Krankenkassen Bundesregierung will Billigtarif verhindern

Wieder bremst die Bundesregierung eine sinnvolle Reform: Die Techniker-Krankenkasse will ihre Mitglieder belohnen, wenn sie seltener zum Arzt gehen. Während die Gesundheitsministerin das Vorhaben unterbinden will, sind die Grünen begeistert.


Krankenkassen-Karte: Erste Politiker der Koalition stellen den pauschalen Beitragssatz für alle in Frage
DDP

Krankenkassen-Karte: Erste Politiker der Koalition stellen den pauschalen Beitragssatz für alle in Frage

Berlin - Der Widerspruch war schnell und deutlich. Am Samstag erst war durch einen SPIEGEL-Bericht bekannt geworden, dass Bundessozialministerin Ulla Schmidt (SPD) der Techniker Krankenkasse (TK) untersagen will, ihren Mitgliedern einen Versicherungstarif mit Eigenbeteiligung anzubieten. Am Sonntag schon gab Birgitt Bender, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, der "Bild"-Zeitung ein Interview. Von der Idee der TK, die Schmidt noch als rechtswidrig abgelehnt hatte, zeigte sich Bender begeistert. Man müsse ausprobieren, ob gesetzlich Versicherte so vom Wechsel in eine private Kasse abgehalten werden könnten, sagte die Grünen-Politikerin. Auf jeden Fall sei es falsch, die Initiative zu verbieten.

Die TK will allen Versicherten unter bestimmten Ausnahmen einen Bonus von 240 Euro jährlich anbieten, der zum Jahresbeginn ausgezahlt werden soll. Im Gegenzug sollen die Mitglieder Arztkosten in Höhe von maximal 300 Euro pro Jahr selbst übernehmen - die maximale Selbstbeteiligung läge also bei 60 Euro. Solche Selbstbeteiligungen "passen nicht in die gesetzliche Krankenversicherung", sagte Schmidt dem SPIEGEL: Zwar habe die TK eine Genehmigung des Bundesversicherungsamtes erhalten. Ihr Ministerium gehe jedoch davon aus, "dass das geltende Recht solche Modellprojekte nicht zulässt".

Niedrige Beiträge für sportliche Typen?

Indes scheint nicht einmal in der SPD Einigkeit über die Frage zu herrschen, ob eine Selbstbeteiligung sinnvoll ist. Denn auch der SPD-Landespolitiker Sigmar Gabriel hat Vorschläge zur Eigenbeteiligung vorgelegt. Im "Stern" schrieb er: "Gut überdachte Formen von zumutbarer Eigenbeteiligung - ausgenommen bei chronisch Kranken - rufen allen wieder die Kosten ins Gedächtnis zurück." Gabriel stellte unter anderem die Frage, warum es keine Beitragsvorteile für Personen geben könne, die regelmäßig ihr Sportabzeichen machen.

Die TK hatte als erste Gesetzliche in Deutschland eine Eigenbeteiligung vorgeschlagen und damit auf die stetig steigenden Beiträge reagiert. Vorsorgeuntersuchungen, Krebsvorsorge, der Kontrollbesuch beim Zahnarzt und die Behandlung von Kindern zahlt nach dem Modell weiter voll die Kasse. "Damit beschreiten wir völlig neue Wege und bieten unseren Mitgliedern die individuellen Wahlmöglichkeiten bei der Ausgestaltung ihres Versicherungsschutzes, die sie haben wollen", sagte TK-Vorstandschef Norbert Klusen. Er verwies darauf, dass Selbstbehalte einen Beitrag zur finanziellen Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung leisten könnten. Die Versicherten entwickelten ein stärkeres Bewusstsein dafür, ob eine medizinische Leistung tatsächlich in Anspruch genommen werden müsse oder nicht.

Der Modellversuch soll dem Plan der TK zufolge bis 2007 laufen. Für gesunde Kassenmitglieder würde der neue Tarif praktisch eine Betragssenkung bedeuten. Bei 2000 Euro Monatslohn würde der Beitrag damit faktisch von 13,7 Prozent auf 11,7 Prozent sinken. Die TK ist die drittgrößte Ersatzkasse mit 3,4 Millionen Mitgliedern und 5,3 Millionen Versicherten.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.