Kredit-Krise Börsencrash in Japan - Nikkei verliert 5,4 Prozent

Nach der Aufholjagd des Dow Jones hatten die Investoren kurz gehofft, das Schlimmste sei überstanden. Doch in Asien ging der Ausverkauf ungebremst weiter und erreichte bedrohliche Ausmaße: Der Nikkei verlor 841 Punkte - der höchste Tagesverlust seit den Terrorattacken des 11. September 2001.


New York/Tokio/Phoenix - Der Dow Jones Chart zeigen sorgte nur für ein kurzes Aufatmen: Als der Handel an der Wall Street gestern Abend lediglich wenige Punkte unter dem Vortagesniveau schloss, hofften einige Experten bereits, dass das Schlimmste überstanden sei. Nach schweren Verlusten von zeitweise 340 Punkten im Tagesverlauf hatte der Dow eine fulminante Aufholjagd gestartet. Analysten werteten die Erholung des Index kurz vor Handelsschluss als Zeichen dafür, dass sich der Börsenmarkt nach notwendigen Korrekturen angesichts der US-Immobilienkrise wieder stabilisiert.

Börsenhändler in Brasilien: Angst vor der weltweiten Rezession
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Doch die Hoffnungen waren schon wenige Stunden später wieder verflogen. Denn an den asiatischen Börsen setzte sich die Talfahrt mit unverminderter Geschwindigkeit fort. Von Hoffnungsschimmern war hier nichts zu sehen. Der japanische Leitindex Nikkei Chart zeigen verlor satte 5,42 Prozent auf 15.273 Punkte. Das war der niedrigste Schlussstand seit dem 7. August 2006 und der größte Tagesverlust seit dem 12. September 2001. Auch der breiter gefasste Topix-Index gab bis Handelsende deutlich nach. Er schloss 5,55 Prozent schwächer bei 1480 Punkten - der niedrigste Stand seit Juli 2006. Der Yen stieg, Preise für Industrie-Metall fielen und die Kurse der Staatsanleihen zogen an. Auf die Frage nach den Ursachen fiel den Analysten nur eine Antwort ein: die Hypothekenkrise in den USA.

Zumal die Kette der schlechten Nachrichten, die damit in Zusammenhang stehen, nicht abreißt. So stellte gestern First Magnus Financial, eine der größten privaten Hypothekenbanken, ihre Geschäfte ein. Ab sofort würden keine neuen Kredite mehr vergeben, teilte Marketing-Chef Gary Baraff gestern in Phoenix mit. Möglicherweise müsse das Institut ein Konkursverfahren einleiten.

First Magnus wurde in den Strudel der Liquiditätskrise im Immobiliengeschäft gerissen, obwohl sich die Bank aus dem "Sub-Prime"-Geschäft herausgehalten hatte. In diesem Bereich des Hypothekengeschäfts mit potentiellen Risiken nahm die Immobilienkrise am 3. August ihren Anfang. Damals stoppte das Institut American Home Mortgage die Kreditvergabe und reichte drei Tage danach einen Konkursantrag ein.

First Magnus hat im vergangenen Jahr mehr als 30 Milliarden Dollar an Krediten vergeben. Die Bank beschäftigt mehr als 5500 Mitarbeiter in mehr als 300 Niederlassungen in allen 50 US-Staaten. Für die meisten Angestellten sei der Donnerstag vermutlich der letzte Arbeitstag gewesen, sagte Baraff.

In schwieriges Fahrwasser ist auch Fannie Mae geraten, das mit Hypotheken anderer Institute und Bürgschaften handelt. Nach einem Ertragsrückgang um 36 Prozent im vergangenen Jahr seien in diesem Jahr verstärkte Abschreibungen von Krediten zu erwarten, teilte das Institut in Washington mit.

Fannie Mae finanziert oder bürgt für jeden fünften Immobilienkredit in den USA. Das Institut wurde vom US-Kongress gegründet, um Familien mit geringem Einkommen den Hausbesitz möglich zu machen.

Es gebe Indizien, dass die weltweiten Turbulenzen an den Märkten zu einem größeren Vertrauensverlust bei den Investoren führen, hieß es danach in Tokio. Daran habe auch die späte Aufholjagd an den US-Börsen nichts ändern können. "Die größte Sorge für die asiatischen Märkte ist, ob man einem Wirtschaftsabschwung in den USA folgen wird, der die Verbraucher-Nachfrage beeinträchtigen wird", sagte Lim Chang-gue, Fonds-Manager bei Samsung Investment Trust Management in Südkorea. "Wenn wir handfeste Zeichen dafür sehen, dass das passiert, dann bin ich in Sorge, dass weltweit an den Märkten Pessimismus eintreten wird."

Stahl, Öl und Schifffahrt unter Druck

Der MCCI-Index für die Börsen in Asien-Pazifik mit Ausnahme von Japan gab am Freitag knapp 2,5 Prozent nach. Damit summierte sich sein Verlust in dieser Woche auf 10,6 Prozent - der größte Einbruch seit Januar 1998. Die Börsen in Singapur, Hongkong und im südkoreanischen Seoul verzeichneten ähnliche Verluste.

Die höchsten Kursverluste verzeichneten die Sektoren Stahl, Öl und Schifffahrt. Aktien exportabhängiger Unternehmen litten unter dem starken Yen und der Auflösung von Zinsdifferenzgeschäften, den so genannten Carry Trades. Ein Anstieg des Yen belastete vor allem Exportwerte. So verloren Aktien von Canon Chart zeigen 6,6 Prozent, Toyota Chart zeigen 6,0 Prozent und Sony Chart zeigen 4,6 Prozent. Großbanken wie Mizuho Financial und Mitsubishi Tokyo Financial Group Chart zeigen notierten dank positiver Vorgaben des US-Bankensektors lange im Plus, gaben im Handelsverlauf jedoch nach und drehten zum Teil ins Minus.

Um die Liquidität auf dem Geldmarkt sicherzustellen, stellte die japanische Notenbank weitere 1,2 Billionen Yen (7,85 Milliarden Euro) bereit. Der Schritt sei eine Reaktion auf eine wieder ansteigende Nachfrage der Banken nach frischem Geld, hieß es weiter. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank hatten in den vergangenen Tagen große Summen bereitgestellt, um den Kreditmarkt zu stützen.

Die US-Börsen hatten gestern nach einem turbulenten Handel uneinheitlich geschlossen. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss 0,12 Prozent im Minus bei 12.845 Punkten, hatte jedoch in der letzten Handelsstunde kräftig an Boden gewonnen. Der breiter gefasste S&P-500-Index stieg 0,32 Prozent auf 1411 Zähler. Der Technologie-Index Nasdaq Composite Chart zeigen notierte um 0,32 Prozent tiefer bei 2451 Stellen.

mik/Reuters/AP/Dow Jones/AFP



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