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UNTERNEHMEN Krieg im Clan

Der Verkauf der Vergaser-Firma Pierburg an Rheinmetall ist vorerst blockiert: In der Sippe gibt es Krach. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Wenn Jürgen Pierburg, 40, hofhält etwa ein »Geisterfest« feiert, dann wird nicht gespart. Von nah und fern kommen Künstler und Galeristen angereist. Das 30-Zimmer-Anwesen, das »Haus Eppinghoven« bei Neuss, strahlt dann im Schein von einigen hundert Fackeln. Die Pierburg-Freunde aus der Düsseldorfer Schickeria-Disco »Sam"s« haben für eine Woche Gesprächsstoff.

Jürgen Pierburg liebt die gehobene Lebensart. Sein Haus wird geschmückt von Bildern und Objekten von Miro und Picasso. Den New Yorker Pop-art-Künstler Andy Warhol ließ der Hausherr einmal einfliegen, damit er Pierburgs Schlößchen male. Warhol lieferte »Haus Eppinghoven« auf rosa Hintergrund, in Grün und Blau, ab.

Den Aufwand kann sich der smarte Mäzen leisten. Er besitzt rund zwei Drittel der in Neuss ansässigen Pierburg-Gruppe, Europas zweitgrößtem Vergaserhersteller. Das in mehrere Produktionsgesellschaften und Auslandsbeteiligungen verschachtelte Firmenkonglomerat setzt 600 Millionen Mark um; die Firma beliefert nahezu alle deutschen Automobilfabriken mit Vergasern.

Seit elf Jahren leitet Jürgen Pierburg die Unternehmensgruppe. Sonderlich erfolgreich war der Chef, der stets darauf bedacht ist, die Aufenthaltsdauer in seinem Büro in Grenzen zu halten, bei seiner Führungsaufgabe nicht.

Gewiß, noch verdient Pierburg mit Vergasern, Ventilen und Vakuumpumpen reichlich Geld. Die Zeit indes drängt. Durch die verschärften Abgasvorschriften sind die Autofirmen gezwungen, ihre Produkte baldmöglich auf die umweltfreundlichere und sparsamere Einspritzelektronik umzurüsten. Pierburg hat dergleichen nicht anzubieten und läuft Gefahr mit seiner überholten Vergasermechanik aus der Lieferantenliste der Autobauer gestrichen zu werden.

Als dem jungen Mann an der Firmenspitze irgendwann im letzten Jahr aufging, daß die Familienfirma den Anschluß an die technologische Zukunft verpassen könnte, hörte er auf seine Ratgeber. Jürgen Pierburg beschloß, sich aus dem Management zurückzuziehen und den Firmenbesitz zu verkaufen.

Die Zeit schien günstig. Die Börsenkurse stiegen auf breiter Front, komplette Unternehmen wurden teurer gehandelt. Die Interessenten, meist Konzerne, haben gutgefüllte Konten.

Für Jürgen Pierburg gab es auch einen privaten Anlaß, Kasse zu machen. Er war Mitte 1984 nach 15 Jahren Ehe von seiner Frau Christine geschieden worden und hatte im letzten Herbst eine ehemalige Sekretärin geheiratet. Nun wolle er, so vertraute er Freunden an, sich mehr vom Leben machen.

Wieder mal sollte eine Familienfirma mit Tradition den Eigentümer wechseln. Anders aber als bei Unternehmen wie Pelikan, Dornier oder Knorr-Bremse, deren Verkauf von einem Krieg im Clan der Eigentümer überlagert war, schien bei Pierburg die Familie keine Schwierigkeiten zu bereiten: Ende vorigen Jahres stand Rheinmetall aus dem benachbarten Düsseldorf als Käufer fest.

Doch die Freude über die gelungene Transaktion könnte zu früh gewesen sein - Krach zieht nun auch in der Familie Pierburg herauf. Für einige Zeit dürften bei den Pierburgs Rechtsanwälte die am meisten gefragten Leute sein.

Genau dies hatte der 1975 verstorbene Firmenpatriarch Alfred Pierburg verhindern wollen. Er hinterließ ein verzwicktes Vertragswerk über die Rechte und Pflichten der Gesellschafter, verknüpft mit einer komplizierten Konstruktion, nach der die Firma geführt und kontrolliert werden soll. Das Reglement hielt der »Professor«, wie Alfred Pierburg in der Firma hieß, schon deswegen für nötig, weil er kein allzu großes Zutrauen in die Führungsqualitäten seines Jüngsten hatte.

Sohn Jürgen sollte ursprünglich gar nicht Chefmanager werden. Der fünf

Jahre ältere Manfred, ein Diplomkaufmann, war als Nachfolger ausersehen.

Jürgen, der Jüngere, kam zu Daimler-Benz in die Lehre. Dann brachte ihn der Vater bei der Düsseldorfer Trinkaus-Bank unter, an dem Geldhaus waren die Pierburgs beteiligt. So richtig wohl fühlte Jürgen Pierburg sich weder bei Daimler noch bei der Bank. Am liebsten wäre er Landwirt oder Gutsherr geworden.

Der Lieblingssohn Manfred starb 1972, noch keine 30 Jahre alt, an Krebs. Der Senior mußte schon befürchten, sein Lebenswerk müsse von Fremden fortgeführt werden.

In knapp einem halben Jahrhundert hatte Alfred Pierburg die ihm 1926 von seinem Vater übertragene Deutsche Vergaser Gesellschaft in Berlin (Marke: »Solex") zu einem Quasi-Monopolisten ausgebaut. Die Firma, die schon vor dem Krieg den Opel-Laubfrosch mit Vergasern ausgestattet hatte, bestückte nach dem Krieg fast alle deutschen Autos mit ihren Produkten.

In seiner Verwandtschaft fand Alfred Pierburg nach dem Tod Manfreds niemanden, dem er die Führung der Firma anvertrauen wollte. Lediglich der Sohn von Bruder Kurt (siehe Graphik) bekam einen Job bei der Deutschen Vergaser Gesellschaft.

Am Ende mußte dann der wenig geschätzte Jürgen ran. Kurz vor seinem Tod rief Alfred Pierburg die Führungskräfte zusammen und verkündete seinen Entschluß: Der Sohn würde Nachfolger, Jürgen habe sich inzwischen gut gemacht.

Um die Firma dem damals 29jährigen nicht allein zu überlassen, installierte der Senior damals einen Beraterkreis. Der Vorsitzende dieser Kontrollkommission ist heute noch Hans Lutz Merkle, der damalige Chef des Pierburg-Partners Bosch, jetzt in Stuttgart Aufsichtsratsvorsitzender.

Für den jungen Mann an der Unternehmensspitze änderte sich nach dem Tode seines Übervaters nicht viel. In dessen Rolle war Merkle geschlüpft. Bosch hielt seit 1972 ein Fünftel der Pierburg-Anteile. Und »Gottvater« Merkle, wie der Bosch-Chef in der Wirtschaft heißt, war es ein Leichtes, dem unerfahrenen Chefmanager die Richtung zu weisen.

Natürlich dachte der Bosch-Mann bei all seinen Ratschlägen auch daran, was gut für Bosch ist. Insider vermuten, der listige Merkle habe seinerzeit das Pierburg-Päckchen nur erworben, um die Vormachtstellung von Bosch auf dem Gebiet der elektronisch gesteuerten Benzineinspritzung abzusichern.

Pierburg-Ingenieure jedenfalls beklagen sich bitter über den Einfluß ihres Minderheitsgesellschafters auf den überforderten Jungmanager: Bosch habe alle Versuche, die Pierburg-Produktion auf die neue Technologie der elektronischen Benzineinspritzung umzustellen, hintertrieben.

Das war ganz legal. Schließlich hatte Alfred Pierburg der Merkle-Firma gewichtige Gesellschaftsrechte eingeräumt. Der Fünftel-Besitzer kann in Neuss herrschen wie ein Fünfzig-Prozent-Inhaber. Bosch muß von den Pierburgs über alle Interna informiert werden und kann über wichtige Entscheidungen in einem paritätisch besetzten Gremium mitbestimmen. Für die Bosch-Leute war es daher ganz natürlich, daß sie bei dem Rückzug der Pierburg-Sippe aus dem Management und beim Verkauf des Firmenvermögens mitreden würden.

Zunächst hatten Merkle und sein Nachfolger Marcus Bierich nichts dagegen, daß Pierburg die 80 Prozent des Clans dem Elektrokonzern Siemens anbot. Bosch konnte ein von Alfred Pierburg veranlaßtes Vorkaufsrecht nicht ausüben, weil das Kartellamt nicht mitgespielt hätte. Mit Siemens zusammen glaubten die Bosch-Manager Pierburg gut lenken zu können. Die Münchner und die Schwaben haben seit Jahrzehnten Wettbewerb gegeneinander vermieden.

Zum Eklat zwischen den Giganten kam es, als das Kartellamt die Kungelei nicht mitmachen wollte, Siemens dennoch mit Pierburg einen Kaufvertrag schloß. Die Bosch-Strategen hielten es ihrerseits für unzumutbar, freiwillig die Firma in Neuss zu räumen. Sie pochten nun auf ihr Vorkaufsrecht. Als Ersatz für Siemens wurde den Pierburgs ein anderer Käufer avisiert.

Kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres fand der sich in Rheinmetall.

Die Düsseldorfer waren bereit, nahezu unbesehen in Pierburgs Vertrag mit Siemens einzusteigen. Alles schien bestens gelaufen. Zu regeln ist nur noch, welche Rechte Bosch in dem geplanten Firmenverbund behalten wird und ob die Schwaben ihre Patente zur Verfügung stellen.

Der Krieg der Konzerne, das Makler-Spiel von Bosch - all das konnte Jürgen Pierburg eigentlich nicht beunruhigen, solange er für die 80 Prozent die geforderten 130 Millionen Mark bekommen sollte.

Doch plötzlich, als alles schon gelaufen schien, kam der Anführer des Pierburg-Clans selber unter Beschuß - aus einer Ecke, aus der er es nicht erwartet hatte. Die Familie legte sich quer.

Die »Berliner« um Onkel Kurt und die Nachkommen von zwei anderen Brüdern witterten die Chance, an noch mehr Geld zu kommen. Die drei Familienstämme besitzen rund 15 Prozent der Anteile. Gegen ein stattliches Aufgeld hatte sich das Neusser Oberhaupt die Prozente der Verwandten zum Verkauf an Siemens abtreten lassen.

Geht nun die Firma an einen anderen Erwerber als Siemens, so meinen einige von ihnen, dann müßten eben neue Konditionen für die Übertragung der Anteile ausgehandelt werden. Auf gut deutsch: mehr Geld.

Störfeuer kommt vor allem aber von einer Frau, die zwar den Namen der Familie trägt, aber im Clan nicht mehr als Mitglied anerkannt wird. Christine Pierburg, geborene Dörflinger, fühlt sich von ihrem Ex-Mann Jürgen schlecht behandelt. Sie will um die Rechte ihrer aus der Ehe stammenden Kinder kämpfen.

Monatelang hatte Jürgen Pierburg mit Siemens und Bosch verhandelt, der Kaufvertrag mit Siemens war längst geschrieben, da erst informierte er seine Ex-Frau über die Veräußerungspläne. Er benötige der Form halber, ließ er ausrichten, auch ihre Zustimmung, daß die Kinder nichts gegen den Verkauf hätten.

Daß die beiden bei ihr in der Schwarzwaldgemeinde Badenweiler lebenden Töchter Cecile, 11, und Alice 10, den Firmenverkauf des Vaters blockieren könnten, erfuhr Christine Pierburg erst, als sie ihren neuen Anwalt über den Wunsch ihres Ex-Mannes informierte.

Der Münchener Gesellschaftsrechtler Axel Meyer-Wölden entnahm den Gesellschaftsverträgen, daß die beiden Kinder ein Vorkaufsrecht besitzen, das dem der Firma Bosch noch vorgeht. Großpapa Alfred hat für die Enkel vorgesorgt.

Dem Patriarchen war es offenbar darum gegangen, unter den Gesellschaftern den Namen Pierburg zu erhalten. So räumte er den Enkeln sogar die Möglichkeit ein, nur Päckchen, nicht alles, was zum Verkauf anstünde, zu übernehmen. Zehn Prozent, so wohl sein Kalkül, seien über Bankkredite leicht zu finanzieren, wenn die Nachfahren nicht über genügend Geld verfügen würden.

Über diese Rechte der Kinder hatte Christine Pierburgs früherer Rechtsberater und Scheidungsanwalt Kurt Wessing sie nicht aufgeklärt. Der Wirtschaftsjurist, der bei dem Scheidungstermin nicht einmal anwesend war, hatte ihr sogar angeraten, ihrem früheren Mann ein Mitsorgerecht für die Kinder einzuräumen. Diese Zusage kann jetzt beim Verkauf der Firma nachteilige Folgen für die Kinder haben.

Christine Pierburg befürchtet, daß ihre Töchter bei der Verteilung des Erbes schlechter bedacht werden, wenn der Vater jetzt Kasse macht. Womöglich, so ihre Befürchtung, könnte er mit dem Geld in schönere Länder ziehen und den aus seiner Ehe mit der neuen Frau Clarissa zu erwartenden Nachwuchs besser als ihre Töchter stellen. Christine Pierburg, von Meyer-Wölden beraten, verweigerte die Zustimmung zum Verkauf.

Geklärt werden muß zunächst, wer zwischen Vater und Mutter, die beide ein Sorgerecht haben, schiedsrichtet. Nach geltendem Recht muß ein sogenannter Ergänzungspfleger eingesetzt werden. Jürgen Pierburg, in solchen Sachen tricky, schlug seinen Hausnotar vor. Christine Pierburgs Anwalt Meyer-Wölden dagegen meint, nur eine »hochkarätige Persönlichkeit aus einer Großbank« könne die Interessen zwischen den Kindern und den beteiligten Konzernen ausloten.

Bis das zuständige Gericht in Badenweiler über die Wahl des Ergänzungspflegers urteilt, müssen sich die Freunde aus der Düsseldorfer Altstadt wohl noch etwas gedulden. Die Feier, bei der im »Haus Eppinghoven« auf den gelungenen Verkauf der Firma Pierburg angestoßen werden kann, wird vorerst nicht stattfinden.

[Grafiktext]

MIT BOSCH VERFLOCHTEN Die Eigner und wichtigsten Unternehmen der Pierburg-Gruppe Zahlen an den Pfeilen = Anteile in Prozent Familie Pierburg Pierburg OHG, Neuss: Stammkapital: 7,75 Mill. Mark Pierburg Verwaltungs Gesellschaft mbH, Neuss: Stammkapital: 30 Mill. Mark Pierburg GmbH Neuss: Stammkapital: 1 Mill. Mark Pierburg GmbH & Co. KG Neuss: Stammkapital: 30 Mill. Mark Deutsche Vergaser Gesellschaft GmbH & Co. KG, Berlin; Stammkapital: 10 Mill. Mark Pierburg Luftfahrt geräte Union GmbH, Neuss: Stammkapital: 10 Mill. Mark Fluggerätetechnik GmbH, Neuss: Stammkapital: 1 Mill. Mark Robert Bosch GmbH, Stuttgart Robert Bosch Industrieanlagen GmbH, Stuttgart DER VERGASER-CLAN Verwandtschaftsverhältnisse der Familie Pierburg Bernhard Pierburg+ Bernhard Pierburg+ Otto Pierburg+ Alfred Pierburg+ Kurt Pierburg Walter Pierburg+ Karla Manfred Karin+ Kurt+ Bernd Monika 1. Frau: Christine --- Jürgen --- 2. Frau Clarissa Cecile Alice

[GrafiktextEnde]

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