Krisengewinnler Wie Wal-Mart von der US-Flaute profitiert

Die USA schlittern in die Rezession, landesweit machen Geschäfte dicht. Nur Wal-Mart geht es blendend: Der weltgrößte Einzelhändler fährt dank seiner Ramschpreise Rekordumsätze ein. Der Konzern spielt den barmherzigen Samariter - und treibt so seine Kunden noch tiefer in die Schuldenfalle.

Aus Austin, Texas, berichtet


Austin - Das Wal-Mart Supercenter nördlich der texanischen Hauptstadt Austin ist größer als ein Flugzeughangar. Obwohl es Samstagabend ist, schieben Hunderte Kunden ihre mächtigen Einkaufswagen durch die endlosen blankgeschrubbten Gänge. Alle 28 Kassen sind geöffnet. Der Parkplatz draußen ist rappelvoll.

Wal-Mart in Mount Prospect, Illinois: "Alles andere ist teurer geworden"
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Wal-Mart in Mount Prospect, Illinois: "Alles andere ist teurer geworden"

Die Ware in den Regalen ist penibel ausgerichtet, wie mit dem Lineal, so weit das Auge reicht: Pfundtüten mit "Snickers" (4,28 Dollar), Osterkörbe (9,74 Dollar), DVD's (5 Dollar), Hemden (6,50 Dollar), Turnschuhe (22,87 Dollar), Stereoregale (119,92 Dollar), Tiefkühlhühnchen (3,59), Tomaten (1 Dollar).

"Alles andere im Leben ist teurer geworden", sagt Ismelda Gonzalez, eine Sekretärin aus Austin, die Lebensmittel für die ganze Woche im Einkaufswagen hat. "Die Hypothek fürs Haus, Benzin, Krankenversicherung. Einfach alles." Früher sei sie nie zu Wal-Mart gekommen, der Laden war ihr zu ramschig. Jetzt könne sie so ihre immer weiter steigenden Lebenshaltungskosten kompensieren.

Die meisten Kunden in diesem Wal-Mart, in einem Industriepark auf einem Hügel an der Autobahn I-35, sind Latinos wie Gonzalez. Überall verkünden zweisprachige Poster das Erfolgsrezept des Billigkonzerns: "Immer niedrige Preise. Siempre precios bajos."

Heimliche Sünde

Immer niedrige Preise: Selten klang der Werbespruch des weltgrößten Einzelhändlers so verlockend wie heute. Während der Rest der US-Wirtschaft und vor allem die Einzelhandelskonkurrenz in eine Rezession schlittern, während selbst die namhaftesten Ketten wie Macy's, CompUSA, Home Depot, sogar Starbucks Umsatzeinbrüche vermelden und Dutzende Filialen schließen, geht es dem Megakonzern aus Arkansas blendend. Wie hier bei Austin klingen landesweit die Wal-Mart-Kassen.

Kürzlich vermeldete Wal-Mart fürs gerade abgelaufene Geschäftsjahr 374,5 Milliarden Dollar Umsatz - fast so viel wie beim Weltrekordhalter in Sachen Jahresumsatz, dem Ölriesen ExxonMobil. Anfang Februar erreichte die Wal-Mart-Aktie mit 51,48 Dollar den höchsten Stand seit 2005. Zwar hat sie seitdem wieder leicht nachgegeben, auf zuletzt 49,59 Dollar. Doch spätestens seit vergangenem Herbst schlägt sie die Branchenindizes von Standard & Poor's und Dow Jones.

Der Grund ist einfach: Die Rezession tut Wal-Mart gut. Wenn alles andere teurer wird, wie es Gonzalez sagt, dann wird Billigstware umso attraktiver. Die Amerikaner leiden unter immer höheren Kreditkartenschulden, Hypothekenzahlungen, Energiekosten. Wal-Mart bietet ihnen eine willkommene Atempause - vor allem bei Gebrauchsgütern, auf die man auch in einer Krise nicht verzichten kann: Lebensmittel, Haushaltswaren, Medikamente.

Früher war Wal-Mart für viele US-Verbraucher, denen es halbwegs gut ging, allenfalls eine heimliche Sünde. Man protzte bei Nobelläden wie Nordstrom, die Notwendigkeiten des Alltags besorgte man sich nur unter der Hand bei Wal-Mart. Der Familienkonzern aus Arkansas mit seinen weltweit fast 7000 Filialen hat Imageprobleme. Brutale Geschäftspolitik, Ausbeutung und Gewerkschaftsfeindlichkeit sind nur einige der Vorwürfe.



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