Krisengewinner Ölpreis-Schub nutzt deutschen Exporteuren

Nachdem der Ölpreis erneut ein Rekordhoch erreicht hat, gibt der Dax nach. Aber es gibt auch Nutznießer der Rohstoff-Hausse: Aktien von Solarfirmen legen zu - und exportorientierte Technologiekonzerne profitieren, weil Öl-Länder in Nahost weit mehr bestellen als früher.


Berlin/Frankfurt am Main - Anleger, die in Solartechnologie investiert haben, konnten heute wieder einmal frohlocken: An der Frankfurter Aktienbörse gehörten Sonnenenergie-Werte zu den Gewinnern des Tages. Ganz oben in der Anlegergunst lagen die Aktien von Q-Cells, die 5,25 Prozent auf 82 Euro zulegten. Ersol Chart zeigen und Solarworld Chart zeigen gewannen jeweils 2,8 Prozent. "Größte Triebfeder ist der hohe Ölpreis", sagte ein Händler - Anleger begeistern sich vor dem Hintergrund der neuen Preisrekorde abermals für alternative Energien.

Am Vormittag hatte der Preis für die Nordsee-Ölsorte Brent 72,20 Dollar pro Barrel (159 Liter) erreicht - ein neues Jahreshoch und der höchste Stand, seitdem der Hurrikan "Katrina" 2005 Förderanlagen im Golf von Mexiko außer Betrieb setzte. "Investoren machen sich zunehmend Sorgen über die hohen Ölpreise", sagte ein Marktanalyst. Der Dax Chart zeigen verlor bis zum Nachmittag 0,41 Prozent auf 5894 Punkte.

Viele Volkswirte glauben dennoch, dass die deutsche Wirtschaft mit dem aktuellen Ölpreisniveau leben kann – zumindest vorerst. Kurzfristig könne die Konjunktur die Preise "wegstecken", sagte etwa Gernot Nerb vom Münchner ifo-Institut. Das liege vor allem daran, dass der anziehende Arbeitsmarkt die Binnennachfrage stärke.

Nachfrageboom aus Nahost: "Wir profitieren am meisten"

Hinzu kommt, dass Deutschland als "Exportweltmeister" weniger stark unter der Rekordfahrt der Preise leidet als andere Staaten - denn der neue Reichtum in Ölförderländern wie Russland und in Nahost nützt über Rücklaufeffekte vor allem ausfuhrorientierten Firmen aus der Elektroindustrie und dem Maschinenbau.

Nerb wies darauf hin, dass vor allem die Opec-Staaten deutsche Investitionsgüter nachfragten. Dies kompensiere die negativen Folgen des Preisanstieges. Die "Faustregel", dass ein um zehn Prozent gestiegener Ölpreis das Wachstum um einen halben Prozentpunkt drückt, gelte für Deutschland nicht mehr, sagte der ifo-Wissenschaftler. Klaus Matthies, Rohstoffexperte beim HWWA, sieht ebenfalls positive Auswirkungen für Länder mit starkem Export - insbesondere für Deutschland. "Wir profitieren am meisten", sagte Matthies.

Auch der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie betont derzeit noch die positiven Seiten der Rohstoff-Hausse: "Wenn die Ölpreise hoch bleiben, werden die Aufträge weiter rasant zulegen", sagte der Chefvolkswirt des Verbandes, Ulrich Scheinost, dem "Handelsblatt". Tatsächlich haben Elektrokonzerne wie Siemens Chart zeigen und Anlagenbauer wie ThyssenKrupp Chart zeigen und Linde Chart zeigen schon im vergangenen Jahr Rekordbestellungen einfahren können - auch dank der Orders aus Ölförderstaaten. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) betont, das gute Verhältnis der deutschen Industrie zu Russland und den Staaten in Nahost zahle sich so aus.

Benzinpreise: "Die Tendenz geht weiter nach oben"

Für Konsumenten sieht das Bild weniger rosig aus – insbesondere für diejenigen, die auf ihr Auto angewiesen sind. Die Benzinpreise könnten bald über 1,50 Euro je Liter Super steigen, sagte Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst (EID). Damit würde das Rekordniveau des vergangenen Jahres übertroffen. Aktuell kostet ein Liter Super Wiek zufolge im Schnitt über 1,30 Euro. "Die Tendenz geht weiter nach oben. Es sieht wenig nach Entspannung aus", sagte er.

Sorgen gibt es auch bei den Einzelhändlern: "Hohe Rohöl- und Spritpreise sind nicht gut für den Einzelhandel", fasst der Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Hubertus Pellengahr, die Ängste der Branche zusammen. Vor allem die Geschäfte vor den Toren der Städte dürften die Folgen zu spüren bekommen. Die Verbraucher ließen das Auto häufiger stehen.

Ölhändler in New York: Für die kommenden Monate keine Entspannung erwartet
DPA

Ölhändler in New York: Für die kommenden Monate keine Entspannung erwartet

Zudem gilt: Der ökonomische Zermürbungsdruck steigt umso mehr, je länger der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau verharrt oder gar weiter ansteigt. Das sieht auch der ifo-Optimist Nerb so: Sollte der Ölpreis weiter auf seinem jetzigen Niveau bleiben, erwartet auch er Schwierigkeiten: "Das würde ich im Zweifelsfall negativ sehen", sagte er.

Und das der Ölpreis noch zulegt, gilt vielen Experten als wahrscheinlich. So erwartet Dominic Bryant vom Finanzhaus BNP Paribas noch größere Probleme in den kommenden Monaten. Die Tatsache, dass der Ölpreis schon im traditionell eher schwachen zweiten Quartal dieses Niveau erreicht habe, lasse für den Sommer und die Hurrikan-Saison weitere Preissteigerungen befürchten, sagte er.

Spätestens dann könnte auch die Europäische Zentralbank (EZB) nervös werden. Schon heute sagte das designierte Direktoriumsmitglied Jürgen Stark, die EZB müsse die Ölpreise mit "großer Wachsamkeit" verfolgen. Bisher seien die Auswirkungen auf die Verbraucherpreise - die gefürchteten Zweitrundeneffekte - noch überschaubar. Sollte der Ölpreis zu andauerndem Preisanstieg führen, müsse die Geldpolitik aber reagieren, sprich: die Zinsen anheben.

Das würde wohl bedeuten: weniger Wachstum und noch mehr Verkaufsdruck an den Aktienmärkten

itz/AP/ddp/Reuters



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