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21. Februar 2003, 13:09 Uhr

Kriegsvorbereitungen der US-Bürger

Tesa gegen den Terror

Von Lutz C. Kleveman, New York

Mit Klebeband und Dosenöffnern soll sich das amerikanische Volk gegen drohende Terroranschläge rüsten. Dazu fordert die Bush-Regierung seit gestern in Fernsehspots auf. Tausende US-Bürger reagieren mit Panik.

"Terroristen wollen unsere Wohngebiete in Schlachtfelder verwandeln": Sicherheitsminister Ridge
AP

"Terroristen wollen unsere Wohngebiete in Schlachtfelder verwandeln": Sicherheitsminister Ridge

Zeiten waren das, als man auf Dinner Partys in Manhattan darüber debattierte, welche Aktien die saftigsten Profite abwerfen. Dieser Tage sprechen Amerikaner über eine gänzlich andere Zukunfts-Investition: Klebeband. Wie breit muss es sein, wie dauerhaft klebrig? Und: Reicht die billige Standardware von Walmart wirklich, um sich vor einem Terrorangriff zu schützen?

Genau das und nicht weniger behauptet die Bush-Regierung in einer groß angelegten Aufklärungs-Kampagne, die seit gestern das amerikanische Volk auf einen Anschlag wie am 11. September 2001 vorbereiten soll. In halbminütigen Spots in Fernsehen und Radio raten New Yorker Feuerwehrleute ihren Mitbürgern, sich unverzüglich mit Nahrung, Medikamenten, und manuellen Dosenöffnern für den Katastrophenfall auszurüsten. Und mit Klebeband.

"Terroristen wollen unsere Wohngebiete in Schlachtfelder verwandeln", warnte Tom Ridge, Minister für Heimatsicherheit, am Mittwochabend in einer Rede vor Polizisten und Feuerwehrleuten in Cincinnati zum Start der Kampagne. "Wir können entweder Angst haben oder vorbereitet sein. Amerikaner fürchten sich nicht, also werden wir bereit sein."

Broschüren in Millionenauflage

Verkaufsschlager: Safe Room Security Kit

Verkaufsschlager: Safe Room Security Kit

Damit das auch wirklich so ist, hat die Regierung millionenfach eine Broschüre drucken lassen, die Bürger über eine kostenfreie Hotline bestellen können. Darin heißt es: "Zur Notausrüstung sollten Müllsäcke oder Plastikfolie, Klebeband und Scheren gehören. Sie können diese Dinge nutzen, um Fenster, Türen und Lüftungslöcher zu verkleben, wenn Sie einen Raum vor Vergiftung von außen versiegeln müssen."

Dummerweise ist Klebeband in vielen Läden im Moment ausverkauft, denn schon vergangene Woche forderte ein Beamter in Ridges jüngst geschaffenem Mammut-Ministerium zum Erwerb der überlebenswichtigen Utensilie auf. Zugleich erhöhte die Regierung die Terror-Alarmstufe auf "Orange" - eine landesweite Massenhysterie brach aus. Hunderttausende Amerikaner eilten zu Supermärkten und kauften panisch die Regale leer. Für die Handelskette Walmart waren die Hamsterkäufe ein kleiner Segen: Die bestlaufenden Produkte, so frohlocken Firmensprecher, sind Unterwäsche und Klebeband.

Sachliche Informationen statt Panikmache

Schon war in den US-Medien allerdings von ersten Bürgern zu hören, die die Warnungen der Behörden vor Anschlägen mit biologischen oder chemischen Kampfstoffen vielleicht etwas zu ernst nahmen: Vor lauter Sorge begannen sie ihre Wohnungen mit Tesafilm dichtzukleben.

Werbekampagne für die Wachsamkeit: "Are You Ready?"-Broschüre

Werbekampagne für die Wachsamkeit: "Are You Ready?"-Broschüre

Die Verantwortlichen der staatlichen "Be ready!"-Kampagne versuchen daher, die Panikmache durch sachliche Informationen zu ersetzen. "Wir wollen nicht, dass einzelne Menschen oder Familien anfangen, ihre Türen und Fenstern zu versiegeln", stellte Sicherheits-Minister Ridge klar. Mit betont beruhigender Stimme wandte er sich an das verängstigte Volk: "Benutzen Sie das Klebeband nicht, sondern verstauen Sie es gut - für die Zukunft."

Der Republikaner, ein guter Freund von Präsident Bush, hat in den vergangenen Tagen harsche Kritik am nervösen Stil seiner Terror-Kassandrarufe einstecken müssen. Auch aus eigenen Reihen kam Schelte: "Lächerlich" nannte etwa New Yorks republikanischer Bürgermeister Michael Bloomberg den Klebeband-Tip. Viele Kritiker fühlten sich an die "Duck and Cover"-Kampagne erinnert, mit der die Behörden das amerikanische Volk in den fünfziger Jahren mental auf einen sowjetischen Nuklear-Angriff einstellten. Damals wurde Menschen empfohlen, bei der Explosion einer Atombombe unter Tische zu kriechen oder sich zum Schutz Zeitungen über den Kopf zu halten. Vergleichbar mit der gegenwärtigen Paranoia, hoben seinerzeit ängstliche Gemüter in ihren Gärten Gruben für vermeintlich bombenfeste Schutzkeller aus.

Kanarienvögel als Frühwarner

Trotz der Kritik hält Minister Ridge an der umstrittenen Schutzmaßnahme fest: "Experten sagen, dass man mit Klebeband einen chemischen Kampfstoff stundenlang draußen halten kann, bis der Wind ihn wegweht." Auf einer eigens eingerichteten Homepage unter www.ready.gov. bietet die Behörde für Homeland Security weitere gute Ratschläge gegen den Terror: Kleintiere wie Kanarienvögel würden sich als gute Frühwarner eines Terrorangriffs eignen. Fällt der Vogel im Käfig von der Stange und bleibt reglos liegen, ist etwas nicht in Ordnung.

Für mindestens drei Tage, so empfehlen die Autoren der Broschüre, müssen die Vorräte an Wasser, Benzin und Lebensmitteln reichen. Für den Fall, dass eine Flucht notwendig wird, sollte ein Picknickkorb zum Erste-Hilfe-Koffer umfunktioniert werden. Außerdem sollten Familien planen, wie sie sich im Ernstfall miteinander verständigen und wo sie zusammentreffen wollen.

"Orange" wird zum Dauerzustand: Homeland-Security-Warn-Stufen

"Orange" wird zum Dauerzustand: Homeland-Security-Warn-Stufen

Damit die 1,2 Millionen Dollar teure Terror-Infokampagne nicht zu viel Steuergeld verschlingt, haben Fernsehstationen gratis Sendezeit im Wert von etwa 80 Millionen Dollar gespendet. Auch die Werbeagentur aus Virginia, die die Anzeigen und Filmchen entworfen hat, verlangt kein Honorar. Der kreative Kopf der Kampagne, Ken Hines, erklärt das Ziel seiner Arbeit: "Wir haben versucht, ein Gleichgewicht zu finden, indem wir ein Gefühl der Dringlichkeit erzeugen, aber keine Angst. Uns wurde klar, dass die Dinge von den Leuten gesagt werden mussten, die am glaubwürdigsten sind." Schnell kam Hines daher auf New Yorker Polizisten und Feuerwehrleute - und natürlich auf Ridge selbst.

Paranoia daheim soll für den Krieg gefügig machen

Der Minister hat es bislang allerdings abgelehnt, die Terror-Alarmstufe "Orange" herunterzuschrauben. Die Sicherheitskräfte bleiben in höchster Bereitschaft, mit Maschinenpistolen patrouillieren Polizisten die New Yorker U-Bahnhöfe. Allerdings, so räumt Ridge immerhin ein, sei die Gefahr eines Anschlags wohl etwas gesunken, seit die Hadsch, die muslimische Pilgerfahrt nach Mekka, zu Ende gegangen ist.

Dass die Regierung trotzdem an der offiziellen Risikostufe festhält, halten einige skeptische Kommentatoren für Propaganda, um daheim das Volk in Paranoia zu versetzen und so für einen Krieg gegen den Irak gefügig zu machen.

Dass er nicht zu oft "Böser Wolf!" rufen kann, ohne dass tatsächlich mal etwas Schlimmes passiert, wird Sicherheits-Minister Ridge inzwischen bemerkt haben. Mitten in seiner Rede zum Start der "Be Ready!"-Kampagne schaltete sich der Nachrichtensender CNN plötzlich aus, um aus einem Helikopter gefilmte "Breaking News" zu zeigen: Auf einem Fluss in New Jersey retteten zwei Feuerwehrleute in einem Ruderboot einen Schäferhund, der hilflos auf einer Eisscholle trieb. Die Fernsehnation feierte die Heldentat, fast sehnsüchtig nach einer Zeit, als Gefahren für das Leben noch sichtbar und abwendbar waren.

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