KPNQwest-Pleite Angst vor dem Riesenriss im Netz

Dem Internet droht ein Einschnitt in bisher unvorstellbarer Dimension: KPNQwest, der größte Datennetzbetreiber Europas, findet nach der Insolvenz offenbar keinen Käufer für sein 25.000 Kilometer messendes Kabelnetz - und könnte es in den nächsten Tagen komplett abklemmen.


Kein Anschluss: Das größte Datennetz Europas könnte auch das erste bedeutende sein, das komplett stillgelegt wird
KPNQwest

Kein Anschluss: Das größte Datennetz Europas könnte auch das erste bedeutende sein, das komplett stillgelegt wird

Amsterdam - Firmenkunden in 18 Ländern sind beunruhigt, und Experten rätseln über mögliche Auswirkungen. Noch nie zuvor ist in Europa ein großes Datennetz einfach stillgelegt worden. Die unangenehme Premiere könnte schon in den nächsten Tagen anstehen, berichtet das "Wall Street Journal". Nachdem die Aktie an der Euronext-Börse am Donnerstagvormittag vom Handel ausgesetzt worden ist, wird eine Mitteilung aus dem Hauptquartier des amerikanisch-niederländischen Unternehmens dringend erwartet.

KPNQwest, eine Tochter des niederländischen Telekommunikationsunternehmens KPN und des amerikanischen Qwest-Konzerns, hatte in der vergangenen Woche Gläubigerschutz und am Mittwoch Insolvenz angemeldet. Auch der deutschen Tochter KPNQwest Germany droht nach Angaben eines Sprechers die Zahlungsunfähigkeit. Er sagte, man wolle und könne keine Garantien abgeben, wie lange der Netzwerkbetrieb aufrecht erhalten bleibe. Ein Grund für den Todeskampf des Unternehmens: Durch den Aufbau seines paneuropäischen Glasfasernetzes hat KPNQwest sich hoch verschuldet, derzeit belaufen sich die Verbindlichkeiten auf über zwei Milliarden Euro.

Mögliche Käufer leiden unter eigenen Problemen

Wenn die Glasfasernetze des Unternehmens stillgelegt werden, könnten größere Teile des Internet-Verkehrs in Mitleidenschaft gezogen werden. Kunden müssten zu anderen Anbietern wechseln und stünden womöglich längere Zeit ohne Netzzugang da. Das KPNQwest-Management verhandelt offenbar intensiv, um die Datendienste auf einen anderen Anbieter zu übertragen. Verhandlungen zum vollständigen oder partiellen Verkauf des Unternehmens sollen nach Informationen der Agentur Reuters aber gescheitert sein, nachdem Gläubigerbanken die Finanzierung eingestellt hätten.

Ein schneller Verkauf wird unter anderem dadurch behindert, dass auch die Konkurrenten unter größtenteils immensen Schulden ächzen. Zudem gibt es erstaunliche Überkapazitäten bei Glasfasernetzen, die meist nur zu einem verschwindend kleinen Prozentsatz ausgelastet sind. Dem "Wall Street Journal" zufolge haben mehrere Telekommunikationsunternehmen in den letzten Tagen geprüft, KPNQwest zu übernehmen, aber bisher keine Angebote vorgelegt. Als größter Hoffnungsträger gilt der US-Festnetzriese AT&T, der zurzeit mit einem "Due diligence"-Team in Amsterdam die Bücher der Niederländer untersuchen soll.



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