Kreditkrise Merrill Lynch meldet Rekordverlust

Die Wall Street kommt nicht zu Ruhe: Nach der desaströsen Verlustmeldung der Citigroup meldet nun auch die US-Investmentbank Merrill Lynch fast zehn Milliarden Dollar Miese für das letzte Quartal 2007 - dreimal so viel, wie Experten prognostiziert hatten.

New York - Verluste ohne Ende: Merrill Lynch  hat im vierten Quartal 2007 einen Rekordverlust von 9,91 Milliarden Dollar (6,7 Milliarden Euro) hinnehmen müssen. Infolge der US-Hypothekenkrise habe man 14,6 Milliarden Dollar (9,87 Milliarden Euro) abgeschrieben, teilte ein Merrill-Lynch-Sprecher in New York mit. Analysten hatten mit einem weit geringeren Minus gerechnet - laut Umfragen des Informationsdienstes Thomson   Financial erwarteten viele Experten einen Verlust von 3,19 Milliarden Dollar oder 4,93 Dollar je Aktie.

Im letzten Quartal 2006 hatte Merrill Lynch noch einen Gewinn von 2,3 Milliarden Dollar ausgewiesen. Schon für das dritte Quartal 2007 hatte die Investmentbank jedoch einen Verlust von 2,24 Milliarden Dollar zu verzeichnen - den bis dahin höchsten in der 93-jährigen Unternehmensgeschichte.

Trotz gigantischer Verluste schließt Merrill Lynch weitere Wertberichtigungen nicht aus. Er könne nicht garantieren, dass Merrill weitere Abschreibungen im Zuge der Hypothekenkrise verhindern kann, sagte Firmenchef John Thain dem Fernsehsender CNBC.

Stellenstreichungen und Aktienverkäufe geplant

Um die Verluste zu kompensieren, will Merrill Lynch nun Stellen streichen. Geplant sei der Abbau in bestimmten Bereichen der Sparte festverzinsliche Wertpapiere, sagte Thain in einer Telefon-Konferenz mit Analysten. Wie viele Stellen betroffen sind, blieb offen. Der Abbau werde aber "nicht dramatisch" sein, sagte Thain. Es sei nicht an "abertausende" Entlassungen gedacht.

Nach eigenen Angaben versucht Merrill Lynch zudem, seine Kapitalbasis durch milliardenschwere Verkäufe eigener Aktien zu verbessern. Erst am Dienstag hatte das Unternehmen über den Einstieg dreier ausländischer Investmentfonds für insgesamt 6,6 Milliarden Dollar berichtet. Bereits im Dezember verkaufte sie Aktien im Wert von 6,2 Milliarden Dollar.

Merrill Lynch ist bei weitem nicht allein auf Verkaufstour. Auch die angeschlagene Citigroup   beschafft sich über neue Investoren frisches Kapital. Mit fast 7 Milliarden Dollar steigt ein Staatsfonds aus Singapur in die größte US-Bank ein. Erst vorgestern schrieb die Citigroup wegen der Kreditkrise 18,1 Milliarden Dollar ab und verbuchte ein Bilanzminus von 10 Milliarden - den ersten Verlust ihrer Geschichte.

Kursverluste an europäischen Börsen

Die europäischen Aktienmärkte reagierten nach der Bekanntgabe der Merrill-Lynch-Zahlen mit Kursverlusten. Der Stoxx 50   lag am frühen Nachmittag 0,3 Prozent niedriger bei 3423 Punkten. Der EuroStoxx 50   verlor 0,12 Prozent auf 4114 Zähler. Am Vormittag hatten gute Vorgaben aus Tokio noch für eine Kurserholung gesorgt.

Die zuletzt von Investoren abgestraften europäischen Bankentitel hielten sich trotz der Merrill-Zahlen zum Teil im Plus. In London gewannen HBOS   1,8 Prozent und Barclays   1,7 Prozent. Börsianer interpretierten dies als Gegenreaktion auf die jüngsten Kursverluste. "Wir kommen jetzt auf ein Kursniveau, wo die ersten wieder kaufen, wenn sie langfristiger orientiert sind", sagte Giuseppe Amato von Lang & Schwarz.

Die Titel der beiden Schweizer Großbanken Credit Suisse  und UBS   rutschten dagegen ins Minus und notierten je 0,4 Prozent tiefer. Auch Deutsche-Bank-Aktien   konnten ihre Kursgewinne nicht halten und notierten 0,3 Prozent niedriger.

Neben den Kreditinstituten legen diese Woche noch weitere Schwergewichte ihre Bilanzen vor: heute IBM  , morgen General Electric  . Von Reuters befragte Analysten gehen davon aus, dass die Gewinne bei den Unternehmen im S&P 500   im vierten Quartal um 8,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgehen. "Wenn die Bilanzsaison richtig loslegt, werden die Leute sehen, dass die Dinge schlimmer sind als sie dachten", sagte Jeff Buetow von XTF Global Asset Management.

Leitzins- und Steuersenkung soll US-Konjunktur retten

In den USA ist wegen der Dauerkrise um Billigkredite inzwischen die Rezessionsangst ausgebrochen. Um die Nervosität der Investoren einzudämmen, befürwortet US-Notenbank-Chef Bernanke einem Zeitungsbericht zufolge inzwischen sogar Steuersenkungen - obwohl dieser Schritt das Staatsdefizit weiter erhöhen würde.

Auch in Europa tüftelt man an einem Maßnahmenkatalog. Laut Zeitungsberichten arbeiten Großbritannien, Deutschland, Italien und Frankreich an einem umfassenden Reformpaket, um die Folgen der Kreditkrise in den Griff kriegen.

ssu/AP/dpa/Reuters

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