Krankenkassen Studie warnt vor Extrembeiträgen - Experten skeptisch

90 Prozent der Versicherten müssen mit steigenden Kassenbeiträgen rechnen, im Einzelfall bis zu 700 Euro pro Jahr, warnt eine neue Studie. Doch Experten zweifeln an der Seriosität der Berechnungen - und an den Motiven der Auftraggeber.

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Hamburg - Die Zahlen sind erschreckend: Für mehr als 44 Millionen Mitglieder der Gesetzlichen Krankenkassen - also 90 Prozent der Beitragszahler - könnten die Beiträge im Jahr 2008 zum Teil empfindlich steigen. Einzelne Versicherte müssten mit Beitragserhöhungen von bis zu 700 Euro pro Jahr rechnen - das ist auf jeden Fall das Horrorszenario, das das Institut für Gesundheitsökonomik (IfG) in München in einer heute vorgestellten Studie zeichnet.

Chipkarten von Krankenkassen: Um künftige Beiträge wird heftig gefeilscht
DPA

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Verantwortlich für den Anstieg sei das Konzept des neuen Gesundheitsfonds, das ab 2009 das bisherige Finanzierungsmodell der Gesetzlichen Krankenkassen ablöst. "Während heute die Beitragssätze der 236 Kassen zum Teil erheblich auseinander klaffen, werden sie im Gesundheitsfonds auf einen einheitlichen Satz festgelegt", heißt es in der Studie des IfG, die von der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in Auftrag gegeben worden ist.

Dieser Satz werde nach Berechnungen des Münchner Instituts bei 15,5 Prozent liegen - was einem Anstieg von 0,7 Prozentpunkten im Vergleich zum heutigen, durchschnittlichen Beitragssatz entspreche. So steige beispielsweise für die 530.000 Mitglieder der IKK Sachsen der Beitragssatz von derzeit 12,7 Prozent auf dann 15,5 Prozent. "Gründe für den Anstieg sind steigende Kosten im Gesundheitsbereich und das Prinzip des neuen Fonds", heißt es in der Studie weiter.

Denn ab 2009 erhalten die Krankenkassen ihre Beiträge nicht mehr direkt von den Versicherten und ihren Arbeitgebern. Diese zahlen künftig in einen "Nationalen Gesundheitsfonds" ein, der den Kassen dann eine einheitliche Pauschale pro Mitglied zuteilt. Machen die Kassen Gewinn, können sie diesen über eine Beitragssenkung an ihre Kunden zurückgeben, machen sie Verlust, müssen sie eine "Zusatzprämie" von ihren Versicherten erheben.

Weil das jede Kasse vermeiden wolle, so die Argumentation des IfG, sei es das Ziel der Krankenkassen, die Beitragssätze schon bis Jahresende "sukzessive auf das Niveau von 15,5 Prozent" anzuheben. "Es liegt im Interesse der Kassen, im Jahr 2008 höhere Ausgaben zu haben, das der Gesundheitsfonds 2009 in seiner Mittelzuweisung vom Ausgabenniveau 2008 startet", sagt Günter Neubauer, Autor der Studie und Direktor des IfG. So könnten die Kassen 2009 zusätzliche Monatsprämien von ihren Versicherten vermeiden.

"Autoren haben das Gesetz nicht richtig gelesen"

Im Bundesgesundheitsministerium hält man allerdings wenig von den Berechnungen des IfG. "Wir haben noch nicht mal Zahlen für 2007, geschweige denn für dieses Jahr", sagte ein Sprecher. "Es ist deshalb unseriös, solche Berechnungen anzustellen." In der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass die Kassen es tunlichst vermieden hätten, ihre Beiträge anzuheben - die Argumentation des IfG sei also auch in diesem Punkt nicht stichhaltig.

Auch methodisch gehe die Studie von falschen Voraussetzungen aus. So hätten die Autoren bei ihren Berechnungen etwa 1,5 Milliarden Euro an Steuerzuschüsse schlicht übersehen, ergänzt Chef-Sprecher Klaus Vater. "Die Autoren haben das Gesetz wohl nicht richtig gelesen."

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Auch Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte und ausgewiesener Gegner des Gesundheitsfonds, hält nicht viel von den Zahlen des IfG: "Wir haben selbst schon früh versucht, den Einheitssatz zu berechnen, kommen aber maximal auf einen Beitragssatz von 15,0 bis 15,4 Prozent." Der Gesundheitsfonds erhöhe den durchschnittlichen Beitrag für die Versicherten nicht, er verteile ihn nur anders. Deshalb werde es in erster Linie für die Versicherten der Betriebskrankenkassen teurer, die bislang extrem niedrige Beitragssätze hätten. "Betroffen sind davon schätzungsweise zehn bis 15 Millionen Menschen", sagt Lauterbach, der eine Beitragssteigerung durch den Gesundheitsfonds schon länger vorausgesagt hatte.

Den Vorwurf, die Kassen versuchten jetzt, ihre Beiträge hochzutreiben, lässt Lauterbach ebenfalls nicht gelten: "Das ist völlige Spekulation und am Markt überhaupt nicht nachzuvollziehen." Man habe Kontakt zu den Krankenkassen und habe nichts dergleichen beobachtet. "Die Kassen dürfen ihre Beiträge nicht einfach erhöhen, das wird streng kontrolliert."

Welches Interesse die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat, den gesetzlich beschlossenen Gesundheitsfonds zu torpedieren, dafür hat Lauterbach nur eine Erklärung: "Sie wird zu großen Teilen vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall getragen - und der hat natürlich ein Interesse, den allgemeinen Beitragssatz so niedrig wie möglich zu halten." Denn je niedriger der Beitragssatz sei, desto weniger müssten auch die Arbeitgeber zahlen. Denn die Verluste blieben dann ja - über die Zusatzprämie - am Arbeitnehmer alleine hängen.



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