Zeit, im Mai 1937, wird es in Karlsruhe für die jüdische Familie Rosenfelder so eng, dass sie unter Druck nach Frankreich emigriert und ihr Haus in der Wendstraße 19 zurücklässt. Vor einigen Monaten hat Monica Waitzfelder, die Enkelin der Rosenfelders, ein Buch darüber vorgelegt. Es heißt "L'Oréal a pris ma maison" und es führt die Vertreibung ihrer Familie und den Schönheitskonzern auf hässliche Weise zusammen.

Der Buchtitel ist das leise Lamento ihrer Mutter, die die Vertreibung aus Karlsruhe als Mädchen erlebte und später in Brasilien erfuhr, dass L'Oréal auf dem Gelände ihres Hauses 1954 den deutschen Firmensitz errichtet hat. Laut mochte ihre Mutter nicht darüber reden, "denn als verrückt wollte sie nicht gelten", sagt die Tochter, die einen deutschen Pass hat und seit längerem in Frankreich lebt. Nun hat Monica Waitzfelder ihrer Mutter einen Teil ihrer Geschichte zurückgeholt.

Monatelang hat sie in Archiven gebuddelt und in akribischer Recherche belegt, wie das Haus 1938 zwangsenteignet und an den Badischen Gemeindeversicherungsverband verkauft wurde. Und wie das Grundstück des im Krieg zerstörten Hauses dann 1954 L'Oréal zugeschanzt wurde - für 27.000 Mark. Eine Entschädigung dafür hat ihre Familie nie bekommen. Wenn schon der erste Verkauf Unrecht war, dann können die folgenden nicht rechtens sein, so Waitzfelder. Sie klagte gegen den Konzern und verlor. Anfang November hat der französische Kassationsgerichtshof ihre Schadensersatzklage zurückgewiesen. Die Enteignung sei verjährt, die Bereicherung nicht französische Zuständigkeit.

1991 hatte L'Oréal das Karlsruher Gebäude für 5,3 Millionen Mark verkauft. Kurz zuvor war herausgekommen, dass der Konzern bis in die achtziger Jahre als Versorgungsanstalt für "Cagoule"-Schergen und deren Angehörige fungiert hatte. Zusätzlich als NS-Profiteur in Deutschland dazustehen hätte nicht so gut ausgesehen. Monica Waitzfelder wird nun vor dem Europäischen Gerichtshof klagen.

Nicht, weil sie Lust dazu hat.

Weil sie es sich wert ist.

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