S.P.O.N. - Die Rechnung, bitte! Spinnen die alle? Nur der Deutsche nicht?

Billigschulden und Immobilienblasen: Das Poltern deutscher Politiker gegen EZB-Chef Mario Draghi nimmt immer heillosere Formen an. Dabei werden die Zinsen ohnehin erst wieder normal sein, wenn die Finanzkrise überwunden ist.

Kunstwerk vor der EZB-Zentrale
REUTERS

Kunstwerk vor der EZB-Zentrale

Eine Kolumne von


Jetzt muss es also ein Deutscher sein. Als nächster Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Weil Deutsche mehr von stabilen Währungen verstehen. Und weil der Italiener Mario Draghi uns die Zinsen aufs Sparen verwehrt - und überhaupt gegen alles Mögliche verstößt. So tönte diese Woche das führende Personal der Christlich-Sozialen Union , der CSU. Und beförderte das deutsche Wüten über die Nullzinsen damit auf ein neues Niveau.

Ein zweifelhaftes. Immerhin sind ja nicht nur in Italo-Draghis Eurozone die Zinsen so niedrig - sondern fast überall in der hochentwickelten Welt (siehe Grafik). Spinnen die alle? Selbst die Schweizer? Nur der Deutsche nicht? Nicht auszuschließen, klar. Allerdings sagt laut Umfragen selbst die Hälfte der deutschen Wirtschaftsprofessoren, dass die Euro-Hüter zu Recht viel Geld in die Wirtschaft pumpen (Achtung, CSU, beim Auswählen: da muss der deutsche EZB-Chef auch aus der richtigen Hälfte kommen). Ein Klärungsversuch.

Natürlich ist es nicht normal, wenn es keine Zinsen mehr auf Erspartes gibt. Die Frage ist aber, ob die Umstände neun Jahre nach Ausbruch einer Jahrhundertfinanzkrise (wieder) normal sind. Hier liegt der Kern des Dramas. Wenn eine große Finanzblase platzt, wie das 2007 der Fall war, gibt es eine Menge Leute, die plötzlich ziemlich viele Schulden haben, die nicht mehr gedeckt sind. Und es gibt eine Menge Anleger, die plötzlich vorsichtig werden und ihr Geld lieber aufs Sparbuch bringen oder in sogenannte sichere Häfen.

Und es gibt eine Menge Regierungen, die Ausgaben kürzen, um weniger neue Schulden aufnehmen zu müssen. Und Banken, die ihre Kredite nicht mehr loswerden, weil so mancher Betrieb aus Vorsicht erst einmal zu investieren aufhört. Für jeden Einzelnen ist das ziemlich nachvollziehbar. Das Ding ist, dass es, wenn es gleichzeitig passiert, eine gefährliche Eigendynamik auslösen kann: Wenn keiner mehr Geld ausgeben will und alle mehr sparen, fehlen der Wirtschaft schnell die Abnehmer für ihre Autos oder Maschinen - und dann fällt es noch schwerer, Schulden abzubauen. Dann geht die Spirale nach unten los. Wie etwa nach 1929, als Depression und Massenarbeitslosigkeit folgten.

Je niedriger die Zinsen, desto schneller geht die Entschuldung

Hier liegt der Grund, warum nach so einem Crash fast automatisch die Zinsen fallen - Angebot und Nachfrage: Wenn viele ihr Geld zur Bank bringen und wenige den Mut haben, Kredite aufzunehmen, bleibt das Geld liegen und der Lohn fürs Sparen sinkt . Das heißt: Niedrigzins; ob mit oder ohne Draghi, da könnte der EZB-Chef auch in fünfzehnter Generation urdeutsch sein.

Das ist auch der Grund dafür, dass gute Notenbanker aus Sorge vor der drohenden Abwärtsspirale möglichst viel Geld anbieten. Es geht darum, den Kollaps zu verhindern - und dafür zu sorgen, dass genug Geld in die Wirtschaft kommt. Das ist kein Überfluten, wie Kritiker unken - sondern der Versuch, das Austrocknen zu verhindern. Je niedriger die Zinsen, desto schneller geht die Entschuldung; desto eher kehrt die Zuversicht zurück; und desto eher geben die Leute wieder Geld aus.

All das gilt auch für den Euroraum: Als Folge des Crashs sei von 2009 bis 2014 die Geldmenge um nur noch zwei Prozent pro Jahr gestiegen, so Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Trotz EZB-Hilfe. Das ist viel zu langsam, um den üblicherweise wachsenden Bedarf in der Wirtschaft zu decken. Es bestand Austrocknungsgefahr.

Erst seit die EZB vermehrt Geld zuschießt, steigt auch die Geldversorgung ordentlicher. De facto holen die Euro-Hüter seit 2015 jetzt gerade ansatzweise das nach, was etwa die Amerikaner bereits unmittelbar nach Ausbruch der Krise begonnen haben. In den USA hat das die Wirtschaft schon soweit stabilisiert, dass die Notenbank Fed ihre Leitzinsen Ende des Jahres erstmals vorsichtig wieder anheben konnte.

Deutsche Währungstraditionen aus Schönwetterzeiten

Wer glaubt, dass Finanzwelt und Wirtschaft nach Jahrhundertcrash und Eurokrise heute auch ohne Geldzuschuss wieder normal funktionieren, kann mit gutem Grund über Mario Draghi schimpfen, vor Immobilienblasen warnen, gegen billiges Schuldenmachen poltern und ein Ende der Nullzinsen einfordern. Er sollte dann aber auch verdammt gut begründen können, dass die Lage wieder normal ist - und nicht nur über das Deutschsein von Notenbankern schwadronieren. Denn, auch das zeigt die Geschichte, wer die Zinsen zu früh wieder anhebt, droht in der nächsten großen Rezession zu landen. Diese Erfahrung haben die US-Notenbanker 1937 gemacht, als sie glaubten, der Crash von 1929 sei überwunden. Ein amerikanisches Trauma.

Solange die Unternehmen selbst im vermeintlich so robusten Deutschland weniger investieren als vor der Krise, die Kreditvergabe immer noch schwächelt und die Finanzmärkte bei schlechten Nachrichten so schnell nervös werden wie derzeit, erscheint es eher abenteuerlich, so zu tun, als wäre die Lage normal. Und dann ist es zwar blöde, wenn die Zinsen für Sparer so niedrig sind. Es hilft nur nichts. Dann ist das Klagen über die (Neben-)Wirkungen von Draghis Nullzinsen etwa so, als würde man auf die Feuerwehr schimpfen, weil die beim Löschen eines Großbrands alles nass macht. Schwer zu verhindern - und trotzdem kein Grund, den Wasserhahn zuzudrehen. Dann wäre zwar alles schön trocken, aber der Wald weg.

Man kann darüber streiten, ob das, was Draghi im Detail macht, richtig ist. Und ob es besser wäre, das Geld, das er den Banken gibt, direkt den Leuten zu geben: Helikoptergeld, nennt man das. Fahrlässig aber ist, einfach nur höhere Zinsen herbei zu schimpfen oder deutsche Währungstraditionen aus Schönwetterzeiten zu lobpreisen. Je schneller die Nachwehen der großen Finanzkrise überwunden sind, desto schneller können die Zinsen auch wieder steigen. Nicht umgekehrt.


Thomas Fricke ist seit Mitte April neuer Kolumnist auf SPIEGEL ONLINE (mehr dazu hier) .



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joblack 22.04.2016
1. Verschuldungszwang
Leider ist das nur eine Symptombekämpfung. Durch unser Geldsystem entsteht durch die kreditbasierte Geldschöpfung automatisch einen Verschuldungszwang. So lange das Problem mit einem anderen nachhaltigeren Geldsystem nicht gelöst wird wird die Krise langfristig auch nicht gelöst. Eine komplette Schuldenrückzahlung würde in unserem Geldsystem bedeuten dass es auch kein Geld mehr geben würde.
ulfD 22.04.2016
2. Spinnen die alle? Nur der Deutsche nicht?
"Spinnen die alle? Nur der Deutsche nicht?" Was eine Aussage! Ist doch logisch das nur wir weltweit die einzigen sind die wiessen wie es richtig zu laufen hat. Die letzten Jahre kristalisiert es sich immer mehr raus, wir sind die tolerante moralische Herrenrasse die der ganzen Welt sagt wo es lang geht und wie man das einzig wahre "richtige" Leben führt. Das trifft nicht nur die EZB das trifft alle Lebensbereiche bis ins kleinste Detail.
kcopy 22.04.2016
3. Soso
Also alle machen niedrige Zinsen, weil es alle machen.. 50% der Professoren findet das richtig.. Also auch 50% falsch! Wie gut das ganze (nicht) funktioniert, sieht man an Japan! Übrigens, die USA erhöhen ihre Zinsen wieder .. Wenn keiner einen neuen Kredit will, helfen auch niedrige Kreditzinsen nichts .. Zumal die Banken diese eh nicht an ihre Kunden weiterreichen ...
KlausKram 22.04.2016
4. Guter Kommentar..
..der allerdings ein paar der Themen nicht beleuchtet: 1. Das Geld ist nur für Banken billig. (Unternehmen) Banken, von Natur aus gierig - insbesondere in Deutschland, geben die günstigeren Zinsen nur sehr schleppend und sehr marginal weiter. Viel wichtiger aber: die Finanzierung von Unternehmen (und Vorhaben) seitens der Banken ist äußerst konservativ bis nicht vorhanden. Ganze Branchen (bspw. Schifffahrt) die schon lange wieder steigende Umsätze nachweisen können, bekommen immer noch kein bezahlbares oder gar gar kein Geld. Dadurch KANN die (REAL!-)Wirtschaft in vielen Teilen nicht wachsen, sofern sie nicht als "elementar" von der Bundesregierung angesehen wird. Unternehmen werden zu Bittstellern, aufgrund von Fehlern die die Finanzwirtschaft zu verantworten hat. 2. Das Geld ist nur für Banken billig. (Privatpersonen) Auch hier sind die Zinsen für Kredite nur für ohnehin Konsumstarke Schichten erheblich billiger geworden. Wenn der Konsum aber breitflächig angekurbelt werden soll, muss das Geld auch für Normalverdiener und sogar Geringverdiener billig sein. Auch wenn der Michel von der Hausbank anderes erzählt: an Konsumentenkrediten haben Banken noch nie ernsthaft verdient (außer in der ganz altern "guten Zeit"). Warum jetzt so tun als müssten sie es? Nur durch bezahlbare Kredite "für Jedermann" kann a.) das Vertrauen in Banken wiederhergestellt werden und b.) das Konsumverhalten auch bei den Deutschen wieder angekurbelt werden. Solange aber auf den bösen Deutschen rumgehackt wird, die wahren Versager in diesem Spiel nicht klar genannt werden - wird das nichts. Draghi hat tatsächlich keine andere Wahl als kostenloses Geld auszugeben - das hat nicht mit seiner Nationalität zu tun.
maruun 22.04.2016
5. Was für ein Blödsinn...
Seid JAHREN steigt die Verschuldung, die Welt ist verschuldet wie NIE zuvor. Trotz niedriger Zinsen, also erzählen sie mir nicht das "Niedrige Zinsen" Schulden verkleinern. Ganz im Gegenteil, all die Leute die den Hals nicht vollkriegen machen NOCH MEHR Schulden weil der Zins so niedrig ist. Es entstehen Immobilienblasen. Die Börsen haben rein gar nichts mehr mit der Wirtschaft zutun. Die Schere zwischen Arm und Reich ist noch NIE so schnell auseinander gegangen wie in den letzten 8 Jahren Und wass heisst das am Ende? Richtig WEHE die Zinsen steigen wieder weil dann schauen die Schuldner in die Röhre. Was meinen sie warum wir die "Schwarze Null" erreichen...wegen den Niedrig Zinsen. Würde der Herr Schäuble nun noch mehr schulden machen weils der Zins erlaubt würden wir uns aber gehörtg in den Hintern beissen sollten die Zinsen DANN wieder steigen. Das scheinen aber einige nicht zu verstehen. Der Draghi versucht mit Schulden, Schulden abzubauen. Das geht NICHT das weiss jeder 10 Jährige egal wie statistisch schöngeschmückt es wird, und die letzten 8 Jahren zeigen es ebenfalls das es NICHT geht. Was sind Schulden? Abgezwackter Wohlstand aus der Zukunft. Was heisst es wenn cih Schulden mit Schulden bezahle? Generationen von Wohlstand von der Zukunft abzwacken!
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