Krawall bei HRE-Aktionären "Dafür könnten Sie erschlagen werden"

Turbulente Hauptversammlung, wütende Proteste: Die übriggebliebenen Aktionäre der Hypo Real Estate rebellieren gegen die Komplettverstaatlichung ihres maroden Instituts. Oberstes Feindbild ist Finanzminister Steinbrück, ein Hauch von Revolution hängt über dem Treffen der Kapitalisten.

Von , München


München - Lange dauert es nicht, bis die revolutionäre Masse in Saal 14 der Münchner Messe ihren Volkstribun hat. "Uns die Aktien zu rauben, das ist unanständig", ruft Aktionärsvertreter Hans-Martin Buhlmann den rund 1900 zustimmend johlenden Leidensgenossen im Raum zu. Der neue Vorstand der Hypo Real Estate (HRE) da oben auf der Bühne, sagt Buhlmann, der solle sich bitteschön nicht missbrauchen lassen "als Henker eines übenden Ministers und Sozialisten".

Es ist klar, wen Buhlmann meint. "Pfui Steinbrück", rufen sie im Saal.

HRE-Hauptversammlung: Der Bund will 90 Prozent der Anteile
DDP

HRE-Hauptversammlung: Der Bund will 90 Prozent der Anteile

Der SPD-Finanzminister und die komplette Bundesregierung sind das Feindbild. Betrogen fühlen sich die Aktionäre in München, weil das Kabinett die HRE übernehmen, die privaten Anteilseigner per sogenanntem Squeeze Out und Zwangsabfindung aus dem maroden Immobilienfinanzierer herausdrängen will. Dafür benötigt der Bund, der bisher 47,3 Prozent an der HRE hält, 90 Prozent der Aktien. Dies soll per Kapitalerhöhung von bis zu 5,6 Milliarden Euro auf dieser außerordentlichen Hauptversammlung - ohne Bezugsrechte für Privatinvestoren - geschehen.

Schon lange vor der Abstimmung ist klar, dass Deutschland gegen die Rebellen von München siegen wird. In der Mittagszeit meldet Abstimmungsleiter und HRE-Aufsichtsratschef Michael Endres, dass insgesamt 74,11 Prozent der Stimmrechte anwesend seien. Heißt: Die Gegner einer Verstaatlichung sind weit entfernt von einer Mehrheit an diesem Tag, denn der Bund ist ja mit seinen knapp unter 50 Prozent vor Ort. US-Großaktionär Christopher Flowers ist nicht angereist, eine von ihm angeführte Investorengruppe hält bei Beginn der Hauptversammlung noch 14 Prozent der HRE-Aktien.

"Pure diktatorische Enteignung", schimpfen die Aktionärsvertreter über das Vorgehen der Regierung. Die meisten wollen dem Staat zwar 90 Prozent der Anteile zugestehen, aber ihre Papiere behalten, um von möglicherweise wieder steigenden Kursen in der Zukunft zu profitieren. Dies sei jedoch keine Option, sagt HRE-Chef Axel Wieandt. Ohne die Hilfen des Bundes - bisher 102 Milliarden Euro - hätte man bereits Insolvenz anmelden müssen. Weitere Unterstützung gebe es nur bei "Erlangung der vollständigen Kontrolle" des Staates über die HRE.

Monoton liest er 20 Seiten ab

"Pfui", rufen sie wieder. Doch Wieandt bleibt ruhig. Der 42-Jährige trägt keine Schuld an der Krise, er kam erst im Oktober 2008, um zu retten, was zu retten ist. Monoton liest er die Realitäten von seinen 20 vorbereiteten Seiten ab. An jedem Satzende senkt er die Stimme. Es klingt wie eine Trauerrede. "Herr Wieandt, Sie haben eine mutige Rede gehalten", sagt hernach der Tribun Buhlmann: "Für den ein oder anderen Satz könnten Sie erschlagen werden."

Schwerer als der neue Vorstand um Krisenmanager Wieandt hat es an diesem Tag nur Hannes Rehm, der Chef des staatlichen Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin). Der Mann ist damit der größte Aktionär im Raum. Und das bekommt er auch gleich zu spüren. "Raus!", rufen die Leute, als er zum Rednerpult geht. Und als Rehm dafür wirbt, dass die Interessen des Einzelnen hinter denen der Allgemeinheit zurückstehen müssen, da wogt es wie eine Welle durch die Reihen: "Aufhören, aufhören!" Doch Rehm macht weiter, betont, dass man "langfristig eine Rückführung des Instituts an den Markt" anstrebe.

Solch eine Aktionärsversammlung hat das Land wohl selten erlebt: Revoltierende Kapitalisten, die den rettenden Staat als "Heuschrecke" attackieren. Denn sie fühlen sich zweifach getroffen: Als Steuerzahler, die die HRE-Rettung stemmen müssen, und als Aktionäre, die aus dem Unternehmen rausgedrängt werden.

"Pressefreiheit, Pressefreiheit", skandieren Hunderte

"Sollen wir jetzt doppelt bestraft werden, nachdem uns diese Politiker zur privaten Altersvorsorge aufgefordert haben?", fragt einer. "Strafen wir die Etablierten", ruft ein anderer, "schon am kommenden Sonntag bei der Europawahl und verstärkt im September können wir den Politikern eine Abfuhr erteilen."

Die Stimmung ist explosiv. Abstimmungsleiter Endres hat zwar lediglich Ton- und Filmaufnahmen in der Hauptversammlung untersagt, bei den wütenden Aktionären entsteht aber der Eindruck, die Presse sei nicht zugelassen. "Pressefreiheit, Pressefreiheit", skandieren plötzlich Hunderte in der Halle. Der Ruf erinnert an die Montagsdemonstrationen in der untergehenden DDR. Jetzt ertönt er auf einem Kapitalistentreffen. Endres jedenfalls weist mehrfach "auf die Pressevertreter hier überall unter uns".

Die Kritiker tröstet das wenig. Weil die Mehrheit der Stimmen fehlt, setzen sie auf Geschäftsordnungsdebatten und immer neue Wortmeldungen. "Wenn Sie mir mein Geld nehmen, muss ich Ihnen das nehmen, was mir noch bleibt, nämlich die Zeit", sagt Hans-Martin Buhlmann. Großer Beifall beim Volk. "Wenn das so weitergeht, sitzen wir hier noch morgen", sagt einer.

Abstimmung für Verstaatlichung

So lange mussten sie nicht warten: Nach zwölf Stunden Rede-Protest kam es zur Abstimmung. Mit 73,95 Prozent der anwesenden Stimmen erlaubten die Aktionäre noch am Dienstagabend dem Bund, seinen Anteil auf weit über 90 Prozent zu erhöhen. Der Soffin werde der Bank rasch rund drei Milliarden Euro frisches Kapital zur Verfügung stellen und damit auf 90 Prozent aufstocken, sagte HRE-Chef Axel Wieandt.

Anschließend wolle der Soffin alle verbliebenen Aktionäre auszahlen und somit 100 Prozent übernehmen. Der SoFFin hatte auf der Hauptversammlung allein schon mit seinen bisherigen 47 Prozent die notwendige einfache Mehrheit der Stimmen.

Mit Material von AP



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