Kubanische Start-ups Die Bonsai-Revolution

Ein Arzt betreibt eine Spielhölle, eine Anwältin ihr eigenes Hotel: Immer mehr Kubaner probieren sich als Selbständige - und brauchen dafür viel Improvisationstalent. Die Castro-Regierung setzt darauf, mit ein bisschen Kapitalismus den kommunistischen Sonderweg zu retten.

Sonja Peteranderl

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Havanna - Es tut sich was in Havanna: An jeder Straßenecke gibt es nun Bistros und Cafés, in abbröckelnden Hauseingängen bieten Schuster ihre Dienste an, Fahrradtaxis und Gemüsehändler kurven durch die Straßen. An vielen Häusern hängen Schilder, die auf Übernachtungsmöglichkeiten hinweisen. Die Zahl der Kubaner, die sich in die Selbständigkeit wagen, steigt. Sie verändern das Gesicht eines Landes, in dem der Staat das Angebot bestimmt und auf Propaganda-Wandbildern gegen Konsum und Kapitalismus gewettert wird.

Das Ziel: Die wirtschaftlichen Freiheiten sollen den kubanischen Sonderweg in die Zukunft retten. Vor drei Jahren kündigte Raúl Castro an, eine Million Staatsangestellte zu entlassen und bestimmte Berufe für privates Unternehmertum zu öffnen - heute arbeiten mehr als 350.000 Kubaner als "cucuentapropistas" auf eigene Rechnung. Noch ist es eine Bonsai-Revolution, ein Umbruch, der langsam und in Mini-Schritten erfolgt. Die Selbständigkeit ist auf einzelne Berufe beschränkt, Start-ups mit einer Handvoll Mitarbeiter sind rar und die Gründer brauchen viel Improvisationstalent und Ausdauer, um zu bestehen.

Das sind einige der Jungunternehmer: ein Pizzabäcker, zwei Gastronomen und der Betreiber eines Computerclubs. Bei aller Start-up-Euphorie eint sie auch die Furcht, dass es sich die Regierung wieder anders überlegt und ihre improvisierten Geschäftsideen zerstört.

Ein Arzt und seine Spielhölle

Spiele-Club-Besitzer Reyes: "Du kannst uns nicht einfach googeln"
Sonja Peteranderl

Spiele-Club-Besitzer Reyes: "Du kannst uns nicht einfach googeln"

Angekratzte PC-Bildschirme, Gehäuse, aus denen bunter Kabelsalat quillt, abgewetzte Tastaturen: Was aussieht wie Elektroschrott, ist das Kapital von Hubert Williams Correa Reyes. In der kleinen Garage neben seinem Wohnhaus in Havanna betreibt der 33-Jährige seit Juni seinen Club Elite, einen Club für Computerspiele.

"Schieß doch!", "Schneller!", feuern sich die Teenager an, die sich um die neun Plätze drängeln, um Ego-Shooter oder Autorennen zu spielen. Auch auf der Veranda von Reyes' Haus und vor dem Gartenzaun stehen Jungen an. "Hier läuft alles über Mundpropaganda", sagt Reyes. "Du kannst uns ja nicht einfach googeln." Umgerechnet 75 Cent zahlen die Spielefans für drei Stunden Zocken - nicht wenig für kubanische Taschengeldverhältnisse.

Raubkopien amerikanischer Spiele könnten Kubaner sich zwar günstig besorgen, doch Computer sind Mangelware. Die IT-Teile hat Reyes mühsam zusammengesammelt, bei Händlern und Kubanern, die bei Auslandsreisen eingekauft haben. Er hofft, dass Kuba bald mehr Waren importiert und Großhändler etabliert, damit Kleinunternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen günstiger anbieten können.

Computer sind das Hobby des Gründers - eigentlich ist er Arzt. "Viele Kubaner betreiben neben ihrem Beruf ein Geschäft oder haben einen Zweitjob", sagt Reyes. "Man muss sich alternative Wege suchen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen." Knapp 19 Euro verdient er monatlich im Krankenhaus. Seine Mini-Spielhölle wirft ebenso viel ab - in der Woche.

Der Pizzabäcker

Pizzeria von Adonis Peréz: "Die Kubaner lieben Pizza"
Sonja Peteranderl

Pizzeria von Adonis Peréz: "Die Kubaner lieben Pizza"

Ein fettiges Frühstück: Schon um 9 Uhr morgens bestellen die ersten Kunden Pizzen bei Adonis Peréz. "Ab elf geht es dann richtig los", sagt der 21-Jährige. "Du verkaufst, verkaufst und verkaufst." Wie am Fließband reicht er Mini-Pizzen über die Ladentheke.

Peréz hat Gastronomie studiert und in einer Pizzeria gejobbt - seit einem Monat betreibt er mit einem Bekannten seinen eigenen Pizza-Imbiss vor einem Wohnhaus: eine Theke, dahinter eine kleine Küche, davor weiße Gartenstühle auf Beton.

"Pizza hat Potential", glaubt der Unternehmer. "Die Kubaner lieben Pizza - und es ist ein Essen, das man schnell zubereiten kann." Hunderte Fast-Food-Imbisse haben auf Kuba eröffnet, oft mehrere in einer Straße. Peréz hat sich für sein Geschäft ein ruhiges Wohnviertel ausgesucht, in dem es kaum Konkurrenz gibt - und viel Laufkundschaft.

Mehr als 150 Pizzen verkauft er täglich. Der Verkaufsschlager: Pizza mit Käse und Tomatensoße, für umgerechnet 40 Cent. Peréz glaubt, dass der Imbiss so gut läuft, weil sich die Qualität herumspricht - manche kubanische Pizzen schmecken wie Pappe aus der Mikrowelle. "Wenn man vorgekochten Teig bei einer Bäckerei kauft, schmeckt der nicht so gut", sagt Peréz. "Wir machen alles selbst, den Käse bestellen wir auf dem Land."

Das Dachterrassenrestaurant

Restaurantchef Nilson: Eltern vom Fernseher vertrieben
Sonja Peteranderl

Restaurantchef Nilson: Eltern vom Fernseher vertrieben

Ein paar Straßen weiter tost das Meer, verwüstete Häuser und Rohbauten erinnern an den letzten Hurrikan in Baracoa, einer Kleinstadt an der Ostküste Kubas. Das Dachterrassenrestaurant La Terraza von Nilson Abad Guilarte ist eine Insel der Gemütlichkeit - mit leiser Musik im Hintergrund und lackierten Holztischen mit Origami-Schwänen.

"Viele Restaurants passen sich dem Geschmack der Europäer an", sagt der 39-Jährige. "Wir wollen unseren Gästen echte kubanische Küche zeigen" - indigene, afrikanische und spanische Fusionsgerichte. Der Kellner serviert Flussgarnelen in Schokolade oder Fisch mit Kokossoße, hetzt die steile Treppe in die Küche hinunter, die im Untergeschoss des Hauses liegt, mitten durch das Wohnzimmer, in dem Guilartes Eltern vor dem Fernseher sitzen.

Paladares, Restaurants in Privathäusern, sind populär auf Kuba: "Es gab schon immer Restaurants in Hinterzimmern, aber die Betreiber mussten früher Angst haben, dass die Polizei an die Tür klopft", sagt Guilarte. Ende 2011 begann er mit seiner Schwester, Touristen zu bekochen - ohne Gastro-Kenntnisse. Guilarte hatte zuvor als Pfleger in einem Krankenhaus gearbeitet. "Wir mussten viel improvisieren", sagt er. "Aber den Leuten hat es gefallen." Als eine große Touristengruppe anreiste, liehen sie sich Besteck bei Nachbarn, einmal explodierte der Wassertank und flutete die Terrasse. Bei Regen zogen die Gäste ins Wohnzimmer um - und vertrieben die Eltern vom Fernseher. "Es war eine Komödie", lacht Guilarte. "Aber ich mag keine halben Sachen."

Er schloss für ein paar Monate, investierte in ein Dach, die vier Mitarbeiter bildeten sich mit Kursen weiter. Im Februar eröffnete er neu. Jeden Abend kommen Gäste - La Terraza wird in mehreren Reiseführern empfohlen. Jetzt nerven Guilarte vor allem die Tricks der Konkurrenz, die Schleppern Kommission zahlen. Einer klaute sogar Guilartes Visitenkarte und führte Gäste zu einem falschen Haus.

Das Privat-Hotel

Vermieterin Dominguez: "Um viel Gewinn zu machen, reicht es nicht"
Sonja Peteranderl

Vermieterin Dominguez: "Um viel Gewinn zu machen, reicht es nicht"

Als Dorkis Torres Dominguez anfing, Zimmer an Touristen zu vermieten, musste sie sich wie ein Marktschreier im Mittelalter vermarkten: Die Anwältin, eine zurückhaltende, freundliche Frau, stellte sich mit einem Pappschild und Fotos ihrer Zimmer an den Busbahnhof, umringt von Taxifahrern, Vermietern und Stadtführern, die um die Touristen werben. "Das war sehr unangenehm - für uns Kubaner, aber auch für die Touristen", sagt die 40-Jährige. Heute kommen die Gäste auf Empfehlung in ihre "Casa Dorkis" in Baracoa.

Seit Ende der Neunziger dürfen Kubaner Zimmer vermieten - in diesem Jahr hat der Staat die Lizenzgebühren für die Casas Particulares, Privatherbergen, erheblich gesenkt. In den ersten drei Monaten zahlen Gründer keine Gebühr, danach nur 26 Euro monatlich. "Wegen der günstigen Bedingungen haben viele neue Pensionen eröffnet", sagt Dominguez. "Aber nicht bei allen stimmt die Qualität." Fast jedes Haus in ihrer Straße bietet Zimmer an - doch es gibt mehr Häuser als Gäste.

"Ich kann gerade so überleben", sagt Dominguez. "Um viel Gewinn zu machen, reicht es nicht, weil wir viel investieren." Sie hat ihre Terrasse ausgebaut, ließ den Boden in Küche und Wohnzimmer renovieren. Doch die Arbeiter schlampten, der Boden riss und musste neu verlegt werden.

Für weitere Investitionen fehlt Dominguez die Planungssicherheit - sie weiß nicht, ob die Steuern so niedrig bleiben: "Die Regierung sagt, es ist ein Test", so Dominguez. "Im nächsten Jahr kann sich alles wieder ändern."



insgesamt 14 Beiträge
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Progressor 03.10.2013
1. Na also, da haben wirs
Es geht nichts über das freie Unternehmertum. Das wird dann mit der Zeit so reich und damit mächtig, dass es wie bei uns die Richtlinien der Politik bestimmt. Dies gilt es zu verhindern. Gesetze müssen so gemacht werden, dass der Kapitalismus human bleibt. Das ist alles was wir tun können aber auch müssen. Und zwar nicht so wie die trottelige SPD. ;-)
normalo3006 03.10.2013
2. 60 Jahre Menschenversuch ein Disaster- jetzt kommt Plan 'B'
Also jetzt kommt der Kapitalismus doch - zum Wohle der Partei. Und die hat immer Recht. Nicht lange und KP-Bonzen werden in vergoldeten Bentleys durch Havanna rollen wie heute schon in China oder Vietnam zu sehen. Orwell irrte in Animal Farm - die Schweine laufen am Ende nicht auf zwei Beinen sondern lassen sich in Protz-Limousinen chauffieren. Lustig dass es im freien Westen immer noch Fans dieser 'leeren KP-Hülsen' gibt die der dort gescheiterten Planwirtschaft das Wort reden.
schoppenhauer 03.10.2013
3. Es lebe der Kapitalismus!
"Ein Arzt betreibt eine Spielhölle" - was für ein Fortschritt.
Hafturlaub 03.10.2013
4.
Zitat von schoppenhauer"Ein Arzt betreibt eine Spielhölle" - was für ein Fortschritt.
Auch so etwas kommt vor, wenn man Menschen elementarste Grundrechte einräumt. Am Ende ist dies ja nur ein Zeichen, wie marode das herrschende System dort ist.
studibaas 03.10.2013
5. Na endlich
haben sich jahrzentelange Handelsembargos aller Industriestaaten bezahlt gemacht. Zur Kenntnis: Wer In Kuba mal Urlaub gemacht hat, darf nicht in die USA...
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