Kreditderivate Investments wie Zeitbomben

Sie werden schon als "Giftmüll" oder "Massenvernichtungswaffen" gegeißelt - dabei war die Erfindung von Kreditderivaten durchaus sinnvoll: Banken sichern sich damit gegen die mögliche Zahlungsunfähigkeit ihrer Kunden ab. Doch mit den Investments wird immer häufiger risikoreich spekuliert.

Von Christopher Nachtweh


"Derivate sind finanzielle Waffen zur Massenvernichtung. Sie bergen schlummernde Risiken, die tödlich sein können." Investmentlegende Warren Buffett formulierte die bis heute bekannteste und prägnanteste Kritik an den Finanzinstrumenten in seinem Bericht an die Aktionäre seiner Investmentfirma Berkshire Hathaway bereits vor fünf Jahren.

Schon damals warnten neben Buffett weitere Finanzexperten vor den Gefahren, die insbesondere von Kreditderivaten ausgehen. Howard Davies, damals Chef der britischen Aufsichtsbehörde Financial Service Authorities, nannte die Papiere "Giftmüll", Randall Dodd, Chef des Washingtoner Derivatives Study Center, kritisierte: "Es gibt keine Anforderungen an das Reporting, keine Anforderungen an hinterlegte Sicherheiten und keine Lizenzierung von Händlern." Grund für die Besorgnis war bereits 2002 das rasante Wachstum des Markts für Kreditderivate. Von gerade 180 Millionen Dollar 1998 stieg das Volumen der gehandelten Papiere bis 2002 auf 2,1 Milliarden Dollar.

Billionen-Bombe: Volumen ausstehender Kreditderivate in Billionen Dollar
Das Investment / Fotolia

Billionen-Bombe: Volumen ausstehender Kreditderivate in Billionen Dollar

Das allerdings ist nicht einmal ein Zehntel des Volumens, das Banken, Hedge-Fonds und auch Privatanleger heute handeln (siehe Grafik). Kein Wunder ist da, dass sich Aufseher, Zentralbanker, Ökonomen und Anlagestrategen weiterhin sorgen: Ex-US-Notenbanker Alan Greenspan warnt ebenso vor den Gefahren, die von Kreditderivaten ausgehen, wie der Chef der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet. Auch die Volkswirte des Internationalen Währungsfonds sehen in den Papieren eine Gefahr für die Stabilität der Finanzmärkte.

Kreditderivate sind dabei im Grunde eine sinnvolle Erfindung: Mit den Finanzkonstrukten geben Banken einen Teil ihres Kreditrisikos an Dritte weiter und versichern sich so gegen eine mögliche Zahlungsunfähigkeit eines Kunden. Die Papiere ermöglichen es den Finanzinstituten einerseits, besonders große Risiken abzusichern. Andererseits können sie ihre Risiken mit den Papieren auch auf Branchen und Regionen verteilen, zu deren Firmen sie keine direkten Geschäftsbeziehungen haben. Die einfachste Variante der Kreditderivate, ein Credit Default Swap (CDS), funktioniert tatsächlich genau wie eine Versicherung: Die Bank zahlt einem Vertragspartner eine Prämie dafür, dass der die Schulden übernimmt, falls der Kreditnehmer sie nicht zurückzahlen kann.

Spekulation statt Sicherung

Doch zunehmend werden die Kreditderivate nicht mehr in erster Linie zur Absicherung eingesetzt. Sie sind zu einem begehrten Spekulationsobjekt geworden, mit dem vor allem Hedge-Fonds ihre Renditen aufpeppen wollen. Hedge-Fonds-Manager sind mittlerweile für 58 Prozent des Handels mit den Papieren verantwortlich, ergibt eine Untersuchung des Research-Hauses Greenwich Associates.

Da sich die Ausfallraten von Krediten auf langjährigen Tiefständen befinden, ist es verlockend, eine Versicherung gegen solche Ausfälle anzubieten. "Eine Menge Hedge-Fonds haben solche Versicherungen verkauft und fahren die Prämien ein", sagt Charles Gradante, einer der Gründer der Hedge-Fonds-Beratungsfirma Hennessee Group. "Sie stehen aber mit dem Rücken zur Wand."

Was nämlich passiert, wenn Firmen wie zuletzt um die Jahrtausendwende wieder reihenweise pleitegehen, weiß niemand genau. Vor allem komplexere Papiere wie die sogenannten Collaterized Debt Obligations (CDOs), in denen eine Vielzahl von Kreditrisiken gebündelt wird, sind häufig so kompliziert strukturiert, dass selbst Fachleute nicht mehr durchblicken.



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