Krise Peking fürchtet Unruhen wegen Jobverlust von Millionen Arbeitern

Der globale Abschwung trifft Chinas Landregionen mit voller Wucht: Laut einer offiziellen Erhebung sind 20 Millionen Wanderarbeiter ohne Job, die Löhne fallen bedenklich. Die Regierung in Peking spricht vom härtesten Jahr seit der Jahrtausendwende - und warnt vor sozialen Unruhen.


Peking - Die internationale Wirtschaftskrise belastet zusehends den chinesischen Arbeitsmarkt. Nach offiziellen Angaben haben derzeit rund 20 Millionen Wanderarbeiter keinen Job. Im vergangenen Monat hatte die chinesische Statistikbehörde die Zahl der unbeschäftigten Wanderarbeiter noch auf sechs Millionen beziffert.

Chinesische Wanderarbeiter auf einer Müllkippe in Shenyang: Millionen Jobs gehen verloren
DPA

Chinesische Wanderarbeiter auf einer Müllkippe in Shenyang: Millionen Jobs gehen verloren

Im Zuge des Abschwungs hätten gut 15 Prozent der insgesamt gut 130 Millionen Wanderarbeiter ihre Arbeit verloren oder keine Beschäftigung gefunden, sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter für ländliche Entwicklung am Montag in Peking. Dies habe eine Untersuchung des Landwirtschaftsministeriums ergeben. Untersucht worden seien 165 Dörfer in einem Dutzend Provinzen.

Wanderarbeiter arbeiten oft in ländlichen Regionen, insbesondere in arbeitsintensiven Industriezweigen. Die exportorientierte chinesische Wirtschaft ist vom weltweiten Einbruch der Nachfrage stark betroffen, Tausende Fabriken mussten schließen. Die Löhne seien in der Folge bedenklich gefallen.

Die Regierung in Peking verfolgt die Situation der Wanderarbeiter aufmerksam, weil sie soziale Unruhen befürchtet. Angesichts der Massenentlassungen protestieren laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP schon jetzt Arbeiter von geschlossenen Fabriken. Peking mahnt das Militär auf der Web-Seite der Regierung explizit zu Gehorsam. Loyalität sei in Zeiten sozialer Unruhen äußerst wichtig, hieß es.

In den ländlichen Regionen Chinas arbeiten Schätzungen zufolge zwischen 750 und 900 Millionen Menschen. Die Führung in Peking warnte nach Angaben der amtlichen Agentur Xinhua vor dem Schaden, den die Weltwirtschaftskrise in diesen Gebieten anrichtet. 2009 werde "vermutlich das härteste Jahr" seit der Jahrtausendwende, heißt es in einem offiziellen Regierungspapier. Die Entwicklung in ländlichen Gebieten sei sehr "bedrohlich".

Dem Papier zufolge will die Regierung deshalb mehr Geld in die Entwicklung des ländlichen Raums stecken. Unter anderem will Peking die schulische Ausbildung in diesen Regionen verbessern. Firmen, die Wanderarbeiter beschäftigen, ruft Peking laut dem Dokument dazu auf, mehr soziale Verantwortung zu übernehmen. Wanderarbeiter sollten unter zumutbaren Bedingungen arbeiten und eine bessere Ausbildung für ihre Tätigkeiten erhalten, heißt es.

Peking erwägt neue Konjunkturhilfen

Die Regierung betonte zudem, dass gerade in ländlichen Regionen beträchtliche Wachstumspotentiale für die lahmende chinesische Volkswirtschaft liegen. Die Wirtschaftsleistung Chinas war im Schlussquartal 2008 auf 6,8 Prozent geschrumpft. Die Summe aller in China produzierten Waren und Dienstleistungen nahm im Gesamtjahr um neun Prozent zu - so wenig wie seit sieben Jahren nicht mehr.

China hatte zuvor fünf Jahre lang zweistellige Wachstumsraten verbucht und war dadurch zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt hinter den USA und Japan aufgestiegen.

Angesichts des anhaltenden Abschwungs hat China weitere Maßnahmen zur Ankurbelung seiner Wirtschaft in Aussicht gestellt. Sein Land werde möglicherweise "neue, rechtzeitige und entscheidende Maßnahmen ergreifen", sagte Ministerpräsident Wen Jiabao in einem Interview mit der "Financial Times". Die Regierung in Peking hatte erst im November ein Konjunkturpaket mit einem Umfang von umgerechnet gut 456 Milliarden Euro angekündigt.

Nach Wens Einschätzung zeigt die chinesische Wirtschaft aktuell Zeichen einer Erholung. "In den letzten zehn Tagen des Dezembers ging es allmählich bergauf", sagte er bei einem Geschäftsessen in London. "Die Güter, die sich im Hafen aufgetürmt hatten, verringerten sich und die Preise für Industrieprodukte fangen an zu steigen."

Wen verteidigte Chinas Währungspolitik gegen Vorwürfe der USA, den Wechselkurs des Yuan zur Ankurbelung chinesischer Exporte zu manipulieren. Seine Regierung bemühe sich um einen Wechselkurs von "ausgeglichener und vernünftiger Höhe". Eine "drastische Fluktuation" des Wechselkurses würde ein "großes Desaster" auslösen, sagte Wen der Zeitung.

Südkorea mit bisher größtem Exportrückgang im Januar

Als Folge der einbrechenden Nachfrage in China, Europa, den USA und Japan sind auch Südkoreas Exporte zum Jahresbeginn im Rekordtempo zurückgegangen. Die Ausfuhren des exportabhängigen Landes schrumpften im Januar im Jahresvergleich um 32,8 Prozent auf wertmäßig 21,7 Milliarden Dollar, wie das Wirtschaftsministerium mitteilte.

Die Exporte in die USA fielen um 21,5 Prozent, nach Europa um 46,9 Prozent und nach Japan um 29,3 Prozent. Die Importe fielen im vergangenen Monat um 32,1 Prozent auf 24,6 Milliarden Dollar. Dadurch ergab sich ein Defizit von knapp drei Milliarden Dollar.

ssu/AP/AFP/dpa/Reuters

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