Kreditkrise an den Börsen Japanische Notenbank pumpt erneut Milliarden in den Markt

Die Börsenwoche beginnt mit einer weiteren Geldspritze: Die japanische Notenbank pumpte heute Milliarden in den Markt, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Es wird nicht die letzte Transaktion diese Woche sein, glauben Experten - sie erwarten turbulente Tage an den Aktienmärkten.


Hamburg - Angesichts der US-Hypothekenkrise hat die Bank of Japan (BOJ) zum zweiten Mal binnen weniger Handelstage den Geldmarkt mit zusätzlichen Milliarden versorgt. Die Währungshüter pumpten heute umgerechnet rund 5,1 Milliarden Dollar in den Geldkreislauf. Die Operation ist auf eine Woche angelegt. Bereits am Freitag hatte die BOJ dem Bankensystem umgerechnet 8,45 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Nach schweren Verlusten Ende vergangener Woche stiegen die Börsen starten mit Kursgewinnen heute daraufhin zumindest leicht.

Händler an der Wall Street vergangene Woche: Kaum hat die Handelswoche begonnen, gibt es schon die nächste Finanzspritze
AFP

Händler an der Wall Street vergangene Woche: Kaum hat die Handelswoche begonnen, gibt es schon die nächste Finanzspritze

Schon vergangene Woche hatten Notenbanken rund um den Globus innerhalb von nur zwei Tagen dem Markt Geldspritzen von über 230 Milliarden Dollar verabreicht. Allein die Europäische Zentralbank (EZB) pumpte am Donnerstag mit einem sogenannten Schnelltender die Rekordsumme von 94,8 Milliarden Euro in das europäische Finanzsystem. Am Freitag folgten in einem Drei-Tage-Tender 61,05 Milliarden Euro. Die US-Notenbank Fed hat am Freitag durch drei verschiedene Repo-Geschäfte insgesamt 38 Milliarden Dollar in das US-Bankensystem gegeben. Der Hintergrund: Sowohl in den USA als auch in der Euro-Zone waren die Tagesgeldsätze kräftig angestiegen, da zahlreiche Banken ihre Geldbestände horteten, um im Falle einer Ausweitung der Krise über genügend flüssige Mittel zu verfügen.

"Tor zur Hölle"

Volkswirte gehen davon aus, dass diese Woche weitere Finanzspritzen folgen werden. Finanzmarktexperten gehen außerdem davon aus, dass es auch diese Woche an den internationalen Börsen turbulent zugehen wird. Ob die Kreditkrise auch zu einer internationalen Banken- oder gar Wirtschaftskrise wird, ist derweil umstritten. Auf der einen Seite wird immer wieder betont, dass in den USA noch fast zehn Billionen Dollar Hypothekenkredite ausstehen, davon rund ein Drittel mit schlechter oder zumindest nicht primärer Bonität. Für viele Anleger habe sich "ein Tor zur Hölle" geöffnet, sagte etwa der Aachener Private-Equity-Experte Ralf Fix in der "Wirtschaftswoche". Was dahinter hervorkomme, wisse niemand wirklich.

Auch auf China richten sich die Blicke: Dort leistet sich die rapide wachsende Mittelklasse in großem Stil neue Wohnungen - und die Kreditvergabe sei noch laxer als in den USA. Die chinesischen Banken, die Hypothekenkredite über umgerechnet 289 Milliarden Euro gewährt hätten, nähmen keine Bonitätsprüfungen vor, zitierte die Zeitung "South China Morning Post" den Wissenschaftler Yi Xianrong von der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Die Behörden befürchten vor allem in großen Städten wie Shanghai ungezügelte Spekulationen und eine starke Übertreibung bei den Preisen und versuchen daher, den Markt zu zügeln.

Andere Ökonomen versuchen zu beschwichtigen. "Es ist immer noch sehr viel Geld im Markt, für das rentable Anlagen gesucht werden", sagte der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter in der "Neuen Presse". Er halte "extreme Aufregung über die Ereignisse für völlig überzogen", ergänzte Walter in der "Börsen- Zeitung". Der Wirtschaftsaufschwung sei solide, die Gewinnsituation der Unternehmen gut.

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

"Die US-Immobilienkrise wird die Konjunktur in Deutschland nicht abwürgen", sagt auch der Konjunkturchef des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts, Michael Bräuninger, im "Hamburger Abendblatt". "Die deutsche Konjunktur ist sehr robust und wird durch die Binnennachfrage getragen." Selbst wenn die Aktien vorübergehend an Wert verlieren würden, hieße dies nicht automatisch, dass darunter die Konjunktur leide. Das Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) und anderer Notenbanken bezeichnete Bräuninger als richtigen Schritt: "Das koordinierte Eingreifen ist sinnvoll, um die Finanzmärkte zu stabilisieren." Eine Bankenkrise in Deutschland hält er derzeit für ausgeschlossen. Der Chef des Deutschen Aktieninstituts, Rüdiger von Rosen, schrieb in der "Frankfurter Neuen Presse", es handle sich beim Überschwappen der US-Immobilienkrise "nicht um ein länger anhaltendes Unwetter, sondern lediglich um ein reinigendes Gewitter".

Die Anleger dürfte das kaum trösten, denn das Wochenende war voll von Nachrichten, die ihre Unsicherheit noch vergrößern dürften. Mit der US-HomeBanc ging ein weiterer Hypothekenfinanzierer pleite – und zu seinen Gläubigern gehören Geldinstitute wie die Deutsche Bank Chart zeigen, die Commerzbank Chart zeigen und die französische BNP Paribas Chart zeigen. Wie schlimm sie betroffen sind, ist noch unklar. HomeBanc selbst gab die eigenen Schulden vor dem zuständigen Insolvenzgericht in Wilmington, Delaware mit rund 4,9 Milliarden Euro an, ohne allerdings Angaben darüber zu machen, wie diese sich auf die Gläubiger verteilen. Die Deutsche Bank wollte zu der Sache keinen Kommentar abgeben. Laut "Financial Times Deutschland" ist es schon der zweite Rückschlag für das Geldinstitut im Rahmen der Hypothekenkrise. Eine Tochter der Bank habe schon zu den größten Gläubigern der ebenfalls insolvent gegangenen American Home gehört.

Auch andere wichtige Banken sind von der Krise betroffen. Die WestLB etwa war mit 1,25 Milliarden Euro in sogenannte subprime Geschäfte engagiert. Die Postbank Chart zeigen hatte ebenfalls auf dem krisenanfälligen Anleihenmarkt investiert – sie ist noch dabei, das genaue Engagement festzustellen. Ende Juli hatte die Bank bereits das Volumen von Anleihen, in denen auch Subprime-Kredite stecken könnten, mit 800 Millionen Euro angegeben. Nun wurde bekannt, dass die Postbank mit 600 Millionen Euro bei zwei Gesellschaften des Rhineland-Fonds der IKB engagiert war. Von dieser Summe entfalle aber höchstens ein Drittel auf Immobilienkredite und die meisten davon seien von hoher Qualität, betonte ein Sprecher heute. "Was davon 'subprime' ist, wird analysiert." Die Bank habe die Investition inzwischen in die eigenen Bücher genommen

Die SachsenLB ist angesichts der Krise ebenfalls ins Rampenlicht geraten. Die Finanzaufsicht Bafin nimmt eine umgerechnet fast 13 Milliarden Euro schwere Zweckgesellschaft der Bank ins Visier, die wie der in Schieflage geratene IKB-US-Fonds am krisengeschüttelten Kreditmarkt engagiert ist. Die Landesbank versuchte, zu beschwichtigen. "Wir haben keine Liquiditätsprobleme. Wir können alle unsere Verpflichtungen erfüllen", sagte ein Sprecher der Bank.

Die Mittelstandsbank IKB Chart zeigen, die als erste wegen wackeliger US-Hypotheken-Anleihen in Schieflage geriet, hatte nach SPIEGEL-Informationen darüber hinaus satte 7,8 Milliarden Euro in die krisenanfälligen Geschäfte investiert. Bislang war lediglich von rund 3,5 Milliarden Euro die Rede.

ase/dpa/Reuters



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