Kreditkrise Mittelständler im Würgegriff der Banken

Selten war das Verhältnis zwischen Banken und Mittelständlern so schlecht. Kredite werden abgelehnt, ganze Geschäftsbeziehungen aufgekündigt. Die Unternehmer - tragende Säule der Wirtschaft - sehen sich pauschal als unzuverlässige Schuldner angeprangert.

Die Post war gemischt an diesem Tag. Ein paar Werbesendungen, einige interessante Aufträge - und der Brief vom Kundenberater der Bank. Er teilte in einigen spröden Zeilen mit, man wolle die Geschäftsbeziehung beenden - komplett.

Hubert Zierl*, Inhaber eines kleinen Familienbetriebs für Aluminiumverarbeitung war wie vor den Kopf gestoßen. Einen Grund konnte er nicht erkennen. Zahlungspannen, etwa geplatzte Schecks oder Überziehung des Dispo-Kredits, hatte es nie gegeben. "Auch unsere Eigenkapitaldecke ist nicht dünner als üblich", sagt der Handwerker. Auch ein Anruf bei seinem Kundenberater brachte ihn nicht weiter - es gelang ihm auch nicht, den Berater zu überreden, seine Entscheidung wieder zu ändern: "Der erklärte nur, sein Institut wolle sich ganz aus der Betreuung der Branche zurückziehen", erinnert sich Zierl.

Mit dem Argument "Rückzug aus einer Branche" hat der Kundenberater wohl ein wenig untertrieben. Derzeit versuchen insbesondere die Großbanken offenbar systematisch, sich alle vermeintlich unsicheren Kantonisten vom Hals zu schaffen. In den Augen der Controller gehören dazu Kleinbetriebe wie der von Zierl, mit sieben Mitarbeitern und 1,5 Millionen Euro Jahresumsatz, aber auch veritable Mittelständler mit mehreren hundert Arbeitsplätzen. Zusammen bilden sie das Rückgrat der deutschen Wirtschaft - jetzt stehen sie unter dem Generalverdacht, schlechte Schuldner zu sein - schlechte Risiken, wie man im Branchenjargon sagt..

Fälle, in denen gleich die gesamte Geschäftsbeziehung abgebrochen wird, bilden zwar noch die Ausnahme. In einer Umfrage des Anlegermagazins "DMEuro" mussten aber 13,7 Prozent der Geschäftsführer oder Vorstände eine Kündigung oder Kürzung von Krediten hinnehmen. Weitere 10,4 Prozent konnten die Kündigung von Krediten in letzter Minute verhindern. 76 Prozent der Unternehmer hatten Schwierigkeiten, neue Kredite zu bekommen.

Basel II als Pauschal-Rechtfertigung

"Basel II" dient den Kreditabteilungen dabei sozusagen als Pauschal-Rechtfertigung. Die internationale Vereinbarung soll das Risiko der Banken reduzieren, durch faule Kredite in Bedrängnis zu geraten. Obwohl die Kredit-Leitlinie erst 2006 in Kraft tritt, hat sie schon heute massive Auswirkungen. Selbst Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, räumt ein, dass das Abkommen momentan oft dazu dient, Kunden mit geringer Kreditwürdigkeit abzuweisen. Bislang war es Sanio, der nicht müde wurde, Basel II als großen Fortschritt für den Mittelstand anzupreisen.

Beigetragen zu der restriktiven Geschäftspolitik hat die Krise, in die die Banken in den vergangenen Monaten hineingeschliddert sind. Zu sehr hatten sich die Manager in den neunziger Jahren auf einen scheinbar unumkehrbaren Aufwärtstrend an den Aktienmärkten verlassen. Investment-Banking - etwa der Aktienhandel, die Abwicklung von Börsengängen oder die Beratung bei Firmenübernahmen - galt als die Geldvermehrungsmaschine der Zukunft. Fast schon wurden die deutschen Großbanker als Spätzünder belächelt, weil sie während der Hausse so lange an ihren traditionellen Bankgeschäften festgehalten hatten.

Seitdem der Markt jedoch im Frühjahr 2000 drehte sind rund 670 Milliarden Euro an Börsenkapital vernichtet worden - ein Desaster für die Großbanken, die das Karussell mit eigenem Geld und Krediten beschleunigt hatten. Der Börsenwert der HypoVereinsbank beträgt nur noch rund ein Drittel von dem, was die Bank als Eigenkapital ausweist. Die Dresdner Bank ist zur Sparte der Allianz degradiert, bei der Commerzbank machten zwischenzeitlich gar Gerüchte von möglichen Liquiditätsproblemen die Runde. Der Traum vom Global Player geistert inzwischen wohl lediglich noch durch die Flure der Deutschen Bank.

Im Kampf ums eigene Überleben gilt es darum, jeden Cent aufzutreiben. Die leichteste Übung: Kredite werden zurückgefordert. Das Sprichwort, Banken würden bei Sonnenschein Regenschirme verleihen und sie bei Regen zurückfordern, wird so für viele Mittelständler zur bitteren Realität.

*Name von der Redaktion geändert

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Großbanken mit zweifelhaften Ratings Mittelständlern die Luft abschnüren

Schon lässt sich das rauer gewordene Klima in Zahlen ausdrücken. Insgesamt haben Commerzbank, Dresdner, Deutsche Bank und Co in den vergangenen drei Jahren das Kreditvolumen für Mittelständler um acht Prozent von 225 Milliarden auf 206 Milliarden Euro zurückgefahren. Tendenz weiter fallend: Allein im zweiten Quartal forderten die Banken insgesamt 6,2 Milliarden Euro mehr an ausstehenden Forderungen zurück, als sie an Krediten ausbezahlten.

Großbanken verweisen auf die hohe Zahl von Kreditausfällen

Aus Sicht das Banken stellt sich die Situation ganz anders dar. Deutsche-Bank-Sprecher Detlef Rahmsdorf verweist auf die wachsende Zahl der Ausfälle, die die Kreditabteilungen zu verkraften hätten. "Wir schreiben in diesem Geschäftsbreich zurzeit sogar Verluste." Dass sich in dieser Situation die Bedingungen für die Kreditvergabe verschärften, sei nur natürlich. Keinesfalls jedoch wolle man sich vollständig aus dem Geschäft mit dem Mittelstand zurückziehen.

Peter Pietsch, Sprecher der Commerzbank räumt immerhin ein, dass einzelne Sachbearbeiter zu restriktiv an neue Kreditanträge herangehen könnten. Gleichzeitig wirbt er um Verständnis: "Unsere Mitarbeiter stehen in der Pflicht, das Risiko so gering wie möglich zu halten. Nach viele Ausfällen der letzten Monate herrscht in diesen Abteilungen einige Verunsicherung".

Die Gefahr, dass vor allem Mittelsständler unter der veränderten Geschäftspolitik der Banken zu leiden haben, sehen auch die Volkswirte der Deutschen Bundesbank. In ihrem Monatsbericht vom Oktober resümieren sie: "Die von Kriterien der Kreditvergabe betroffenen Unternehmen sind in erster Linie Firmen, die in ihrer Außenfinanzierung besonders stark oder ausschließlich auf Bankkredite angewiesen sind."

Als bedrohlich wollen die Bundesbanker die Situation dennoch nicht einschätzen. Zwar sei die Kreditvergabe an Unternehmen und Private insgesamt deutlich zurückgegangen und liege derzeit leicht unter dem Vorjahresniveau; "Eine eingehende Analyse der Daten zeigt jedoch, dass dies überwiegend auf die schwache Konjunktur und die daraus resultierende geringe Kreditnachfrage zurückzuführen ist".

Für Fritz Wickenhäuser, Präsident des Verbands der Selbständigen in Bayern, widerlegt diese Analyse jedoch nicht den allgemeinen Trend. Im Gegenteil: "Gerade in den von der Konjunkturflaute besonders betroffenen Branchen wirkt sich die neue Geschäftspolitik der Banken besonders drastisch aus", sagt Wickenhäuser. Bauunternehmer, New-Media-Produzenten, Hotelbesitzer oder Einzelhändler würden pauschal als Risikogruppe eingestuft.

Rating dient als Hebel

Warenlager sind plötzlich als Sicherheit nicht mehr genug. Immobilien, die vor wenigen Jahren noch zu 100 Prozent als Sicherheit akzeptiert wurden, werden inzwischen nur noch mit 70 Prozent ihres Wertes beliehen. Aktienpakete sind allenfalls noch für ein Viertel des aktuellen Tageswertes gut. Pardon wird nicht gegeben.

Als Hebel dient das so genannte Rating, das von den Kreditabteilungen festgelegt wird. Basis dieser Bonitätsprüfungen sind seitenlange Fragenkataloge, in denen unter anderem auch Angaben über die Qualität des Standorts und des Kundenstamm verlangt werden. Selbst die Qualifikation des Geschäftsführers und die Nachfolgeregelung werden abgefragt.

Trotz der peinlich genauen Checks wird jedoch nach Einschätzung des Unternehmensberaters Wolfgang Mäsgen, der sich auf die Beratung von Mittelständlern spezialisiert hat, die Hälfte aller Rating-Einstufungen nach Gefühl vorgenommen. Eine Praxis, die Mäsgen für besonders problematisch hält: "Einmal aufgestellt, entwickelt so ein Gutachten schnell die Kraft eines objektiven Tatbestandes, gegen den kaum noch etwas auszurichten ist".

Die Folgen könnten für das betroffene Unternehmen verheerend sein. Die Kreditabteilungen einiger Großbanken haben die interne Anweisung, Unternehmen auszusortieren, deren Sicherheiten als zu dürftig erscheinen. Bis zu 90 Prozent der Kunden mit einem so genannten "B-" oder einem schlechteren Rating sollen aus der Kartei verschwinden.

Wird bei solcher Gelegenheit gleich die gesamte Geschäftsbeziehung aufgekündigt, kann dies schnell die Existenz eines Mittelständlers bedrohen. Für einen 50-Mann-Betrieb beziffert Mäsgen die Kosten dafür, eine neue Hausbank zu finden auf 15.000 bis 20.000 Euro. "Das Verfahren ist noch gründlicher als die Rating-Einstufung", sagt der Unternehmensberater, "und - vor allem - müssen Sie der Bank plausibel erklären, warum Ihnen das Vorgänger-Institut gekündigt hat."

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