Krisen-Domino Profitschwund beutelt Handel und deutsche Industrie

Bänder stehen still, feste Mitarbeiter müssen in die Zwangsferien, Leihkräfte fliegen raus: Die Finanzkrise ist in der Realwirtschaft angekommen, Experten zufolge sind fast alle Branchen betroffen. SPIEGEL ONLINE zeigt in Beispielen, wie der Abschwung deutsche Top-Unternehmen trifft.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Wirtschaftswelt verkehrt: SAP-Chef Henning Kagermann gab an diesem Dienstag einen Gewinnrückgang von 408 Millionen Euro auf 388 Millionen Euro im dritten Quartal bekannt. Er strich die Umsatzprognose und senkte die Margenprognose. Bis zum Ende des Jahres will er 200 Millionen Euro einsparen. Und trotzdem spricht er von einem "guten Ergebnis".

Lufthansa, Metro, MAN: Alle drei Konzerne legen diese Woche ihre Quartalszahlen vor
REUTERS; DDP

Lufthansa, Metro, MAN: Alle drei Konzerne legen diese Woche ihre Quartalszahlen vor

Der Auftritt Kagermanns ist nur eine Szene im aktuellen Quartalsbericht-Drama deutscher Großkonzerne. Zehn von 30 Dax-Unternehmen geben allein diese Woche ihre Quartalszahlen bekannt. Laut einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird der Gewinn aller Dax-30-Unternehmen diese Saison um rund 46 Prozent hinter dem des Vorjahres zurückbleiben. Der Milliarden-Ausfall bei der Allianz ist dabei schon herausgerechnet.

Noch leiden die Finanzunternehmen am heftigsten. Doch auch wenn man Banken, Finanzdienstleister und Sondereffekte herausrechnet, stehe am Ende noch ein Gewinnminus von 13 Prozent, sagt Michael Köhler, Aktienstratege bei der LBBW. Und das sei nur der Beginn einer "lang anhaltenden Schwächephase".

Sein Fazit: Die Krise, die erst die Finanzwelt zittern und dann die Börsen abstürzen ließ, werde auch in der Realwirtschaft immer deutlicher sichtbar.

Am deutlichsten zeigt sich das Drama derzeit in der Autoindustrie. Nach der drastischen Gewinnwarnung von Daimler am Donnerstag kündigte der Autobauer am Montag an, an allen 14 deutschen Standorten die Produktion für bis zu vier Wochen auszusetzen. Rund 150.000 Beschäftigte werden wegen der unsicheren Lage auf den Automärkten weltweit in verlängerte Weihnachtsferien geschickt. Auch BMW stoppt die Bänder zeitweise, ebenso der Autozulieferer Bosch.

Doch auch andere Branchen sind längst im Strudel der Krise - und ab dieser Woche wird das erstmals richtig deutlich werden, wenn die Unternehmen ihre Quartalsberichte auf den Tisch legen müssen.

SPIEGEL ONLINE zeigt anhand von drei großen Dax-Konzernen, wie die Krise die Wirtschaft inzwischen trifft:

Pharma- und Energie- dies seien die Bereiche, die derzeit noch weitgehend verschont bleiben, sagt LBBW-Experte Köhler. Die Bayer-Aktionäre können so einigermaßen entspannt der Veröffentlichung der Zahlen am Mittwoch entgegensehen: Das Pharmageschäft werde den Mischkonzern retten, sagt Björn Wolber, Analyst von Independent Research. "Die Branche gilt ja sonst oft als langweilig, wegen der geringen Wachstumsraten, aber in solchen Phasen zeigt sie eben Stabilität."

Ansonsten bekommen nach Einschätzung Köhlers eigentlich alle Branchen gerade Probleme. Der Technologiebereich, die Chemiehersteller, die Konsumgüterkonzerne. Auch der Stahlsektor, der derzeit wegen Verzögerungseffekten noch gut dastehe, werde bald leiden, sagt Köhler.

Schon längst ist das Klima in der Wirtschaft branchenübergreifend abgekühlt. Der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts fiel im Oktober deutlich von 92,9 Punkten auf 90,2 Punkte. Ein Ergebnis, das so manchen Ökonom zu dunklen Prognosen bewegt.

"Katastrophal", lautete etwa der Kommentar von DekaBank-Experte Andreas Scheuerle: "Selbst wenn die Zahlen durch die verschärfte Finanzkrise nach unten verzerrt sein könnten, liegt das Geschäftsklima jetzt auf einem Niveau wie in der schweren Wirtschaftskrise Anfang der achtziger Jahre." Besonders "entsetzt" zeigte sich Scheuerle mit Blick auf die eingebrochenen Geschäftserwartungen - der Rückgang bei dieser Ziffer "war der stärkste in der gesamtdeutschen Geschichte".

Fast wohltuend sind da Einschätzungen wie die von Christian Dreger, dem Konjunkturexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Er warnt vor "Pessimismus" und "Ansteckungseffekten" - und weist auf die positiven Entwicklungen in der Wirtschaft hin. "Die USA sind als Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft zwar ausgefallen, aber das Wachstum in Schwellenländern wie China und Indien zeigt nach wie vor nach oben", sagt er. Und: Der niedrige Ölpreis sei nicht nur Zeichen sinkender Nachfrage, sondern auch eine ungeheure Erleichterung für die Wirtschaft.

Sollten die Kosten für Energie ein Jahr lang so niedrig bleiben, "würde die Importrechnung um etwa 20 bis 25 Milliarden Euro geringer ausfallen. Das kommt einem Konjunkturprogramm gleich", sagt der DIW-Experte. Und weil die hohe Inflation dieses Jahr vor allem von den Energiepreisen getrieben wurde, sollen laut Dreger auch die Konsumenten vom Preissturz beim Öl profitieren. Öl kostet nicht einmal mehr halb so viel wie noch vor wenigen Monaten.

Allerdings stellt sich auch der DIW-Experte die Frage, "inwiefern das zu steigenden Konsumausgaben führt." Der Gfk-Konsumklimaindex hat angezogen und gibt Anlass zur Hoffnung - andererseits bauen die Verbraucher aber offenbar auch schon für schlechte Zeiten vor. Laut Statistischem Bundesamt ist die Sparquote im ersten Halbjahr 2008 ebenfalls um 0,5 Punkte auf 11,3 Prozent gestiegen. Jeder Einwohner legte demnach im Schnitt 180 Euro monatlich zur Seite.

Die von den globalen Ereignissen beschädigte Wirtschaft werden die deutschen Verbraucher jedenfalls wohl kaum wieder allein in Schwung bringen. Sollte es aber weiter derart abwärts gehen, sind die Aussichten deprimierend. "Viele Unternehmen werden sicher die Produktion zurückfahren, Leiharbeiter entlassen, Schichten reduzieren, Arbeitszeitkonten abbauen", sagt Analyst Heberger.

Jens Kramer, Leiter der Abteilung Economics and Strategy bei der NordLB, rechnet deshalb "spätestens ab dem Frühjahr" damit, dass monatlich saisonbereinigt wieder 50.000 bis 100.000 Menschen mehr auf der Straße stehen. Selbst die Bundesagentur für Arbeit, die trotz Finanzkrise lange an ihren optimistischen Prognosen festhielt, geht inzwischen von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit ab der zweiten Jahreshälfte 2009 aus.

Einen Trost gibt es: Erstmal müssen die Bürger keine Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt verkraften - im Gegenteil. Weil die wirtschaftliche Entwicklung dort erst mit einer Verzögerung von im Schnitt einem halben Jahr ankommt, könnten am Donnerstag vielleicht sogar weniger als drei Millionen Arbeitslose in der Oktober-Statistik stehen, sagt Kramer. Aber mit Blick auf das drohende Krisenjahr 2009 dürfte das nur kurzfristig für gute Stimmung sorgen

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