Kostenstreit Daimler droht mit Job-Verlagerung

DaimlerChrysler setzt seine Mitarbeiter unter Druck: Die Produktion der C-Klasse soll aus dem Stammwerk Sindelfingen nach Bremen oder gar Südafrika verlagert werden. Sollte der Betriebsrat sich nicht auf Millionen-Zugeständnisse einlassen, wären 6000 Arbeitsplätze bedroht.


C-Klasse-Produktion: Betriebsräte planen noch diese Woche weitere Proteste
DPA

C-Klasse-Produktion: Betriebsräte planen noch diese Woche weitere Proteste

Stuttgart - Erforderlich sei eine Senkung der jährlichen Kosten um 500 Millionen Euro, sagte Mercedes-Pkw-Chef Jürgen Hubbert bei einer Pressekonferenz. Die Kosteneinsparungen müssten im Jahr 2008/09 erreicht sein. Es war das erste Mal, dass sich der Vorstand offiziell zu dem umstrittenen Sparprogramm geäußert hatte.

Von den Einsparungen sei abhängig, wo die neue C-Klasse von Mercedes gebaut werde. Sollte es keine Einigung mit dem Betriebsrat geben, dann werde die C-Klasse-Produktion in Bremen auf 1200 Fahrzeuge täglich und in Südafrika auf 300 aufgestockt. In Sindelfingen würde die C-Klasse dann nicht mehr produziert. Gegenwärtig werden in Bremen rund 700 bis 750 C-Klasse-Wagen hergestellt.

Hubbert sprach mit Blick auf die Mercedes-Werke in Baden-Württemberg von gravierenden Kostennachteilen gegenüber anderen Tarifgebieten in Deutschland. Dazu zählte er insbesondere die "Steinkühler-Pause" von fünf Minuten pro Stunde sowie Spätschicht-Zuschläge von 15 Prozent im Südwesten schon von mittags zwölf Uhr an. Diese tariflichen Regelungen gebe es nur in Baden-Württemberg. Insgesamt werde in Bremen pro Jahr zwei volle Wochen mehr bei gleichen Kosten produziert.

Hubbert betonte, DaimlerChrysler wolle alles tun, damit die baden-württembergischen Standorte wettbewerbsfähig blieben. Dabei müssten aber auch der Betriebsrat und die Mitarbeiter mitziehen. Hubbert sagte: "Wir wollen in Baden-Württemberg wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen". Die "Steinkühler-Pause" sei 30 Jahre alt und nicht mehr zeitgemäß.

Der Pkw-Chef unterstrich auch, dass die neue C-Klasse einen festen Anlauftermin habe. Um alle dafür notwendigen Bestellungen - von Maschinen bis Robotern - vornehmen zu können, brauche man jetzt eine schnelle Entscheidung. Hubbert: "Dafür läuft die Frist Ende diesen Monats ab»". Deshalb könne er nur an die Adresse des Betriebsrates appellieren: "Wir brauchen die Einigung bis Ende dieses Monats".

Sollte der Betriebsrat auf den Vorschlag des Vorstandes nach einer Einsparung von 500 Millionen Euro pro Jahr eingehen, dann werde auch der Vorstand für ein Jahr auf eine Erhöhung seiner Gehälter verzichten. Hubbert betonte, bei allen Sparvorschlägen des Vorstandes werde es keinen unmittelbaren Eingriff in das jetzige Gehalt geben. Die Einsparungen würden angerechnet.

Für den Standort Sindelfingen hätte die Verlagerung der Produktion der neuen C-Klasse gravierende Folgen. Rund 6000 Arbeitsplätze stehen nach Angaben von Personalvorstand Günther Fleig auf dem Spiel.

Der Betriebsrat zeigt sich zwar bereit, bei der Umsetzung des Entgeltrahmentarifvertrages auf 180 Millionen Euro zu verzichten. Weitergehende Kostensenkungspläne, die nach seinen Schätzungen auf bis zu eine Milliarde Euro pro Jahr hinauslaufen könnten, lehnte er aber bislang ab. "Wir sind in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktionsplanung und einigen Bereichen der Zentrale zur Einführung der 40-Stunden-Woche bereit, wenn die Mehrarbeit bezahlt wird", sagte der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, Erich Klemm.

Das Angebot, die wöchentliche Arbeitszeit auszudehnen, gelte aber nicht für die Produktion. Die Beschäftigten könnten sich freiwillig für die längere Arbeitszeit entscheiden. Um seiner Position Nachdruck zu verleihen rief der Betriebsrat für Donnerstag an allen deutschen Standorten zu Protestaktionen auf.

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Bremer Werkes, Uwe Werner, sagte es sei nicht das erste Mal, dass versucht werde, die Bremer gegen die Sindelfinger Kollegen auszuspielen. "Wir sind aber nach wie vor solidarisch mit den Kollegen in Sindelfingen. Das ist ein Angriff auf den Tarifvertrag."

Aus Protest gegen die Sparpläne hatten am Sonnabend 12.000 Beschäftigte im Pkw-Werk Sindelfingen die Ableistung von Überstunden verweigert. Nach Angaben des Betriebsrates standen die Bänder still. Eine Schicht sei komplett ausgefallen. Insgesamt konnten rund 1000 Autos nicht produziert werden.



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