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EXPORTE Kritischer Bereich

Der gestiegene Wert der Mark macht den Unternehmen allmählich zu schaffen: Das Verkaufen im Ausland ist beschwerlicher geworden. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Den »Rekord« entdeckte Rudolf Scheid in der Statistik. Erstmals überhaupt werde die Bundesrepublik, so der Verbandschef der elektrotechnischen Industrie, jetzt »an die Spitze aller Exportländer rücken«, noch vor die USA. In ihrem Außenhandel fahren die Deutschen in diesem Jahr zudem einen Überschuß von rund 100 Milliarden Mark ein. Dies sei, sagt Scheid, »ein bemerkenswertes Ereignis«.

Ist es. Doch so ganz paßt der Jubel des Verbandsmanns nicht in die Zeit. Das Plus in der Bilanz ist keineswegs eine Folge stolzer Exporte, sondern billiger Importe. Und die Ausfuhren wachsen nur, das erklärt den Vorsprung vor den USA, wenn ihr Wert von Mark in Dollar umgerechnet wird; denn die Mark ist immer härter geworden.

Für die Exporteure sieht die Wirklichkeit so aus: Die deutschen Ausfuhren, im Vorjahr auf Rekordhoch, zeigen erstmals seit langem wieder Minusraten. Im dritten Quartal fiel der Export um fast fünf Milliarden Mark unter das Niveau vom Vorjahr. Die Auslandsbestellungen gehen deutlich langsamer ein: Im August/September waren es 6,5 Prozent weniger als vor einem Jahr.

Auf Zurückhaltung stoßen die Vertreter der deutschen Unternehmen fast überall. Im Handel mit Franzosen, Holländern, Briten und Griechen wird durchweg weniger losgeschlagen als im vorigen Jahr. Die Amerikaner kauften im August fünf Prozent weniger Güter als vor Jahrestrist. Die Kanadier drückten ihre Käufe um zwölf, die Australier gar um 16 Prozent.

Auch die Staaten im Osten ordern seltener in der Bundesrepublik, die DDR wie die UdSSR. Lieferungen nach Polen und nach China schrumpfen mit zweistelligen Raten.

Die einstmals spendablen Opec-Staaten, hart von der Ölpreissenkung getroffen, müssen sich nun deutlich zurückhalten. Von Januar bis August verringerten die Länder des Ölkartells ihre Einfuhren aus Deutschland um 28 Prozent. Die übrigen Entwicklungsländer senkten ihre Bezüge immerhin um ein Zehntel.

Anlaß für Katastrophenstimmung ist dies alles nicht. Eine unterbewertete Mark, die Exportprodukte im Ausland billig machte, hatte die Deutschen in den letzten Jahren zu wahren Best-Sellern auf den Weltmärkten gemacht.

Der Export erwies sich für praktisch alle Branchen als eine wahre Wundermaschine, die schöne Umsätze und noch schönere Gewinne bescherte. Die Minuszahlen rücken die Maßstäbe wieder zurecht. Die Deutschen sind schließlich nicht die einzigen, die im Ausland verkaufen wollen.

Das schwerer gewordene Geschäft schlägt natürlich auf die Stimmung. In den Exporthäusern, erfuhr der Arbeitgeberverband Groß- und Außenhandel aus Umfragen, habe sich das Geschäftsklima »spürbar« verschlechtert.

Mühsamer sind die Auslandsverkäufe in fast allen Branchen geworden. Wolf Hartmut Prellwitz, Vorstandschef beim Karlsruher Roboterbauer IWKA, beklagt »Erschwerungen des Exports«, sein Kollege Ernst Wagner von der Nähmaschinenfabrik Pfaff den »wieder härter werdenden Wettbewerb«. Hans Jakob Kruse, Chef der Reederei Hapag-Lloyd, verbucht bereits einen »krassen Rückgang der Erträge«.

Schuld an der Wende, da sind sich die Männer auf den Chefetagen einig, hat vor allem die harte Mark. Der Wechselkurs habe »inzwischen einen kritischen Bereich erreicht«, schreibt die Deutsche Bank in ihrem jüngsten »Bulletin«. Gegenüber dem Dollar wurde die Mark seit März 1985 um zwei Drittel aufgewertet. Und das heißt: Entsprechend teurer werden, wenn die Preise gleich hoch bleiben, deutsche Produkte im Austand. Diese Entwicklung, schreibt die Deutsche Bank, könne den Export und damit das Wachstum beeinträchtigen sowie die Perspektiven verschlechtern. Wie der

Kurs wirkt, hat das Essener RWI-Institut an einem Beispiel aufgezeigt. Die deutsche Stahlindustrie konnte im Frühjahr 1985 eine Tonne Feinblech zum Preis von 280 Dollar auf dem Weltmarkt absetzen. Das brachte rund 900 Mark in die Kassen. Inzwischen ist der Weltmarktpreis für Blech zwar auf 324 Dollar gestiegen. Doch beim Umtausch bekommt der Exporteur nur 660 Mark.

Solche Einbußen sorgten in den letzten Wochen sogar dafür, daß die Sanierung von Saarstahl Völklingen wieder fraglich geworden ist.

Etliche Industrielle mühen sich, trotz der Schwierigkeiten, die sie nun bei den Preisgesprächen im Ausland haben, ihre Marktanteile zu halten. IWKA-Chef Prellwitz etwa mag »einmal erreichte Positionen nicht leichten Herzens wieder aufgeben«.

Bisweilen gelingt das auch. Der Stuttgarter Autokonzern Daimler-Benz kann seine Autos immer noch mit Gewinn in den USA absetzen. Andere hingegen haben es schwerer. Sportartikel-Hersteller Puma hat erhebliche Einbußen in den USA hinzunehmen. Der Luftfahrtkonzern MBB muß nun heim Geschäft mit dem Großraumflugzeug Airbus auf einen dreistelligen Millionenbetrag verzichten.

Für Hans Meinhardt, den Vorstandsvorsitzenden beim Maschinenbauer Linde, ist »die Schmerzgrenze« beim Wechselkurs längst überschritten. Wenn der Dollar-Kurs noch weiter sinkt, geht das ins Geld.

»Projekte, die vorher gut waren«, so Meinhardt, »fangen dann schnell an, Verlust zu bringen.«

Das gilt nicht nur für Geschäfte, die in US-Dollar abgerechnet werden. Auch Pfund, Franc und Lira wurden schwächer. Besonders stark wurde die Mark gegenüber dem kanadischen und dem australischen Dollar sowie dem südafrikanischen Rand aufgewertet.

Die Exporteure sehen kaum einen Ausgleich auf anderen Märkten. In etlichen Staaten, wie etwa in Japan, verliert die Konjunktur an Fahrt. Viele Entwicklungsländer sind überschuldet und drosseln ihre Einfuhren.

Gewiß, die heimische Konjunktur wird nach dem Rückgang der Ausfuhren nicht zusammenbrechen. Aber das Wachstum der Volkswirtschaft verliert an Tempo, und die Gewinne der Unternehmen werden wohl schrumpfen.

Wie sehr die Bilanzen mancher Firmen von ihren Auslandserträgen abhängig sind, zeigt besonders eindringlich der Fall des Baukonzerns Strabag. Ob die Firma, die viel im Nahen Osten baut, für 1986 eine Dividende ausschütten wird, kann Strabag-Chef Gerhardt Hartwich bis heute noch nicht sagen. »Das wird«, meint der Manager, »weniger von unserer eigenen Tüchtigkeit abhängen« als vielmehr von der »Zahlungsfähigkeit des irakischen Staates«.

[Grafiktext]

DAS ZUGPFERD GERÄT AUS DEM TRITT Veränderungen des Exports der Bundesrepublik jeweils gegenüber dem Vorjahr in Prozent 1975 - 3,9 1976 + 15,8 1977 + 6,6 1978 + 4,1 1979 + 10,4 1980 + 11,4 1981 + 13,3 1982 + 7,8 1983 + 1,1 1984 + 12,9 1985 + 10,0 1986 - 1,0 1. Halbjahr - 3,7 3. Quartal

[GrafiktextEnde]

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