Kuba Wachstum für wenige

Rein rechnerisch ist die kubanische Wirtschaft in den letzten beiden Jahren um knapp 25 Prozent gewachsen. Doch von dem Aufschwung kommt bei der Bevölkerung kaum etwas an. Das Geld erwirtschaften hauptsächlich staatliche Angestellte, die die Regierung ins Ausland schickt.

Aus Havanna berichtet Bernd Bieberich


„Alles ziemlich unverändert“, erklärt Daira Pérez gelangweilt während sie sich an den Verkaufstresen der Bäckerei lehnt. Dann steckt das Brot ein und macht sich auf den Weg. Die junge Frau wohnt in Centro Habana, im Herzen der kubanischen Hauptstadt, und wie ihre Nachbarn weiß sie, dass die kubanische Wirtschaft in den vergangenen Jahren stärker wuchs als alle anderen Volkswirtschaften der Region. „Schöne Zahlen", bemerkt sie mit hörbarer Verbitterung. "Aber im Alltag habe ich davon nichts mitbekommen“.

Den Frust kann Omar Everleny, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Havanna, gut nachvollziehen. Die wachsende Kluft zwischen dem Wohlstand der Nation und dem eigenen registrierten viele, gibt er unumwunden zu: „Die Leute spüren von dem Wachstum kaum etwas“. Zu dieser Einschätzung kommt auch Armando Nova vom Forschungsinstitut der kubanischen Wirtschaft (CEEC): „Die drei grundlegenden Probleme Kubas sind die Lebensmittelversorgung, die Verkehrssituation und die Wohnungsnot“. In allen drei Bereichen erwarte die Bevölkerung Lösungen jetzt wo eigentlich genügend Geld da sei.

Doch entscheidende Verbesserungen haben nur wenige Kubaner registriert. Der öffentliche Nahverkehr zum Beispiel bleibt ein ständiges Ärgernis. Everleny wähnt ihn sogar kurz vor dem Zusammenbruch. „Die Regierung hat ihre Investitionen bisher darauf konzentriert Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen abzubauen. Das registrieren allerdings nur die Betroffenen“, so der Familienvater. Auch die Erfolge im Wohnungsbau fallen bisher noch nicht so stark ins Gewicht, obgleich im letzten Jahr immerhin gut 100.000 der anvisierten 150.000 neuen Wohnungen fertig gestellt wurden. Fortschritte, die tatsächlich auf breiter Front sichtbar werden könnten, bleiben dagegen aus.

Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich

„Kubas Problem“, erklärt Everleny, „ist, dass die wirtschaftliche Struktur der Ausbildungsstruktur nicht angepasst wurde“. Im Klartext: Das Regime ist nicht in der Lage, den qualifizierten Menschen auch attraktive, dem Ausbildungsniveau entsprechende, Jobs im Land anzubieten.

Zum Teil sind es gerade die Hochqualifizierten, die jetzt für das enorme Wachstum sorgen - durch Arbeit im Ausland. Ärzte, Schwestern, Ingenieure und Lehrer verrichten ihre Dienste als Regierungsangestellte im Bruderstaat Venezuela - als Leiharbeiter sozusagen. Für ihre Leistungen erhielt Havanna nach Berechnungen der CEEC-Experten 2006 rund sechs Milliarden US-Dollar. „Derzeit hat Kuba dort allein 27.000 Ärzte im Einsatz. Welches Land wäre dazu in der Lage?“, fragt Everleny und ist sogar stolz darauf.

Die genannte Summe entspricht knapp sechzig Prozent der Einnahmen aus Exporten und Dienstleistungen, weshalb die weißen Engel der Revolution den Tourismus als Lokomotive der kubanischen Wirtschaft abgelöst haben. Kuba habe endlich ein Instrument gefunden, um die hohe Qualifikation der Bevölkerung auch ökonomisch zu nutzen, heißt es in der kubanischen Presse.

Die Elite bilden die Devisenbesitzer

Zum allem Überfluss hat Kuba auch noch mit Problemen zu kämpfen, die man nach offizieller Lesart längst überwunden zu habe schien. Die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich fast im gleichen Tempo, wie in den viel kritisierten westlichen Marktwirtschaften. Die da oben verfügen über Devisen, die breite Masse muss mit der nicht konvertiblen Landeswährung vorlieb nehmen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.