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04. Oktober 2001, 11:29 Uhr

Krise in den USA

"Das hat es in neunzig Jahren noch nicht gegeben"

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Seit den Terroranschlägen vom 11. September ist den Amerikanern die Kauflust vergangen. Der US-Automarkt muss derzeit eine Vollbremsung verkraften. Besonders schlimm hat es die New Yorker Autohändler erwischt.

Billig wie nie: Chevrolet-Händler
AP

Billig wie nie: Chevrolet-Händler

New York - Rick Negron verkauft amerikanische Autos. Riesige Chevys mit Fernseher, Videorecorder und sieben Sitzen. Routiniert klappt er die hintere Sitzbank um. "Hier kannst du deine Kinder parken. Video rein, Ruhe."

So hat er es unzählige Male gemacht. Seit dem 11. September jedoch klappt Negron kaum noch Sitzbänke um. Es gibt keine Kunden, nach dem Angriff auf das World Trade Center ist das Geschäft um 80 Prozent eingebrochen. Zehn Autos haben er und seine Kollegen seither verkauft, weniger als eins pro Tag. Normalerweise sind es vier am Tag.

Auch jetzt ist niemand in dem Ausstellungsraum des Chevrolet-Händlers Major Automotive Group am Northern Boulevard in Queens. Vier Verkäufer stehen herum und unterhalten sich. Es ist Dienstagnachmittag, keine Zeit zum Autokaufen. Doch selbst am Wochenende ist es neuerdings ähnlich tot hier, sagen sie.

"Die Corvette da draußen, 8000 Dollar Anzahlung, und du kannst sie mitnehmen". Negron zeigt auf das nagelneue schwarze Geschoss. "Ohne Zinsen zu zahlen. Das hat es in neunzig Jahren noch nie gegeben", sagt er.

So brenzlig ist die Situation auf dem US-Automarkt, dass die "Großen Drei", General Motors, Ford und Chrysler, seit zwei Wochen auf die üblichen vier Prozent Zinsen bei Ratenzahlung verzichten. "Sie wollen die Autos einfach los werden", sagt Negron. Natürlich verpackt General Motors die Verzweiflungstat in eine amerikanische Flagge. Die Sonderaktion mit dem Titel "Keep America rolling" solle die US-Wirtschaft wiederbeleben. Frei nach dem alten Motto: Was gut ist für General Motors, ist gut für Amerika.

Die Null-Prozent-Offensive, die am 31. Oktober endet, hat die Autobauer vor einem noch größeren Debakel im September bewahrt. National sind die Verkäufe von Trucks und Autos "nur" um rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Das entspricht den Erwartungen der Analysten. Im Rest Amerikas ist die Nachfrage nach der Attacke nicht so dramatisch eingebrochen wie im Nordosten.

General Motors meldet für September einen Verkaufseinbruch von drei Prozent, bei Autos allerdings 14 Prozent. Ford hat rund zehn Prozent weniger verkauft, einzelne Marken wie Lincoln verloren allerdings 40 Prozent. Am schlimmsten getroffen wurde Chrysler mit einem Einbruch von 28 Prozent. Den überdurchschnittlichen Verlust erklärt das Unternehmen unter anderem damit, dass man erst am 22. September, drei Tage nach den beiden Rivalen, mit dem Null-Prozent-Angebot begonnen habe.

Die Zukunft der Detroiter sieht nicht rosig aus. Schon vor dem Anschlag hatten die "Großen Drei" Marktanteile an die ausländische Konkurrenz verloren. Jetzt ist die private Nachfrage in einigen Märkten vollends eingebrochen. So trifft die Krise der Autoverleihfirmen, die überproportional vom Fluggeschäft abhängig sind, die amerikanischen Hersteller besonders hart. John Casesa, Auto-Analyst bei Merrill Lynch, spricht bereits von einem Abschwung, der erst 2003 den Tiefpunkt erreichen wird.

Obwohl General Motors in Pressemitteilungen schwört, das drittbeste Jahr seiner Geschichte hinzulegen, drosselt das Unternehmen die Produktion im vierten Quartal. Chrysler will einige Fabriken zeitweise schließen. Außerdem reduzierte die Daimler-US-Sparte die Prognose für das vierte Quartal, der Break-Even wurde erneut verschoben. Weitere Entlassungen sind bei allen drei Firmen wahrscheinlich.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die New Yorker selbst bei Null-Prozent-Angeboten noch sparen und ein Grieche langsam Heimweh bekommt.Klicken Sie hier!

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