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22. Juni 2009, 15:43 Uhr

Krankenakten-Affäre

Comeback von Lidl-Chef entsetzt Gewerkschaften

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Die Affäre um Krankenakten kostete Lidl-Deutschland-Chef Frank-Michael Mros den Job - jetzt aber bekommt er eine zweite Chance. Mros wird trotz des Datenskandals neuer Landeschef des Discounters in Großbritannien. Gewerkschafter reagieren empört, auch im Unternehmen wächst die Kritik.

Hamburg - Es war ein kühl geplanter Schachzug - und er hat funktioniert: Anfang April wurde Frank-Michael Mros "mit sofortiger Wirkung" von seinem Amt als deutscher Lidl-Chef entbunden - nur kurz nachdem SPIEGEL ONLINE enthüllt hatte, dass der Discounter Listen über die Krankheitsdaten seiner Mitarbeiter führen ließ. Das Ziel dieser Aktion: Presse und Öffentlichkeit sollten beruhigt werden, denn einen neuen Skandal konnte der Handelsriese nicht gebrauchen.

Einsicht in das eigene Fehlverhalten scheint es bei Lidl allerdings nicht zu geben: Denn der dafür verantwortliche Mros soll neuer Landeschef von Lidl in Großbritannien werden. Das erfuhren die Mitarbeiter des Neckarsulmer Unternehmens in der vergangenen Woche durch ein internes Rundschreiben. Dass Mros, der für das Führen der Krankenakten mit Details über künstliche Befruchtung oder Besuche beim Psychologen mit verantwortlich war, das Unternehmen nicht verlassen wird, war nach Informationen von SPIEGEL ONLINE demnach schnell klar: In den Wochen seit seiner offiziellen Absetzung habe der ehemalige Lidl-Chef gezielt Englisch gelernt und sich damit auf seinen neuen Job vorbereitet. Lidl selbst war zu keiner Stellungnahme bereit.

"Bock zum Gärtner gemacht"

Das Vorgehen des Discounters sorgt vor allem bei Gewerkschaften für Kritik - denn es demonstriert, dass der Konzern offenbar aus Datenskandalen - bereits im März 2008 war Lidl wegen heimlicher Kameraüberwachung in die Kritik gekommen - nichts gelernt hat. "Wer den Verantwortlichen für solche Praktiken nicht entlässt, zeigt, dass er sie im Grunde nicht für falsch hält", sagt Ulrich Dalibor, Einzelhandelsexperte bei der Gewerkschaft Ver.di. "Damit macht man den Bock zum Gärtner." Obwohl das Unternehmen Besserung im Umgang mit seinen Angestellten gelobt habe, habe Lidl anscheinend immer noch nicht begriffen, dass jeder Mitarbeiter eine Privatsphäre hat, die das Unternehmen nichts angehe. "Zu hoffen, dass man einfach wieder aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwindet, ist falsch und langfristig nicht erfolgversprechend."

Aber auch intern sorgt das Vorgehen der Konzernspitze für Kritik: "Es gibt einen großen Teil von Mitarbeitern, die nicht verstehen, dass man an Mros festhält", so ein Insider. Zumal Mros im Unternehmen selbst als harter Hund gilt, der für das jahrelange System der Mitarbeiterüberwachung verantwortlich ist. "Wenn die Konzernspitze sich jetzt offiziell hinter ihn stellt, heißt das nur, dass mit diesem System nicht gebrochen wird."

Denn wie detailliert das Unternehmen seine Mitarbeiter überwacht, haben die im April gefundenen Namenslisten gezeigt: Einzelne Filialen hatten noch bis Ende 2008 die Krankheiten der Mitarbeiter säuberlich notiert: von Grippe, Rückenleiden und Bluthochdruck bis zu Klinikaufenthalten, künstlichen Befruchtungen und privaten Problemen. All diese Einträge stammen aus der Zeit nach der Entdeckung der Spitzelmethoden im Frühjahr 2008.

Damals hatte der "Stern" enthüllt, dass Lidl systematisch Detektive in Filialen geschickt hatte, die dort heimlich die eigenen Mitarbeiter ausspähten. Sie notierten, wer tätowiert war, wer ein verschwitztes T-Shirt trug oder wer mit wem womöglich ein Liebesverhältnis unterhielt. Bundesweit hatten Datenschützer danach die Ermittlungen aufgenommen, im September schließlich wurde der Discount-Riese wegen Datenschutzverstößen zu einer Geldbuße von mehr als einer Million Euro verdonnert.

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