Kreditklemme Banken stecken in der Vertrauensfalle

Erst haben Banken durch ihre Gier die Finanzkrise mit verursacht, jetzt trauen sie sich nicht mehr über den Weg. Mit ihrer Weigerung, sich gegenseitig Geld zu leihen, verschlimmern die Institute die Turbulenzen. Ist das der zweite große Fehler der Finanzbranche?

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Hamburg - Es war eine psychologische Entscheidung, doch sie zeigt Wirkung: Die sechs führenden Notenbanken der Welt haben gemeinsam ihren Leitzins gesenkt und damit die Talfahrt an den Börsen zeitweise gestoppt. Zwar reagierten Ökonomen skeptisch, doch mit ihrem dramatischen Schritt signalisierten die Notenbanken, dass es wieder möglich ist, sich Geld zu leihen. Wichtigstes Ziel der Aktion: Weltweit sollen sich die Banken endlich aus ihrer Schockstarre lösen, sich wieder vertrauen und gegenseitig Kredit geben.

Rettung in letzter Minute: Wie die Hypo Real Estate bekommen auch andere Banken Probleme, weil sie nicht mehr ausreichend liquide sind
DPA

Rettung in letzter Minute: Wie die Hypo Real Estate bekommen auch andere Banken Probleme, weil sie nicht mehr ausreichend liquide sind

Denn tatsächlich blockieren sich die Banken mit ihrer enormen Zurückhaltung derzeit nicht nur selbst, sondern unterlaufen damit auch sämtliche Versuche von Regierungen und Notenbanken, die weltweiten Finanzmärkte zu beruhigen und den normalen Geldfluss wieder ins Laufen zu bringen. Angst, Misstrauen und fehlendes Vertrauen in die Liquidität des jeweils anderen Instituts sorgen dafür, dass dringend notwendige Gelder nicht mehr verliehen werden. Damit kommen auch Finanzkonzerne in Zahlungsschwierigkeiten, die bisher eigentlich keine Liquiditätsprobleme hatten.

Zweiter großer Fehler der Branche?

Ist diese Angstblockade der zweite große Fehler, den die Banken sich leisten? Nachdem sie mit ihrer grenzenlosen Gier jahrelang mit wertlosen Kreditpaketen gehandelt und damit die Finanzkrise mit verursacht haben?

"Das ist pauschal betrachtet sicher richtig, für die einzelne Bank aber gilt das nicht", sagt Bankenexperte Wolfgang Gerke. "Was die Banken derzeit machen, ist reines Krisenmanagement: Da sie sehr unterschiedlich betroffen sind und unklar ist, wer in welchem Ausmaß in die Krise verstrickt ist, versuchen sie erst mal, ihr eigenes Haus vor Schaden zu bewahren."

Ein Protektionismus, der Folgen hat: "Natürlich verschlimmern die Banken damit die Krise - aber es geht nicht anders", sagt auch Joachim Goldberg, langjähriger Devisenhändler, der inzwischen als Wirtschafts- und Börsenpsychologe arbeitet. Vertrauen könne man nicht einfach per Dekret wiederherstellen oder willkürlich beeinflussen. "Schon gar nicht, wenn sich die Krise so stückchenweise entwickelt, wie das derzeit der Fall ist." Lange Zeit hätten vor allem US-Banken beteuert, keine Probleme zu haben - und dann gingen sie plötzlich vom einen auf den anderen Tag bankrott. "Das hat zusätzlich verunsichert."

Dazu kommt: Die Verantwortlichen, die Führungskräfte der betroffenen Banken halten sich in der Öffentlichkeit mehr als zurück. Während ehemalige Bankmanager wie Ex-Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper, Politiker und allerlei Börsenexperten bereitwillig durch die Talkshows tingeln, sieht und hört man von den Akteuren der Krise nichts. "Keine Bank steht derzeit vermutlich gut da, deshalb schweigen sie lieber", sagt Goldberg. "Auch diese Zurückhaltung ist nicht gerade vertrauensbildend."

Fehler oder Erpressungsversuch?

Doch selbst wenn sie wollten, könnten die Institute sich derzeit kaum anders verhalten, zu eng sind die finanziellen Spielräume: "Viele Banken sind an ihrer Belastungsgrenze. Selbst wenn sie jetzt einfach beschließen würden, sich ab heute wieder zu vertrauen, ginge das gar nicht", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenexperte an der Universität Hohenheim. "Sie können sich kein Geld mehr leihen. Sie können keinen Schritt mehr zurück, denn sie stehen schon am Abgrund."

Das haben sich die Banken laut Burghof aber auch selbst zuzuschreiben: "Das derzeitige Verhalten der Banken ist entweder ein Fehler oder schlicht ein Erpressungsversuch." Die Geldinstitute hätten sich darauf verlassen, dass die Politik ihnen die kritischen Papiere abkaufen würde - und sie mit dem Geld der Steuerzahler ihre Verluste aus den Bilanzen tilgen könnten. "Davor hat sich die Bundesregierung zu Recht bislang gescheut - und damit die Verluste der Banken erhöht."

Jetzt aber bleibt der Politik nichts anderes mehr übrig, als mit der "größten Kapitalkraft, nämlich dem Geld der Steuerzahler" einzugreifen, wie Bankenkenner Gerke sagt. Denn der Spielraum der Banken sei inzwischen so begrenzt wie ihre Bilanzen. "Die Politik betreibt jetzt Krisenverwaltung - und sie macht es gut."

Auch, weil die Bundesregierung es bisher geschafft hat, eine Panik da zu vermeiden, wo sie verheerende Folgen hätte: beim normalen Bürger. "Bislang reagieren die Sparer sehr besonnen und das ist wichtig", sagt Bankenexperte Burghof. Denn wenn die ihr Geld jetzt auch noch abziehen würden, breche das Bankensystem vollständig zusammen.

Das alles aber hilft nur bedingt. Wirklich funktionieren wird das System erst wieder, wenn die Banken ihr Vertrauen untereinander wiederfinden. "Misstrauen ist eine Folge von Kontrolldefiziten", sagt Goldmann. "Das Einzige, was dagegen hilft, ist Transparenz herzustellen und ausreichend Informationen zu liefern."



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