Kreditkrise Börsen bereiten sich auf turbulente Woche vor

Die überraschende Zinssenkung der US-Notenbank sorgte nur für kurze Euphorie - vorbei ist die Nervosität an den Märkten nicht. Noch immer ist unklar, welche Unternehmen und Banken von der US-Hypothekenkrise betroffen sind. Anleger und Händler erwarten eine stürmische Börsenwoche.


Hamburg - Es war ein kurzes Durchatmen, als US-Notenbankchef Ben Bernanke am Freitag verkündete, den Diskontzinssatz, zu dem sich Banken bei der Zentralbank Geld leihen können, um 0,5 Prozent zu senken. Die Kurse an den weltweiten Börsen, die die Woche über von Tief zu Tief gestürzt waren, schnellten nach oben - eine der turbulentesten Börsenwochen.

Ein Händler an der Börse in Frankfurt: "Probleme sind nicht gelöst"
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Ein Händler an der Börse in Frankfurt: "Probleme sind nicht gelöst"

Vorbei ist die Krise an den Finanzmärkten damit aber noch lange nicht - darüber herrscht bei Analysten und Finanzmarktexperten kein Zweifel. "Der Schritt der Fed hat zwar die Stimmung ein bisschen gedreht, aber das Problem nicht gelöst", sagt Owen Fitzpatrick, Kapitalexperte bei der Deutschen Bank Chart zeigen. "Änderungen im Kreditmarkt und die Probleme des Subprime Marktes bleiben. Wir werden abwarten müssen, welche Ausfälle es noch bei Hedge-Fonds und Banken gibt."

"Der Schritt der Fed war wichtig, aber zum großen Teil eine symbolische Geste", sagt auch Mike Molone, Analyst bei Cowen & Co. "Er wird zwar die Kursschwankungen der Märkte in der nächsten Woche ein wenig reduzieren, aber es bleibt enorm viel Unsicherheit im Markt." Denn noch immer ist völlig offen, welche Banken und Unternehmen von den Folgen der US-Hypothekenkrise betroffen sind.

"Liquiditätsproblem ist gelöst"

So wurde am Wochenende bekannt, dass nach der Industriebank IKB Chart zeigen auch eine zweite deutsche Großbank in Geschäfte mit wackeligen Immobilienkrediten involviert ist: Die Sachsen LB räumte Probleme bei einer Investmentgesellschaft ein, die die Kreditwürdigkeit der ganzen Bank gefährdeten. Andere Landesbanken und Sparkassen stützen die Sachsen LB nun mit Krediten über 17,3 Milliarden Euro.

Allerdings bestehe für die Sachsen LB - anders als bei der IKB - kein Insolvenzrisiko, sagt Sachsens Finanzminister Horst Metz (CDU): "Wir hatten ein Liquiditätsproblem, und das ist dauerhaft und nachhaltig gelöst." Die Bundesbank und die Bundesfinanzaufsicht BaFin begrüßten das Vorgehen der Sparkassen-Finanzgruppe. Metz kündigte an, die Gremien der Sachsen LB und der Sachsen- Finanzgruppe morgen umfassend über die Rettungsaktion zu informieren.

Erstmals hat auch eine deutsche Sparkasse eingeräumt, im krisengeschüttelten US-Hypothekenmarkt direkt engagiert zu sein. "Wir verfügen in kleinerem Umfang über Investments, die von der Lage am US-Markt betroffen sind", sagte ein Sprecher der Sparkasse KölnBonn, der zweitgrößten deutschen Sparkasse. Aus den Investments ergebe sich "ein geringer Bedarf an Wertberichtigungen", betonte er. "Wir müssen uns keine Sorgen machen." Im Lager der Sparkassen hieß es, die Lage des Instituts sei "bei weitem nicht dramatisch".

Auch in den USA forderte die Krise weitere Opfer: Der Fondsanbieter Sentinel beantragte Gläubigerschutz. Die Hypothekenbank Novastar kündigte an, jeden dritten Mitarbeiter zu entlassen. Zuvor hatte First Magnus Financial, einer der größten privaten Hypothekenbanken der USA, seine Kreditvergabe eingestellt.

Anleger werden also auch in der neuen Woche starke Nerven brauchen: Denn die Sorge vor einem Übergreifen der Krise am US-Hypothekenmarkt auf die Weltkonjunktur wird weiter die Richtung an den Aktienmärkten bestimmen - und für stark schwankende Kurse sorgen. Neue Hiobsbotschaften über Schieflagen von Hypothekenbanken oder weitere Fondsschließungen könnten nach Einschätzung von Aktienstrategen den Dax Chart zeigen unter Druck setzen.

"Unsicherheit im Markt bleibt"

Andy Sommer von der HSH Nordbank erwartet, dass die Unsicherheit im Markt bleibt. Aber nicht alle Aktienexperten sehen für die neue Woche schwarz. "Erst waren die Märkte von Gier getrieben, zuletzt regierte die Angst, und jetzt wird wohl etwas Vernunft einziehen", sagte Kai Stefani, Kapitalmarktanalyst bei Allianz Global Investors. Seiner Einschätzung nach sind aus fundamentalen Gesichtspunkten Aktien nach wie vor attraktiv.

Die Turbulenzen an den Börsen werden allerdings nicht von allen Experten nur negativ bewertet: Nach vier Jahren der Hausse stehe eine Korrektur an, die von einer höheren Volatilität begleitet werde, sagt Achim Matzke, Aktienexperte bei der Commerzbank Chart zeigen. Das lasse sich auch am sogenannten VDax ablesen, heißt es auch in einem Kommentar der Landesbank Berlin (LBB). Das Volatilitätsbarometer - es wird am Markt als Nervositätsbarometer bezeichnet - habe in der vergangenen Woche den höchsten Stand seit rund vier Jahren erreicht.

Nach Einschätzung der LBB-Experten liegt die nächste Unterstützung für den Dax bei 7.120 Zählern. Dort verlaufe die Begrenzung des mittelfristigen Aufwärtstrends, die auf dieser Höhe von der 200-Tage-Linie unterstützt werde. Wenn die Krisenstimmung erst einmal abflaue, könnte sich nach Einschätzung der LBB an den europäischen Börsen ein Aufwärtstrend durchsetzen, der nicht zuletzt von einem attraktiven Bewertungsniveau gestützt werde. Allerdings dürften die Probleme am Kreditmarkt größere Übernahmen zunächst erschweren. Damit gerate einer der wichtigsten Antriebsmotoren der letzten Monate an den Finanzmärkten ins Stocken.

Am Dienstag stehen die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland an. Analysten von HSBC und Postbank Chart zeigen gehen davon aus, dass die befragten Experten nicht mehr so optimistisch in die Zukunft blicken werden. Außerdem veröffentlicht das Ifo-Institut seine Prognosen zum Weltwirtschaftsklima im dritten Quartal 2007. NordLB-Experte Basse erwartet von der Krise allerdings keine nachhaltige Belastung für die Weltwirtschaft. "Die Volkswirtschaften in Indien und China verbuchen weiter hohe Wachstumsraten", sagte er.

sam/Reuters/dpa-AFX



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