Kritik an Porsche-Chef Patriarch Piëch schlägt zurück

Runter mit den Schulden, bitte mehr Demut im Auftritt - mit seinem Frontalangriff gegen Porsche-Chef Wiedeking zeigt Ferdinand Piëch, dass er der Boss ist im geplanten VW-Porsche-Konzern. Und er erteilt eine Lektion: Wer mich abschreibt, riskiert Kopf und Karriere.

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Hamburg - Wenn es nicht um Motoren und Technik geht, dann redet Ferdinand Piëch nicht viel. Als knorrig und wenig Small-Talk-tauglich gilt der 72-jährige VW-Aufsichtsratschef. Er blühe nur auf, wenn er über Kurbelwellenbefestigungen oder Korrosionszonen bei Heckmotoren fachsimpeln könne, erzählt man über ihn.

Das heißt aber nicht, dass der österreichische Milliardär und Enkel des berühmten Autobauers Ferdinand Porsche nicht kann. Wenn er will, dann spricht er kurze klare Sätze, mit denen er verbale Ohrfeigen verteilt. Wie perfekt er diese Art der Demütigung beherrscht, hat er gerade wieder bewiesen: Von Italien aus ließ er Porsche-Chef Wendelin Wiedeking wissen, dass sein Stuhl wackelt. Auf die Frage, ob Wiedeking noch sein Vertrauen habe, antwortete Piëch: "Zurzeit noch. Das 'noch' können Sie streichen."

Piëch ist der neue Chef

Die Botschaft dahinter ist klar: Der alte und neue starke Mann im künftigen Großkonzern aus Porsche und Volkswagen heißt Piëch. Nicht Wolfgang Porsche. Nicht Holger Härter. Und schon gar nicht Wendelin Wiedeking.

Denn der Wind hat sich gedreht - und das empfindlich: Zwar haben sich die Porsche-Eigner, die Familien Porsche und Piëch, formal auf einen Zusammenschluss mit Europas größtem Autohersteller VW geeinigt. Doch der Sportwagenhersteller aus Stuttgart ist dabei vom großmäuligen Käufer zum kleinlauten Bittsteller geworden. Er braucht den Wolfsburger Konzern, um seine Finanzlücken zu schließen - die ausgerechnet durch den gewagten Übernahmeversuch von VW entstanden sind. Den 51 Prozent, die Porsche inzwischen an VW hält, stehen neun Milliarden Euro Nettoschulden gegenüber. Viel Geld in Zeiten der Finanzkrise.

Und damit ist Piëch zurück - der Mann, der als legendärer Automanager gilt, der Volkswagen saniert und den Umsatz in nur neun Jahren um 126 Prozent gesteigert hat. Der zum Automobilmanager des 20. Jahrhunderts gekürt wurde, der den berühmten Porsche 917 entwickelt hat, der sich seit Jahren einen harten Kampf um Macht, Einfluss und Prestige mit seinem Cousin und Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche liefert. Und dessen große Zeit schon fast vorbei schien.

Hinter den Kulissen zieht Piëch die Strippen

Denn tatsächlich galt Piëch bisher als Verlierer im großen Spiel der Autokonzerne: Im September 2005 war bekannt geworden, dass Porsche bei VW einsteigen, den 15-mal größeren Giganten gar ganz übernehmen wollte. Mit gewieften Finanztransaktionen hatten Porsche-Chef Wiedeking und sein Finanzvorstand Härter dafür gesorgt, dass der Konzern jahrelang Milliardengewinne einfuhr. "Der braucht das ganze Blech nicht, um Geld zu verdienen", sagte Wiedeking einst über Härter.

Doch was den einen mit Stolz erfüllte, sorgt bei Piëch für Verachtung: Schon seinen Cousin Wolfgang Porsche, einen eher leisen Mann, der eher Zahlen denn Motoren zugeneigt ist, hält Piëch nicht für ebenbürtig. Dass ihm jetzt ausgerechnet der Mann die Zügel aus der Hand nehmen will, den er selbst nur als einen Angestellten unter vielen betrachtet, sorgt bei ihm für Unmut. In aller Ruhe beginnt Piëch deshalb mit dem, was er am besten kann: hinter den Kulissen die Strippen zu ziehen.

Anfangs lässt er nur Spitzen gegen Wiedeking los. Volkswagen-Chef Martin Winterkorn sei der "beste Vorstand in der Autoindustrie", verkündet er etwa gern - eine seiner kleinen Ohrfeigen für Wiedeking. Er schreitet auch nicht ein, als der Widerstand der VW-Belegschaft gegen den Einstieg von Porsche immer größer wird. Hemmungslos darf Betriebsratschef Bernd Osterloh gegen die "Neureichen" und "Dilettanten" aus Stuttgart schimpfen, Wiedeking die "Arroganz eines Alleinherrschers" und "gefährliche Allmachtsphantasien" unterstellen. Piëch hört es - und schweigt.

Finanzkrise bringt Porsche-Konstrukt durcheinander

Als im September 2008 der VW-Aufsichtsrat in der Konzernzentrale tagt, lässt Piëch zu, dass die Belegschaft auf dem Werksgelände demonstrieren darf. Offiziell geht es um den Erhalt des VW-Gesetzes - jene Regel, die dem Land Niedersachsen ein Vetorecht sichert und auf dessen Abschaffung Porsche damals setzt. Doch damit nicht genug: Er stellt sich in dem Kontrollgremium offen auf die Seite der Arbeitnehmer, indem er sich seiner Stimme enthält - Wolfgang Porsche und die anderen Porsche-Manager verlieren die Abstimmung.

Viele Familienmitglieder haben daraufhin genug von den Alleingängen des sperrigen Piëch und wollen ihn entmachten. In der Porsche-Holding übernimmt der Cousin den Aufsichtsratsvorsitz - und genau diese Holding soll das neue Führungsgremium für das Autoreich Porsche-VW werden.

Doch dann kommt die Finanzkrise. Und mit ihr gerät das bislang so reibungslos funktionierende Finanzkonstrukt des Sportwagenherstellers aus den Fugen.

Zwei Konzerne im Vergleich
Volkswagen
Fahrzeugproduktion: 6,35 Millionen
Umsatz: 113,8 Milliarden Euro
Nettogewinn: 4,69 Milliarden Euro
Mitarbeiter: 370.000
Marken: 9
Werke: 61

Porsche
Fahrzeugproduktion: 0,105 Millionen
Umsatz: 7,47 Milliarden Euro
Nettogewinn: 6,39 Milliarden
Mitarbeiter: 12.200
Marken: 1
Werke: 2
Denn plötzlich gibt es kein Geld mehr von den Banken. Die glauben nicht mehr an den Plan, dass Porsche einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit VW abschließen könnte. Dazu kommt: Porsche hatte sich einst zehn Milliarden Euro geliehen, um VW-Anteile zu kaufen. Finanzjongleur Härter gab das Geld zu diesem Zeitpunkt aber nicht dafür aus. Er legte es stattdessen bei anderen Banken an und kassierte dafür einen höheren Zins, als Porsche für seinen Kredit zahlen musste. "Porsche führt Hausbanken vor", schrieb damals die "Financial Times Deutschland". Die fanden das nicht lustig, das Verhältnis gilt fortan als gestört.

Die Familie sorgt sich um ihr Geld

Für die Mitglieder des Porsche-Piëch-Clans ist das eine Enttäuschung. Sie hatten dem Duo Wiedeking/Härter vertraut - und sehen jetzt ihr Vermögen gefährdet. Und so ist plötzlich wieder der Mann gefragt, den sie vor kurzem noch entmachten wollten: Ferdinand Piëch.

Der steht damit vor der Vollendung seines Lebenstraums: Einen Autokonzern zu schmieden, der alles kann. Der Drei-Liter-Autos ebenso erfolgreich baut wie 44-Tonner - und in dem Piëch und seine Vertrauten die entscheidenden Positionen besetzen. Ob es in diesem Großkonzern Platz für jemanden wie Wiedeking gibt, hat Piëch demonstrativ in Frage gestellt. Am Dienstag sagte er über Wiedeking: "Der müsste sehr viele Stufen runtersteigen. Das Rollenspiel müsste wechseln, vom Durchmarschierer zur Demut - ich weiß nicht."

Übersetzt heißt das nichts anderes als "Nein".



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