Krümmel-Panne Atomindustrie fällt über Vattenfall her

Riesen-Ärger in der Atomindustrie: Nach den Pannen im Kraftwerk Krümmel sind selbst Befürworter der Kernkraft stinksauer auf den Betreiber Vattenfall. Ihre Befürchtung: Der Image-GAU erschwert die von der Branche angestrebte Verlängerung der Atomlaufzeiten.

Von


Hamburg - Vor ein paar Tagen sah es für die Kernkraft noch so gut aus. Stolz präsentierte das Deutsche Atomforum eine Umfrage vom Juni, wonach sich 48 Prozent der Bundesbürger längere Laufzeiten für die bestehenden Kraftwerke wünschten, nur noch 44 Prozent seien dagegen. Auch beim Energiegipfel im Kanzleramt konnte die Branche beachtliche Erfolge erzielen: Im Abschlussdokument betonten Energiemanager und Regierung die Vorzüge der Kernkraft - mit Rücksicht auf die SPD ein wenig verklausuliert.

Vattenfall-Kraftwerk Krümmel: "Imageschaden für die Kernenergie in Deutschland insgesamt"
DPA

Vattenfall-Kraftwerk Krümmel: "Imageschaden für die Kernenergie in Deutschland insgesamt"

Heute ist die Euphorie verflogen. Zwei Wochen nach dem Trafo-Brand im Kraftwerk Krümmel herrscht in der Atombranche Katerstimmung. Wie soll man die Öffentlichkeit jetzt noch von längeren Laufzeiten überzeugen? Der Unmut richtet sich vor allem gegen Vattenfall, den Betreiber des Pannen-Kraftwerks. Manager anderer Stromkonzerne, Politiker der Union, Kernkraftbefürworter aus der Wissenschaft: Sie alle ärgern sich über das, was ihnen Vattenfall eingebrockt hat.

"Wir sehen das ganze mit großer Sorge", bringt eine Sprecherin des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns RWE Chart zeigen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Stimmung der Branche auf den Punkt. "Natürlich wird das jetzt von dem einen oder anderen genutzt, um die Kernenergie zu diskreditieren."

Scharfe Kritik kommt auch von Seiten der CDU. Eigentlich ist es ein großes Anliegen der Partei, den von Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg rückgängig zu machen. Zu diesem Zweck sollen die Restlaufzeiten der bestehenden Kernkraftwerke verlängert werden - möglichst bald nach dem erhofften Wahlsieg bei der nächsten Bundestagswahl. Doch das Krümmel-Desaster könnte den Zeitplan gefährden.

"So sehr ich Befürworter der Kernenergie bin", sagt der CDU-Umweltexperte Jens Spahn, "so sehr ärgere ich mich über die Ungeschicklichkeit mancher Konzerne." Die Panne in Krümmel habe zu einem "Imageschaden für die Kernenergie in Deutschland insgesamt" geführt. "Das macht die Debatte für uns in der Politik nicht einfacher."

Ähnlich sieht das Katherina Reiche, die stellvertretende Fraktionschefin der Union. Sie betont, dass es sich bei den Vorkommnissen in Krümmel keineswegs um einen Störfall gehandelt habe. Dennoch könne man die Kommunikationspolitik von Vattenfall "nicht als vertrauensvoll bezeichnen". Die notwendige Diskussion über eine weitere Nutzung der Kernenergie werde nun zurückgeworfen. "Das erzeugt sicher kein überschäumendes Ja zur Kernkraft."

Selbst Wissenschaftler, die sonst treu zur Atomkraft stehen, gehen auf Distanz. Wie zum Beispiel Georg Erdmann von der Technischen Universität in Berlin, der immer wieder Gutachten für die Stromkonzerne erstellt hat. Die aktuelle Krise, sagt er, habe sich die Branche selbst zuzuschreiben. "Die Kernenergie hat ein Akzeptanzproblem. Trotzdem ist die Informationspolitik der Unternehmen unglaublich schlecht."

Er hoffe nun, dass die Panne "in ein paar Jahren vergessen sein wird". Denn längere Atomlaufzeiten, daran lässt Erdmann keinen Zweifel, seien dringend nötig. "Das wird garantiert kommen. Entweder unter Schwarz-gelb - oder auch unter Schwarz-rot."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.