Blockierte Häfen in der Ukraine Keine Lösung der Getreidekrise in Sicht

Wie kann das Getreide aus der Ukraine exportiert werden? Die Kriegsparteien werfen sich vor, sich gegenseitig zu blockieren – und die westlichen Staaten geben sich machtlos.
Österreichs Kanzler Nehammer nach seinem Telefonat mit dem Kremlchef: »Putin hat Signale gegeben«

Österreichs Kanzler Nehammer nach seinem Telefonat mit dem Kremlchef: »Putin hat Signale gegeben«

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IMAGO/Martin Juen / IMAGO/SEPA.Media

Westliche Staaten bemühen sich weiter darum, das von Russland blockierte Getreide in ukrainischen Häfen freizubekommen. »Putin hat Signale gegeben, dass er bereit ist, Exporte über die Seehäfen zuzulassen«, sagte Österreichs Kanzler Karl Nehammer. Die dafür nötigen Häfen müssten aber von Minen geräumt werden.

Der Kanzler hatte im Vorfeld auch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan telefoniert. Erdoğan wolle in den nächsten Tagen auf beide Kriegsparteien zugehen, um den Verhandlungsprozess wieder anzustoßen, sagte Nehammer.

Von Kremlseite hieß es, Putin habe Nehammer darauf hingewiesen, dass es keinen Grund gebe, Russland die Schuld für die Probleme bei den Lebensmittellieferungen zu geben. Stattdessen habe er die »wirklichen Ursachen« der Probleme benannt, »die unter anderem durch die antirussischen Sanktionen der USA und der Europäischen Union aufgetreten« seien.

Die Ukraine wirft Russland vor, die Schwarzmeerhäfen mit Kriegsschiffen zu blockieren und so wichtige Weizenausfuhren zu verhindern. Russland wiederum hatte die Ukraine aufgefordert, ihre Küstenstreifen zu entminen, damit ein Korridor für die Getreideausfuhr eingerichtet werden könne. Das wäre aber auch ein mögliches Einfallstor für die russischen Streitkräfte.

Draghi telefoniert mit Selenskyj

In einem weiteren Telefonat suchten der italienische Regierungschef Mario Draghi sowie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach Lösungen für die Getreidekrise. Selenskyj habe sich für die Initiative aus Rom bedankt und vereinbart, »über mögliche Lösungen weiter in Kontakt zu bleiben«, teilte das Büro Draghis mit.

Draghi hatte am Donnerstag mit Putin telefoniert. Bereits in diesem Gespräch hatte der Kremlchef gefordert, dass der Westen seine Sanktionen gegen Russland aufheben solle. Dann sei Moskau auch bereit, Schiffe mit Getreide und Dünger aus den Häfen am Schwarzen Meer wieder passieren zu lassen.

Entwicklungsministerin Schulze auf Ukrainebesuch: »Putin ist daran schuld, dass es in vielen Ländern jetzt womöglich zu Hungerkatastrophen kommt«

Entwicklungsministerin Schulze auf Ukrainebesuch: »Putin ist daran schuld, dass es in vielen Ländern jetzt womöglich zu Hungerkatastrophen kommt«

Foto: Natacha Pisarenko / dpa

Unterdessen forderte Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) bei einem Besuch in der Ukraine den russischen Präsidenten dazu auf, Getreidelieferungen über die ukrainischen Häfen zu ermöglichen. »Putin ist daran schuld, dass es in vielen Ländern jetzt womöglich zu Hungerkatastrophen kommt«, sagte Schulze am Freitag der Nachrichtenagentur dpa im Kiewer Vorort Borodjanka.

Schulze wies die russischen Vorwürfe zurück, dass die westlichen Sanktionen eine globale Hungerkrise provozierten. Lebensmittel seien von den Sanktionen ausgeschlossen, betonte die Ministerin, die als zweites deutsches Regierungsmitglied in die Ukraine gereist ist. »Was Putin aber faktisch macht, ist, dass er die Häfen bombardiert und dadurch verhindert, dass Lebensmittel aus der Ukraine überhaupt exportiert werden können«. Das müsse aufhören, forderte Schulze.

Russland kündigt Exportsteigerung an

Ungeachtet der Kritik aus dem Westen kündigte Russland eine Steigerung seiner Getreideexporte an. In diesem Getreidejahr habe Russland bereits mehr als 35 Millionen Tonnen ausgeführt, darunter 28,5 Millionen Tonnen Weizen, sagte Landwirtschaftsminister Dmitri Patruschew auf einer Getreidemesse. Bis Ende des Getreidejahrs Ende Juni werde das Volumen 37 Millionen Tonnen übersteigen. Im kommenden Getreidejahr »schätzen wir unser Exportpotenzial auf 50 Millionen Tonnen«.

Die Ukraine legte derweil eine erste Bilanz nach dem weitgehenden Abschluss der Frühjahresaussaat vor. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Kiew ging die Anbaufläche um 22 Prozent zurück, verglichen mit der Aussaat 2021 – vor dem russischen Einmarsch.

sol/dpa/AFP