Kriegsnation USA Reibach für die Rüstungs-Riesen

Im Irak sterben täglich Zivilisten und Soldaten - doch für manche ist der "Krieg gegen den Terror" ein Milliardengeschäft: Die amerikanischen Rüstungskonzerne haben ihre Aktienkurse zum Teil verdreifacht. Nun wollen auch die Europäer am Big Business mitverdienen.

Von


Hamburg - Wenn US-Rüstungsfirmen ihre Bilanzen vorlegen, haben die Aktionäre regelmäßig Grund zur Freude. In der vergangenen Woche war es bei Lockheed Martin wieder einmal so weit: Allein im vierten Quartal 2006 steigerte das Unternehmen seinen Gewinn um 28 Prozent auf 729 Millionen Dollar. Ähnlich gut geht es dem Armeelieferanten Northrop: Das Unternehmen meldete ein Plus von 37 Prozent auf 453 Millionen Dollar. Gestern schließlich hat der Flugzeugbauer Boeing seine Zahlen präsentiert. In der Militärsparte kommt der Konzern auf einen Quartalsgewinn von einer Milliarde Dollar - zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

F-16-Kampfflugzeug: Der Hersteller Lockheed Martin hat seinen Gewinn im vierten Quartal um 28 Prozent gesteigert
AFP

F-16-Kampfflugzeug: Der Hersteller Lockheed Martin hat seinen Gewinn im vierten Quartal um 28 Prozent gesteigert

Der Erfolg der Konzerne kommt nicht von ungefähr: Aus dem Verteidigungsministerium in Washington erhalten sie immer neue Aufträge. Allein im vergangenen Jahr belief sich der Militäretat der USA auf 420 Milliarden Dollar - eine Summe, die fast ausschließlich Firmen im eigenen Land zugute kommt. Vor allem der "Krieg gegen den Terror" trieb die Ausgaben des Pentagon in die Höhe: In den letzten fünf Jahren stiegen sie um 41 Prozent. "Für die Unternehmen ist der Krieg im Irak und in Afghanistan ein gutes Geschäft", sagt ein Analyst einer deutschen Bank, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Besonders deutlich zeigt sich das in den Börsenkursen der Unternehmen. So legte die Aktie von Lockheed Martin - bekannt für seine F-16-Kampfflugzeuge - in den vergangenen drei Jahren um 140 Prozent zu. Beim Konkurrenten Raytheon betrug das Plus 120 Prozent, bei General Dynamics sogar 200 Prozent.

Auch kleinere Rüstungsunternehmen legten deutlich zu: So stieg der Amex Defense Index, der sämtliche Firmen der Rüstungsbranche zusammenfasst, seit 2003 um 210 Prozent. Der New Yorker Aktienindex Dow Jones dagegen stieg im gleichen Zeitraum nur um 70 Prozent.

Nach den Kongresswahlen im vergangenen Herbst erlitt die Rüstungsbranche zwar einen leichten Schock - als der Sieg der Demokraten bekannt wurde, sackten die Aktienkurse ab. Kurze Zeit später erholten sie sich aber wieder: Offensichtlich erwarten die Finanzmärkte kein Ende des Rüstungsbooms. Die Verteidigungsausgaben würden auch weiterhin um mehr als zehn Prozent im Jahr wachsen, schreiben die Analysten der Citigroup in einem Bericht über die Rüstungsbranche.

Bisher profitieren von dem Boom vor allem amerikanische Unternehmen. Nur zwei Prozent ihrer Waffen beziehen die USA aus dem Ausland - zum Großteil vom Verbündeten Großbritannien. Der Grund ist die alte Doktrin des Pentagon, wonach militärisch sensible Bereiche in amerikanischer Hand bleiben müssen. Um an mehr Aufträge heran zu kommen, wollte Mike Turner, der Chef des britischen Rüstungskonzerns BAE Systems, sogar schon den Firmensitz von England in die USA verlegen. "Wir wollen ein transatlantischer Rüstungskonzern werden."

Die größten Konzerne: Rüstungsfirmen wachsen schneller als der Gesamtmarkt
SPIEGEL ONLINE

Die größten Konzerne: Rüstungsfirmen wachsen schneller als der Gesamtmarkt

Vielleicht aber wird das gar nicht nötig. Denn langsam bröckelt die Abwehrfront der Amerikaner. Um ihre Militärausgaben wenigstens einigermaßen in den Griff zu bekommen, setzen sie verstärkt auf Wettbewerb: Je mehr Unternehmen um einen Auftrag buhlen, desto tiefer lässt sich der Preis drücken.

Mit der Zeit gewinnen deshalb auch ausländische Hersteller an Boden. So hat die französische Thales-Gruppe ihren Umsatz in den USA seit 2002 um fast 25 Prozent gesteigert. Ähnliche Hoffnungen macht man sich beim Airbus-Mutterkonzern EADS: Co-Chef Tom Enders will den Umsatz seiner Militärsparte in Großbritannien und den USA von derzeit 7,7 Milliarden Euro auf zehn Milliarden Euro erhöhen.

Einen ersten Erfolg konnte Enders schon verbuchen: Die EADS-Tochter Eurocopter wird der amerikanischen Armee in den kommenden Jahren mehr als 320 Transport-Hubschrauber verkaufen. Das Geschäft hat einen Wert von zwei Milliarden Dollar - und soll als Türöffner für weitere Aufträge dienen.

Auch sonst könnte sich der Lieferantenstamm des Pentagon erweitern: Erstmals bietet eine sogenannte Heuschrecke für einen milliardenschweren Auftrag des Verteidigungsministeriums. Presseberichten zufolge will das Unternehmen IAP Worldwide Services, eine Tochter des Hedgefonds Cerberus, die Truppen im Irak mit Essen beliefern. Für Unterkunft und Logistik will das Unternehmen ebenfalls sorgen.

Besonders pikant: Der Vorsitzende von Cerberus ist der frühere US-Finanzminister John Snow. Zuvor hatten sich die Streitkräfte von dem früheren Auftragnehmer, Halliburton, getrennt: Das Unternehmen, für das Vize-Präsident Dick Cheney früher tätig war, soll im Irak und in Afghanistan mehrere hundert Millionen Dollar verschwendet haben.

Auch die Konkurrenz zu China treibt die Rüstungsausgaben

Dass sich an den amerikanischen Militärausgaben grundsätzlich etwas ändert, erwartet indes kaum jemand. Höchstens innerhalb des Militäretats könnte es unter dem Einfluss der Demokraten im Kongress leichte Verschiebungen geben: mehr Geld für die Ausrüstung der Soldaten vor Ort, weniger Geld für Megaprojekte wie den geplanten Raketenabwehrschild. Insgesamt aber rechnen die Unternehmen wegen der weltweiten Konflikte auch für 2007 mit kräftigen Zuwächsen. Die Bank of America sieht das ähnlich. Ein schnelles Ende der internationalen Einsätze sei "nicht zu erwarten".

Und selbst wenn der Irak-Krieg eines Tages zu Ende gehen sollte: Der Rüstungsboom wäre damit noch lange nicht vorbei. "Dazu ist das allgemeine Unsicherheitsgefühl in den USA viel zu groß", sagt Rüstungsexperte Niklas Schörnig von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. "Für die USA geht es darum, als hegemoniale Macht zu bestehen."

Gegen wen sich diese Strategie richtet, ist neuerdings kein Geheimnis mehr. In seinem alle vier Jahre erscheinenden Verteidigungsbericht benannte das Pentagon den "größten militärischen Wettbewerber" der USA offen beim Namen: die Volksrepublik China. Nach dem Ende des Kalten Kriegs könnte das Wettrüsten also von Neuem beginnen. Die Konzerne freuen sich schon heute.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.