Kostenexplosion Bauindustrie gibt Mehdorn Schuld am Transrapid-Debakel

Wer ist schuld am Desaster? Der bayerische Bauindustrieverband macht jetzt Bahn-Chef Mehdorn für die Fehlkalkulationen bei der Münchner Transrapid-Strecke verantwortlich - und fordert personelle Konsequenzen.


Hamburg - Keiner will's gewesen sein - so sucht jeder beim andern die Schuld. Der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Bauindustrieverbands, Gerhard Hess, erklärte jetzt: "Die hohen Kosten sind das Resultat einer Planung, die allein in den Händen der Bahn lag." Die Bauindustrie habe erst im Oktober/November vergangenen Jahres mehr als 200 Ordner mit den Ausschreibungsunterlagen erhalten und anschließend ihre Kosten berechnen können. Die Bahn weist die Vorwürfe zurück. Die Industrie habe schon an dem ersten Planfeststellungsverfahren mitgewirkt, sagte eine Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE. "Sie hätte wissen müssen, was auf sie zukommt."

Der neue Transrapid TR 09 auf der Transrapid-Versuchsanlage Lathen: Niedersachsen will die Teststrecke erhalten
DDP

Der neue Transrapid TR 09 auf der Transrapid-Versuchsanlage Lathen: Niedersachsen will die Teststrecke erhalten

Die an der Planung der Münchner Transrapid-Strecke beteiligten Firmen mussten sich dieser Tage heftige Kritik gefallen lassen: Noch vor einem halben Jahr hatten die Unternehmen ein Preisangebot von 1,85 Milliarden Euro abgegeben - am gestrigen Donnerstag hieß es dann, die Kosten würden wohl die Drei-Milliarden-Euro-Grenze überschreiten. Daraufhin beschlossen der Bund und Bayern das Aus für die Strecke.

Hess sagte, zum Zeitpunkt der Realisierungsvereinbarung am 24. September 2007 habe die Bahn bereits gewusst, dass die Kostensumme von 1,85 Milliarden Euro unrealistisch sei. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn habe jedoch die Vereinbarung ohne Vorbehalt unterzeichnet. "Es ist unerträglich, wie sich Politik und Wirtschaft durch den Vorstand der Bahn an der Nase herumführen lassen", sagte Hess. Hier sei die Zeit reif für "personelle Konsequenzen" im Bahn-Vorstand.

"Welt Online" zufolge soll der Hauptgrund für die Preissteigerungen beim jetzt gescheiterten Transrapid-Bau in München nicht bei den Technologiekosten liegen, sondern bei denen des Baukonsortiums unter der Führerschaft von Hochtief. Insgesamt seien die veranschlagten Kosten von den geplanten 1,85 sogar auf 3,8 Milliarden Euro gestiegen. Statt der 820 Millionen Euro, wie im September avisiert, sollten dem Bericht zufolge nun allein 2,2 Milliarden Euro für Trasse und Tunnel ausgegeben werden.

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet unter Berufung auf Regierungskreise, vor allem die Kosten für den Bau der Trasse seien unterschätzt worden. Statt der ursprünglich geplanten 700 Millionen Euro, hätte sie tatsächlich wohl 1,7 Milliarden Euro gekostet. Vor allem bei der Untertunnelung des Münchner Hauptbahnhofs habe man sich verkalkuliert. Hochtief hatte schon am Donnerstag alle Vorwürfe von sich gewiesen, für die extremen Kostensteigerungen verantwortlich zu sein.

Vater des Transrapid plädiert für Technologie-Verkauf

Heftigen Streit gibt es auch über die Frage, wo die Zukunftschancen des Transrapid liegen. ThyssenKrupp dementierte einen "Welt Online"-Bericht, wonach der Konzern den Verkauf der Antriebstechnologie nach China erwäge. "Wir vertrauen weiter auf die Transrapid-Technologie", sagte eine Sprecherin. Einer der Väter der Technologie dagegen plädiert für den Verkauf ins Ausland. Peter Mnich, Hochschullehrer für Bahntechnologie an der TU Berlin und Mitentwickler der Transrapid-Teststrecke im Emsland, sieht keine Chance, die Technik in Deutschland zu halten. "Wir Deutschen werden alleine keine weitere Strecken durchsetzen, sei es in den USA oder in den Golfstaaten", sagte Mnich.

Wer verkaufen wolle, müsse die Technik auch selbst anwenden. Nur in China sei die Technik sehr gefragt. "Also müssen wir kooperieren und jetzt auch verkaufen, was sich verkaufen lässt", forderte Mnich, der selbst ein Büro für Zugtechnik in der chinesischen Metropole Shanghai unterhält. Durch einen Verkauf würde zwangsläufig auch die Forschung ins Ausland verlagert werden. "Das ist schade, aber nicht anders zu machen", erklärte Mnich. In Deutschland sei Jahrzehnte geforscht worden, jetzt seien Verbesserungen nur noch durch Anwendung der Magnetschwebetechnik möglich. "Und die findet in Shanghai statt."

Die niedersächsische Landesregierung sieht das anders - sie will die Emsländer Teststrecke erhalten. Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) erwartet die Wiederaufnahme des Betriebs auf der derzeit stillgelegten Teststrecke für den Sommer. Die Versuchsanlage war nach einem schweren Unfall im September 2006 stillgelegt worden. Damals waren 23 Insassen eines Transrapid-Zugs getötet worden. "Lathen wird unabhängig von der Münchner Strecke mehr denn je benötigt, um das Know-how in Deutschland zu halten und den Transrapid weiterzuentwickeln", betonte ein Sprecher des Wirtschaftsministers. Eine neue Generation des Schwebezugs, der Transrapid 09, wird derzeit für den Betrieb vorbereitet. Die Betreibergesellschaft IABG hatte im Dezember dafür einen Antrag auf Betriebsgenehmigung gestellt. Bund und Industrie tragen die Kosten für die einzige Transrapid-Strecke in Deutschland.

Der Vizedirektor des Eisenbahn-Instituts der Shanghaier Tongji-Universität, Xie Weida, erklärte einen Ankauf der Transrapid-Antriebstechnologie durch China für "unwahrscheinlich". China verfüge zwar bereits über eine Transrapid-Strecke und damit über die Grundlage für das Verkehrssystem. Der Preis für die Kerntechnologie des Transrapid dürfte aber äußerst hoch sein, sagte Xie Weida. China könne ein Angebot "vorsichtig" prüfen, räumte der Professor aber ein.

ase/AFP/AP/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.