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TOURISMUS Kühlbox dabei

Am Rande der österreichischen Hauptstadt will der Club Mediterranee eine neue Art von Freizeit-Gestaltung verkaufen - Urlaub unter künstlichem Himmel. *
aus DER SPIEGEL 36/1986

Die tropische Zone liegt mitten in einem Industriegebiet südlich von Wien, umgeben von Lagerhallen und Einkaufszentren, umzingelt von Schnellstraßen. Palmen und blühende Exotensträucher gehören dazu, kleine Lagunen mit klarem Wasser, sandgelbe Strände.

Und natürlich Plastik: Die Oase gedeiht unter einer 42 Meter hohen Kuppel aus Plexiglas. Wenn in Wien die Sonne scheint, ist die Illusion fast vollkommen. Die tropische Wärme allerdings kommt aus der Fernheizung.

Die künstliche Oase gehört dem Reiseunternehmen Club Mediterranee, das bereits mehr als 100 Feriendörfer mit Amüsierbetrieb in aller Welt aufgezogen hat. Der Club will dem modernen Menschen, der immer mehr Freizeit hat und sie offenbar immer weniger allein zu nutzen weiß, aus der Klemme helfen. Das Dorf in der Stadt, genannt »City Club Vienna«, soll den Ferientraum vor der Haustür verwirklichen.

»Einzigartig auf der Welt«, meint Club-Chef Serge Trigano, soll das alles werden. Rund 2700 Quadratmeter entkeimtes Wasser unter der Kunststoffglocke, künstliche Inseln, computergesteuerte Wellen kitzeln Urlaubsgefühle hervor, die auf jede nur denkbare Weise befriedigt werden dürfen: an der Theke und am Tisch, beim Tennis, in der Sauna und in Videokabinen.

Der Mensch, philosophiert Trigano, brauche mehr als das eigene Heim oder eine öffentliche Grünfläche. »Und darauf geben wir in Wien eine Antwort.«

Natürlich nicht nur für die Wiener. Zum »City Club Vienna« gehören ein Fünf-Sterne-Hotel und ein Konferenzzentrum mit neuester Technik. »Arbeit und Urlaub«, sagt Marketing-Assistent Johan Röhl, ließen sich im Club auf erfreuliche Art verbinden. Da werde ein Stück Zukunft dieses Jahrhunderts sichtbar.

Wie das im einzelnen aussehen soll, weiß auch Röhl noch nicht so genau. Der 25jährige Schwede, der zuvor in den Club-Med-Dörfern St. Moritz und Sveti Marko als Animateur gearbeitet hat, gehört zu jenen 25 Club-Angestellten, die das richtige Konzept für den City Club erst noch entwickeln sollen.

Die früheren Besitzer der tropischen Oase in Wien hatten offenbar mit ihrer Neuerung nichts Rechtes anzufangen gewußt. Die Freizeit-Pyramide hieß noch Anfang des Jahres »El Dorado«, brachte aber außer Verlusten nichts ein.

Die Betreiber, eine Gruppe österreichischer Investoren, hatten geglaubt, sie könnten allein von den Besuchern leben, die mit Tüten und Päckchen beladen Entspannung vom Einkaufsstreß suchen.

Da kamen auch eine ganze Menge, doch die meisten brachten ihre Picknick-Körbe mit. Die Restaurants blieben leer, das Hotel war schlecht belegt. Lediglich der Strom jener unterprivilegierten Araber, die nicht einmal einen eigenen Swimming-pool besitzen, schwoll immer weiter an.

Die Franzosen wollen nun alles ganz anders machen. Erst einmal setzten sie die Preise für die Tageskarte auf 300 Schilling (etwa 43 Mark) herauf.

Dann wurde das Innere der Pyramide umgebaut. Aus einer schummrigen Disco wurde eine luftige Bar, das Hotel und die Konferenzräume wurden direkt mit dem Freizeitgelände verbunden. Eine offene Bühne soll zentraler Punkt für alle Veranstaltungen werden.

Auch im Wiener City Club soll, wie in jedem Feriendorf des Club Mediterranee, immer etwas los sein. Langeweile, sagt Club-Organisator Röhl, dürfe erst gar nicht aufkommen - der Besucher wird richtig hart rangenommen, damit er sich ordentlich entspannt.

Dafür sind 15 Animateure angestellt. Sie sollen den Gästen das vermitteln

was weltweit als Club-Med-Atmosphäre vermarktet wird - jene gallische Mischung aus Anmache und Spontaneität, lockeren Spielregeln und streng verordnetem Vergnügen.

»Wir probieren eine neue Kreation«, sagt Thierry Piekar, der Chef des Wiener City Clubs: »Fünf-Sterne-Komfort mit einem Touch Club Mediterranee.«

Doch so einfach ist das wohl nicht. Die rechte Stimmung, so klagen die Animateure, komme nicht auf. Yoga und Aerobic kann der Wiener auch woanders praktizieren, und niemand wird Chanson-Geträller unter der Plastikglocke nur deshalb hören wollen, weil ihm Lichtspiele einen Sternenhimmel vorgaukeln.

Das Club-Hotel ist selbst an Wochenenden nur schwach belegt. Und auch an den künstlichen Stränden ist es meistens ziemlich leer. Da fallen um so mehr die Jünglinge auf, die in Tigerbadehosen, Goldkettchen am Hals, umherstolzieren.

Mit Lockangeboten versucht der Club Besucher heranzuziehen. Doch viele von denen, die sich eine »Schnupper-Karte« zum Preis von 40 Schilling aus einer Zeitschrift geschnitten haben, zählen auch nicht zu der zahlungskräftigsten Zielgruppe. »Ich habe mich mal umgesehen«, sagt der Bademeister, »die meisten Gäste haben eine Kühlbox dabei. Wo soll denn da das Geld herkommen?«

Darüber haben die Club-Manager - die Erfahrungen aus dem »Dorado« im Sinn - natürlich auch schon nachgedacht. Sie wollen ihre Kunden nun vor allem in großen Firmen suchen, die ihre tüchtigsten Mitarbeiter gleich in ganzen Schüben nach Wien schicken, um sie durch einen Kurzurlaub anzuspornen.

Seine Idee jedenfalls hält der Chef des Club Mediterranee noch immer für gut. Trigano möchte auch in London oder Paris ähnlich exotische Stätten für gehobene Freizeit-Gestaltung einrichten.

Mit der Regierung von Malaysia verhandelt er gerade. Das könnte gutgehen: Trigano will in den Tropen einen Freizeit-Club mit kühlem nordischen Klima schaffen.

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