Kriegsfolgen Finanzchefs warnen vor Blockbildung

Deutschlands Unternehmen stellen sich auf tiefgreifende geopolitische Veränderungen ein. Sie rechnen mit gravierenden Folgen für Lieferketten, Produktion und Strategie. Vor allem die Autoindustrie leidet stark.
ID.3-Produktion bei VW in Zwickau

ID.3-Produktion bei VW in Zwickau

Foto: Ronny Hartmann / AFP

Acht von zehn Unternehmen glauben, dass sich die Blockbildung in der internationalen Politik infolge des Ukrainekriegs verstärken wird. Das ergab eine Umfrage der Unternehmens­beratung Deloitte unter 143 Finanzvorständen. Demnach erwarten 70 Prozent eine stärkere Lo­ka­lisierung der Lieferketten. Vor allem in der Autoindustrie (83 Prozent) und im Maschinenbau (77 Prozent) sehen die Konzerne diesen Trend.

Mehr als die Hälfte der Finanzchefs befürchtet, dass Handel und internationale Investitionen in Zukunft politisch erschwert werden könnten. Geopolitische Risiken würden »ein ent­scheidender Faktor für unternehmerische Strategien«, sagt Deloitte-Chefvolkswirt Alexander Börsch. Die Nichtberücksichtigung solcher Risiken könne »sehr einschneidende Konsequenzen haben«.

In der Autoindustrie klagen 100 Prozent der befragten Unternehmen über Lieferkettenprobleme

Der Umfrage zufolge sehen sich derzeit drei Fünftel der Befragten stark oder merklich von Lieferkettenproblemen betroffen, die vor allem eine Folge der Coronapandemie und des Ukrainekriegs sind. In der Autoindustrie klagen 100 Prozent der befragten Unternehmen über Lieferkettenprobleme. Vor allem höhere Transportkosten und Preise für Rohstoffe und Vorprodukte belasten Deloitte zufolge die Firmen. Außerdem seien Zwischenprodukte immer häufiger verspätet oder gar nicht verfügbar.

»Die Störung in den Lieferketten katapultiert das Thema Resilienz ganz oben auf die unternehmerische Agenda«, sagt Börsch.

Aktuell reagierten die Firmen vor allem mit einer Diversifizierung von Lieferanten und Vertriebswegen. Über eine Verlagerung der eigenen Produktionsstandorte denke bislang nur etwas mehr als jedes zehnte Unternehmen nach. In der Autoindustrie kann sich allerdings etwa die Hälfte der befragten Unternehmen eine Verlagerung von Produktionsstätten vorstellen.

Aus: DER SPIEGEL 24/2022
Foto:

Mikhail Palinchak / SOPA Images / LightRocket / Getty Images / DER SPIEGEL

Drückeberger Deutschland

Drei Monate nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine ist hierzulande von einer Zäsur nicht viel zu spüren. Statt das Land mit allen Mitteln in seinem Existenzkampf zu unterstützen, verteidigt die Bundesregierung lieber die heimischen Geldbeutel. Auf der Weltbühne bleibt sie stumm.

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Der Großteil der Unternehmen geht davon aus, dass sich die Eng­pässe erst im nächsten Jahr auflösen werden. Rund ein Fünftel der Befragten erwartet, dass die Probleme sogar bis 2024 anhalten werden.

mhs
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