Kriselndes Finanzzentrum Trendwende am Londoner Büromarkt

Die City of London ist die City of Money - wie an kaum einem anderen Bürostandort konzentriert sich dort das Finanzgeschäft. Lange zum Glück der Vermieter: Banken waren Traumkunden, die viel zahlten. Doch jetzt beutelt die Kreditkrise die Geldinstitute - und bei den Räumlichkeiten wird gespart.

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Hamburg - In der City of London ist es kurz vor zwölf - das jedenfalls findet der internationale Immobilienberater Jones Lang LaSalle. Die Analyse der Experten: Der Aufschwung, der die Büromieten in der City in den vergangenen Jahren auf immer neue Höhen getrieben hat, geht gerade zu Ende.

Nach dem der Internetcrash Anfang des Jahrtausends überstanden war, hatten die Mieten in London im Frühjahr 2004 zu einem teils rasanten Höhenflug angesetzt. Auf dem gegenwärtigen Zenit dieses Hypes müssen Unternehmen für Büroflächen in der Londoner City laut Jones Lang LaSalle fast 900 Euro pro Quadratmeter und Jahr bezahlen. Doch das scheint nun Vergangenheit zu sein. "Wir beobachten bereits die ersten Abschlüsse unterhalb des bisherigen Niveaus", berichtet Hela Hinrichs von Jones Lang LaSalle. "Vor allem große Flächen werden merklich weniger nachgefragt."

Entscheidenden Anteil am absehbaren Ende des Mietaufschwungs hat laut Hinrichs die weltweite Finanzkrise. "Vor allem Banken und andere Finanzdienstleister haben ihre Expansionspläne zum Teil deutlich nach unten korrigiert", sagt die Expertin. "Offenbar ist der Flächenbedarf speziell für Abteilungen, die mit dem Verbriefungsgeschäft zu tun haben, nicht mehr so groß wie noch vor Monaten."

Der Hintergrund: Wie kaum ein anderer Bürostandort in Europa ist London - und dort speziell die City - auf das Finanzgeschäft fokussiert. Und anders als etwa im ebenfalls bankenlastigen Frankfurt haben viele Geldinstitute dort auch einen Großteil ihres Verbriefungsgeschäfts angesiedelt. Diese Abteilungen sind von der Finanzkrise, die ja im Kern eine Krise des Verbriefungsmarktes ist, besonders stark betroffen.

Die Folge: Stellen werden abgebaut, Büroflächen nicht mehr benötigt. Mit Merrill Lynch und der Citibank sind nur zwei Big Player genannt, die in den vergangenen Wochen Stellenstreichungen im großen Stil angekündigt haben. Auch die schweizerische UBS plant Medienberichten zufolge solches. Es liegt auf der Hand, dass ein großer Teil dieser Arbeitsplätze an der Themse verloren gehen wird.

"Mietrückgang um 2,5 Prozent im Jahr 2008"

Auf die Büromieten wirkt sich das doppelt belastend aus. Denn nicht genug damit, dass Nachfrage nach Flächen ausbleibt. Die Bank- und Finanzdienstleistungsbranche zählt vielmehr auch traditionell zu jenen, die die höchsten Mieten zahlen. Selbst wenn ein Ersatzmieter gefunden wird, so die Konsequenz, wird er kaum zu gleichen Konditionen einziehen.

Noch im Sommer 2007, vor Bekanntwerden der Probleme auf den Kreditmärkten, befanden sich die Büromieten in der City of London in einem ungebremsten Aufwärtstrend. Damit ist jetzt Schluss. "Wir erwarten für die City of London in diesem Jahr einen Rückgang der Büromieten um 2,5 Prozent", sagt Hinrichs. "Im Jahr 2009 wird sich dieser Abwärtstrend weiter fortsetzen." Laut Hinrichs kommt erschwerend hinzu, dass in der Londoner City nach wie vor rege gebaut wird. "Zurzeit entstehen etwa 700.000 Quadratmeter neue Flächen", sagt die Expertin. "Dadurch geraten die Mieten naturgemäß zusätzlich unter Druck."

In diesem Punkt unterscheidet sich die City laut Hinrichs entscheidend vom Londoner West End, dem zweiten großen Büromarkt in der britischen Metropole. "Im West End beobachten wir erheblich weniger Neubautätigkeit", so Hinrichs. "Zudem ist die Nutzerstruktur dort diversifizierter. Der Wegfall der Nachfrage aus dem Finanzsektor kann daher von anderen Branchen kompensiert werden." Die Folge: Die Mieten im West End sind stabil - jedenfalls im Moment noch. Mit mehr als 1500 Euro pro Quadratmeter und Jahr wird dort laut Jones Lang LaSalle ein einsamer Spitzenwert erreicht.

Und auch anderswo in Europa wirkt sich die nachlassende Flächennachfrage aus dem Bankensektor noch nicht so stark aus wie in der Londoner City. In Paris, dem zweiten großen Markt Europas etwa, stehen derzeit noch genug Unternehmen finanzfremder Branchen bereit, um frei gewordene Räumlichkeiten zu beziehen. Auch in Deutschland befinden sich die Märkte laut Jones Lang LaSalle noch im stabilen Aufwärtstrend. Das gilt auch für den Finanzplatz Frankfurt, den Standort in Deutschland mit dem höchsten Mietniveau. Und daran wird Experten zufolge auch die eingetrübte konjunkturelle Aussicht vorläufig nicht viel ändern.

"Der Bedarf an Büroflächen richtet sich nach der Zahl der Arbeitsplätze, nicht nach dem Wirtschaftswachstum", erläutert Andreas Quint, Geschäftsführer des Immobilien-Beratungsunternehmens Catella. "Die Wachstumsprognosen wurden zwar leicht nach unten korrigiert. Noch haben wir aber ein positives Wirtschaftswachstum. Und die Aussichten für die Entwicklung am Arbeitsmarkt werden nach wie vor ebenfalls positiv eingeschätzt." Laut Quint ist daher hierzulande zunächst nicht mit einem Ende des Aufwärtstrends bei den Büromieten zu rechnen.



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