Krisengewinnler JP Morgan Chase Wiederaufstieg einer Wall-Street-Ikone

Nach 75 Jahren endlich wieder Nummer eins: Mit der Übernahme der insolventen US-Sparkasse Washington Mutual wird JP Morgan Chase erneut zum Primus der US-Bankenwelt. Die Grundlage hatte der Firmengründer einst mit Geschäftssinn und Rücksichtslosigkeit gelegt.

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Berlin - John Pierpont Morgan hätte den Zeitpunkt genau so gewählt. Seit Monaten hatte sich die Schieflage der Washington-Mutual-Gruppe abgezeichnet. Auf der Suche nach einem solventen Käufer klapperte der US-Einlagensicherungsfonds FDIC eine Top-Adresse nach der anderen ab. Es galt, den Ernstfall zu vermeiden und für die Guthaben von Millionen von Kunden einstehen zu müssen. Auch das Bankhaus JP Morgan Chase wurde umworben. Doch dessen Chef James Dimon wartete ab - bis die Ereignisse sich überschlugen.

Zentrale von JP Morgan Chase: Ruf als Retter der Wall Street
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Zentrale von JP Morgan Chase: Ruf als Retter der Wall Street

Zuerst machte am Donnerstagnachmittag die Nachricht die Runde, dass der Krisengipfel im Weißen Haus geplatzt sei. Das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket für die Wall Street, das Stunden zuvor als beschlossene Sache gehandelt wurde, steht plötzlich wieder zu Disposition. Wenige Stunden später schreckten die Börsianer noch einmal auf: Die US-Behörden hatten die Washington Mutual, die zweitgrößte Geschäftsbank der USA, geschlossen.

Und plötzlich erscheint Dimon als Retter in letzter Not auf der Bildfläche. Er übernimmt beide Banken der Gruppe, die Washington Mutual Bank und die Washington Mutual FSB. Der Übergang werde "nahtlos" sein, verkündeten die Verantwortlichen. Die Kunden könnten davon ausgehen, dass die Geschäfte am Freitag ganz normal weitergingen. JP Morgan Chase aber steigt damit, gemessen an den Einlagen, zur größten Bank der USA auf. Insgesamt verfügt das Institut inzwischen nach eigenen Angaben über mehr als 900 Milliarden Dollar.

75 Jahre Dornröschenschlaf

Genaugenommen müsste man eher von einem Wiederaufstieg sprechen. Denn bis zu seiner Entflechtung nach der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts war J. P. Morgan die größte Bank im Land und ihr Gründer Pierpont Morgan der mächtigste Bankier, der nicht nur die weltweiten Aktienkurse nach Belieben nach oben oder nach unten trieb, sondern sich auch für epochale Umwälzungen in der Industrie verantwortlich zeichnete.

Die Geschichte J. P. Morgans begann 1838 als Pierponts Vater Junius Spencer Morgan gemeinsam mit einigen Geschäftspartnern die George Peabody & Co. aus der Taufe hob. Er selbst begann seine Karriere in der Londoner Filiale und bewies schon nach kurzer Zeit sein Talent, die Gesetzmäßigkeiten des Marktes zu seinem Vorteil zu nutzen. Nahezu unbemerkt gelang es ihm, Gold im Wert von rund zwei Millionen Dollar aufzukaufen und aus dem Markt zu ziehen. Der zwangsläufigen Preisexplosion für das Edelmetall folgte der Kursverfall an den Aktienmärkten. Diese nutzte Morgan aus, um Aktien zu kaufen. Schließlich gab er das Gold wieder in den Markt und profitierte anschließenden Aufschwung am Aktienmarkt.

Umwälzung der Eisenbahn- und Stahlbranche

Ähnlich rücksichtslos setzte er sich später bei der Neuordnung der amerikanischen Eisenbahnen durch. Während der schweren Wirtschaftskrise ab 1873 gerieten viele Linien in finanzielle Schwierigkeiten und waren billig zu haben. Morgan kaufte fleißig ein und machte dann seinen Einfluss in der Hochfinanz geltend, um sich jede Konkurrenz vom Leibe zu halten - und wurde so zum mächtigsten Eisenbahnmagnaten in den USA.

Auch in der Stahlbranche kämpfte er mit harten Bandagen. Durch versteckte Aktienaufkäufe gelang ihm die feindliche Übernahme der Carnegie-Werke, die damals weitaus größer waren, als seine eigene Brücken- und Röhrenfabrikation. Als Gebühren für Beratung und Abwicklung des Zusammenschlusses soll er danach insgesamt 160 Millionen Dollar kassiert haben - "annähernd die Hälfte des Wertes aller Betriebsanlagen und Besitztümer der betroffenen Unternehmen", zitiert der Schweizer Autor Fritz Schwarz in seinem Buch "Morgan - der ungekrönte König der Welt" einen Bericht der Untersuchungskommission des Kongresses.

Als zwiespältig gilt auch seine Rolle in der schweren Depression zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Als sich an der Wall Street ein handfester Crash anbahnte, rief Morgan die wichtigsten Bankiers der Wall Street zusammen und überzeugte sie, sich an einer Rettungsaktion zu beteiligen. Eine allgemeine Panik konnte so vermieden werden. Laut Schwarz soll Morgan die Krise allerdings selbst herbeigeführt haben, indem er dem Markt große Geldmengen entzogen hatte. Trotzdem wurde der Bankier damals als Held der Wall Street gefeiert.

Trennung von Kredit- und Wertpapiergeschäft

Mit dem Börsenkrach von 1929 änderte sich auch die Geschäftsgrundlage des mächtigen Bankhauses. Um Spekulationsblasen in der Zukunft zu verhindern, hatte der Kongress das Glass-Steagall-Gesetz verabschiedet, das eine strikte Trennung von Kredit- und Wertpapiergeschäft vorsah. Nach der erzwungenen Aufspaltung entwickelten sich J. P. Morgan, die Investmentbank Morgan Stanley und für das Auslandsgeschäft Morgan Grenfell als getrennt organisierte Institute, die ihre Vormachtstellung in der Branche verloren.

Dass die späten Nachfolger von John Pierpont Morgan ebenso kühl kalkulieren, wie die ersten Gründergenerationen, hat Dimon inzwischen bereits doppelt bewiesen - zum einen mit dem Kauf von Bear Stearns im März und jetzt mit der Übernahme von Washington Mutual. Beim Deal von gestern bleiben Einlagen der Kunden zwar gesichert, doch Stammkapital und Schulden der Holding gehen in die Insolvenz - Aktionäre und Gläubiger der Holding dürften damit leer ausgehen. Im Falle Bear Stearns dagegen steht die US-Notenbank mit 30 Milliarden Dollar für die gefährlichsten Papiere gerade.

Der Preis für beide Institute zahlte Dimon quasi aus der Portokasse. Insgesamt knapp drei Milliarden Dollar muss er für die Akquisition hinlegen. Vor einem Jahr waren sie noch ein Vielfaches wert.

Dass es Dimon überhaupt gelingen konnte, derart gestärkt aus der Krise hervorzugehen, hat diesmal übrigens wohl nichts mit rücksichtsloser Spekulation zu tun - im Gegenteil. Anders als die Konkurrenten ließ das Traditionshaus die windigen Hypothekenderivate weitgehend links liegen. Während zum Beispiel die Citigroup allein im vierten Quartal zehn Milliarden Dollar abschreiben musste, kam JP Morgan Chase bislang mit 1,3 Milliarden Dollar Verlust infolge der Krise ziemlich glimpflich davon. Das Geld steht jetzt für lukrative Einkäufe bereit.



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