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VERLAGE Künftig mit Respekt

Monatelang kämpften deutsche Großverlage um das Wiener Boulevardblatt »Neue Kronen-Zeitung«. Diese Woche soll der Bauer-Konzern den Zuschlag bekommen. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Auf der Reise nach Wien war Günther Grotkamp noch hoffnungsvoll. Monatelang hatte der Geschäftsführer der Essener »Westdeutschen Allgemeinen« ("WAZ") gemeinsam mit seinem Partner Erich Schumann den Einstieg ins österreichische Zeitungsgeschäft vorbereitet .

Jetzt brachte Grotkamp eine neue Offerte mit. Ziel war, bis zum 30. November das Wiener Boulevardblatt »Neue Kronen-Zeitung« zur Hälfte zu kaufen. Das Angebot: rund 200 Millionen Mark, zahlbar sofort.

Die Überweisung kann sich Grotkamp sparen, aus dem Handel wird nichts. Vor Ort in Wien teilte »Kronen«-Verleger Hans Dichand dem verdutzten »WAZ«-Mann mit, daß ein anderer Deutscher weitaus bessere Chancen für den Zuschlag habe.

In aller Stille hatte der Hamburger Großverleger Heinz Bauer ("Quick«, »Praline") den Einsatz noch einmal um knapp 30 Millionen Mark erhöht. In dieser Woche wird das Geschäft perfekt gemacht - falls nicht wieder was dazwischenkommt.

Seit Monaten schon ringen deutsche Pressekonzerne erbittert um Österreichs »Krone«. Nicht allein die »WAZ« und Bauer, auch der Gütersloher Medienriese Bertelsmann ("Stern") und der konservative Axel Springer Verlag ("Bild") hätten die Straßengazette nur zu gern ins eigene Reich geholt.

»Das ist der größte, aufregendste und gewaltigste Coup in der Geschichte der Zweiten Republik«, schrieb das Wiener Nachrichtenmagazin »Profil« über den millionenschweren Zeitungspoker.

Die »Krone« gilt als Juwel im Medienmarkt, der jährliche Gewinn liegt bei 60 Millionen Mark. So profitabel ist kein anderes Unternehmen in Österreich.

Verdient wird das Geld mit aufgemotzten Alltagsgeschichten ("Tragödie im Zillertal -Überlebender schrie sieben Stunden um Hilfe"), volksmundgerechten Kolumnen, Aristo-Tratsch und ein bisserl Antisemitismus. Das Gemisch kommt offensichtlich an.

Vier von zehn Österreichern lesen die tägliche Millionenauflage des Rühr- und Revolverblattes. Solch eine Verbreitung hat vergleichsweise keine andere Gazette auf der Welt, auch nicht die »Bild«-Zeitung in Deutschland.

Die eigene aufregende Geschichte freilich fehlte bislang im Blatt. Dabei hätte es gelohnt: Die beiden Eigner der »Krone«, Hans Dichand, 66, und Kurt Falk, 54, liefern ständig Stoff für muntere Boulevard-Geschichten.

Gemeinsam hatten Dichand und Falk die »Neue Kronen-Zeitung« in den Aufbruchjahren Ende der Fünfziger gegründet. Das Geld besorgte der mächtige Gewerkschaftsboß Franz Olah. Bedingung: Die »Krone« sollte fest auf seiten der Sozialdemokraten stehen.

Dichand war gerade als Chefredakteur des Wiener »Kurier« gefeuert worden. Partner Falk fühlte sich als Verkäufer des aus Deutschland importierten Waschmittels »Persil« nicht ausgelastet.

Der Start klappte bestens, jeder machte seinen Job. Der eine kümmerte sich ums Blattmachen, der andere um Marketing und Vertrieb. Schnell wurde aus der »Krone« Österreichs beliebteste Zeitung.

Gemocht aber haben sich die beiden Verleger nach eigenem Bekunden von Anfang an nicht. Nur ihr gemeinsames Eigentum und die wachsenden Gewinne ihres Unternehmens hielten sie zusammen.

Zum Bruch kam es, als Falk 1973 auch in der Redaktion Mitspracherechte durchsetzen wollte. Als Dichand damit drohte, seinen Partner auf Ausschluß aus der gemeinsamen Firma zu verklagen, gab Falk nach.

»ICH nahm das Bild ,Don Quijote gegen die Windmühlen kämpfend' von der Wand meines Arbeitszimmers«, erinnert sich Falk, »nahm es unter den Arm und verließ damit das Pressehaus.«

Dichand übernahm die alleinige Herausgeberschaft der »Krone«. Falk begnügte sich mit der jährlichen Gewinnüberweisung auf sein Konto.

Sollte der Ertrag der Zeitung allerdings unter zehn Millionen Mark jährlich

fallen, so die Spielregeln, müßte Dichand seinen Platz an der Verlagsspitze räumen. Dann wäre er der stille Teilhaber und Falk der Chef.

Doch soweit kam es nicht. Der Gewinn lag im Schnitt bei 400 Millionen Schilling, umgerechnet knapp 60 Millionen Mark. Falk mußte sich auf das Inkasso seines 50-Prozent-Anteils beschränken.

Für gegenseitige Beschimpfungen aber fanden die beiden immer Gelegenheit. In einem Interview mit dem Wiener Stadtmagazin »Basta« behauptete Dichand, Partner Falk sei möglicherweise ein unehelicher Sohn des gemeinsamen Gründungshelfers Franz Olah.

»Es gibt eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Olah und Falk«, schwadronierte Dichand. »Nicht nur dasselbe Mienenspiel, sie haben auch charakterlich viele Ähnlichkeiten. Dieses Sprunghafte. Dieses Diktatorische.«

Falk konterte im Zeitgeistmagazin »Wiener": »Solange sich Dichand für die Entgleisung nicht entschuldigt, rede ich nicht mehr mit ihm.«

Zusätzlich getrübt wurde das Unverhältnis der beiden »Kronen«-Eigner, als Falk 1984 ein eigenes Blatt auf den Markt brachte. Zwar war vertraglich vereinbart, daß der Mit-Gesellschafter keine eigene Tageszeitung gründen darf. Aber Falk gestaltete sein Wochenblatt »Die ganze Woche« nach dem Vorbild der »Krone« - mit Erfolg.

Die Auflage stieg schnell auf mehr als 900000 Exemplare. Dichand spürte die Konkurrenz. Am Erscheinungstag der »Ganzen Woche« sank regelmäßig der Verkauf der »Krone«.

Vergeblich mühten sich Dichands Anwälte, Falk zur Einstellung des neuen Blattes zu bewegen. »Wenn ich will«, konterte der Marketingfachmann, »kann ich drei solcher Dinger aus dem Hut zaubern. »

Um »wenigstens halbwegs Frieden zu schließen« (Falk), trafen sich die beiden Widersacher im Mai dieses Jahres zu einem außergerichtlichen Vergleich. Dabei wurde ein ungewöhnlicher Vertrag ausgehandelt .

»Die Herren Dichand und Falk beschließen«, heißt es in dem Schriftstück, »künftig einander mit Respekt zu begegnen.«

Die neuen Spielregeln haben es in sich: Danach kann Hans Dichand seinem Partner den 50-Prozent-Anteil an der »Krone« innerhalb sechs Monaten abkaufen. Der Preis: 315 Millionen Mark, Stichtag ist der 30. November 1987.

Sollte Dichand bis zu diesem Termin das Geld nicht auftreiben können, wäre Falk am Zug. Dann hätte er ein halbes Jahr Zeit, die Summe zu besorgen und den Partner damit auszuzahlen.

Allein kann Dichand das Geld nicht vorweisen. Der Verleger hat den größten Teil seines Vermögens in Kunstschätzen angelegt, die in der Eile nur schwer zu einem anständigen Preis zu verkaufen sind. Den Banken wiederum war der Deal zu windig, um darauf einen dreistelligen Millionenbetrag zu setzen.

In Deutschland aber fand Dichand schnell Interessenten. Großverlage wie Bertelsmann und Springer, Bauer und die »WAZ« warteten schon lange darauf, ins österreichische Mediengeschäft einzusteigen.

Geschickt spielte Hans Dichand die deutschen Medienriesen gegeneinander aus. Mal traf er sich mit Springer-Gesandten in einem Wiener Hotel, mal empfing er »WAZ«-Vertreter in einem Cafe der Hauptstadt.

Zu Bertelsmann hatte der »Krone«-Verleger ohnehin beste Beziehungen: Dichand wirkt bei der »Hamburger Morgenpost«, die der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr gehört, als Herausgeber mit. Die »Mopo« wird seit gut einem Jahr nach dem Vorbild der kleinformatigen »Neuen Kronen-Zeitung« produziert.

Die Kaufsumme von 2,2 Milliarden Schilling aber schien den deutschen Interessenten zu hoch. Die Star-Autoren der »Krone« sind in die Jahre gekommen, die Druckerei ist völlig veraltet. Spätestens Anfang der Neunziger muß ein neues Druckhaus gebaut werden.

Mitte September zog der Springer-Verlag sein Angebot zurück. Die Hamburger wollten den Preis deutlich unter 200 Millionen Mark drücken und zudem mindestens 50 Prozent am Hause haben. Auch Bertelsmann schreckte die hohe Kaufsumme .

Für den Wiener wurde die Zeit knapp. Anfang Oktober meldete sich »WAZ«-Geschäftsführer Grotkamp zu einer weiteren Verhandlungsrunde.

Doch noch ehe sich der Essener auf den Weg nach Wien machte, war der Hamburger Großverleger Heinz Bauer bereits da. Der hat offenbar genug Geld. In den siebziger Jahren war der Heinrich Bauer Verlag mit Massenblättern wie »Quick« und »Neue Revue«, »TV Hören und Sehen« oder der deutschen Ausgabe des »Playboy« zum auflagestärksten Zeitschriften-Produzenten Europas aufgestiegen.

Bis Mitte November soll der Bauer-Verlag 230 Millionen Mark nach Wien überweisen. Die fehlenden 85 Millionen Mark für den Noch-Gesellschafter Falk finanziert die »Neue Kronen-Zeitung« mit Krediten, die sich trefflich von der Steuer absetzen lassen.

Vorerst allerdings muß sich Bauer mit 49 Prozent an der »Krone« zufriedengeben. Erst wenn Dichand sich endgültig zur Ruhe setzt, bekommt der deutsche Neu-Teilhaber mit mindestens 51 Prozent die Mehrheit. Auch Dichands Erben sind dann versorgt: Sie erhalten von Bauer eine jährliche Gewinngarantie von umgerechnet 1,4 Millionen Mark.

Alt-Partner Falk zeigt sich überrascht: Er hätte nicht geglaubt, daß Dichand das Geld zusammenbringt. »Aber wer weiß«, sagt Falk, »was bis zum Stichtag noch alles passiert.«

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