Kunden stürmen Autohäuser "Es ist absurd, wie ein Tsunami"

Autohändler schieben Sonderschichten, Deutschlands Verbraucher sind im Kaufrausch - die Abwrackprämie macht's möglich. Kleinwagen sind ausverkauft, Käufer müssen Schlangestehen.

Von Mark Fehr und Merle Schmalenbach


Hamburg/Berlin - Mike Bluhm sieht sich den blankpolierten Scirocco interessiert an. Das schwarze VW-Sportcoupé ist eine der Attraktionen im Autohaus Willy Tiedtke im Hamburger Stadtteil Hinschenfelde. Doch die Entscheidung fällt dem Mittdreißiger schwer, sein Herz schlägt noch für ein anderes Fahrzeug: "Vielleicht ist unser nächstes Auto auch der neue Audi A4."

Opel-Autohaus: Ansturm dank Abwrackprämie
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Opel-Autohaus: Ansturm dank Abwrackprämie

Bluhms Partnerin Martina Timm nickt: "Wir fahren einen Mazda MX-5, der ist Baujahr 1991, wir brauchen jetzt mal was Neues." Der japanische Roadster ist damit deutlich älter als neun Jahre, das Pärchen könnte also beim Kauf eines neuen Autos problemlos die staatliche Abwrackprämie von 2500 Euro kassieren.

Das Prinzip: Die beiden müssten ihren alten Mazda verschrotten lassen und einen Prämienantrag beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) stellen. Wichtig: Die Anträge müssen vollständig ausgefüllt werden, der Nachweis der Verschrottung des Altfahrzeugs ist beizulegen. Wenn die Unterlagen lückenhaft sind, gibt es kein Geld.

"Wir brauchen schon länger ein neues Auto, haben die Entscheidung aber immer wieder vor uns hergeschoben", sagt Martina Timm. Die seit Mitte Januar gültige Prämienregelung hat nun den Anstoß gegeben. "Jetzt, wo das Geld winkt, beeilen wir uns mit dem Autokauf."

Autohäuser fahren Sonderschichten

Ähnlich wie die beiden Hamburger denken in diesen Wochen viele Autokäufer in Deutschland. Die Ankündigung der Bundesregierung vom Januar, insgesamt 1,5 Milliarden Euro in den Automarkt zu stecken, hat einen regelrechten Hype ausgelöst. Angelockt von der 2500-Euro-Prämie pilgern Tausende Interessenten in die Autohäuser. Diese müssen sich einiges einfallen lassen, um des Ansturms Herr zu werden.

"Einer unserer Verkäufer hatte die Idee, abends einfach länger zu öffnen", erzählt Alexander Matz, Verkaufsleiter bei Tiedtke. Seit zwei Wochen können Kunden nun donnerstags bis 22 Uhr kommen.

"Am ersten verkaufsoffenen Abend waren hier so viele Leute wie sonst nur, wenn wir neue Modelle vorstellen", berichtet Mitarbeiterin Petra Albert. Mit der längeren Öffnungszeit hat der Autohändler anscheinend den Nerv der Kunden getroffen. Allein in den Abendstunden nach 18 Uhr wurden beim ersten Mal neun und beim zweiten Mal dreizehn Fahrzeuge verkauft. "Dafür brauchen wir normalerweise eine ganze Woche", sagt Matz.

Der Staat hat das Prämiengeld im Rahmen seines zweiten Konjunkturpakets bereitgestellt. Das Ziel: den Autoabsatz zu beleben. Die Autoindustrie ist eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft, die Staatshilfe soll einen weiteren Einbruch der Branche durch die Finanz- und Wirtschaftskrise aufhalten. Wie nachhaltig die Wirkung sein wird, ist noch offen. Klar ist aber jetzt schon, dass die Abwrackprämie bei den Kunden äußerst beliebt ist.

Theoretisch reicht das Staatsgeld für 600.000 Autos. Doch in den 1,5 Milliarden Euro sind auch die Kosten für die Verwaltung der Prämienanträge beim Bafa enthalten. Bisher hat die Behörde etwa 60.000 Anträge registriert. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) ging zuletzt davon aus, dass der Nachfrageimpuls für 300.000 neue Fahrzeuge reichen wird.

Auch bei den Produzenten sind die Auswirkungen zu spüren. Besonders profitiert hat bis jetzt das Kleinwagensegment. So kann Opel im Werk Eisenach, wo der Corsa gebaut wird, auf weitere Kurzarbeit verzichten. Wie das Unternehmen Anfang der Woche mitteilte, wird aufgrund der größeren Nachfrage nach Kleinwagen in den ersten drei Wochen im März durchgearbeitet.

Im Rausch der Prämie

Die ganze Republik ist im Prämienrausch. Beim Autoforum Koch in Berlin-Friedrichshain haben die Verkäufer in der Präsentationshalle Sonnenschirme aufgespannt, so als sei Sommer - und die Wirtschaftskrise weit, weit weg.

Wenn Skoda-Markenchef Karsten Wünsche aus seinem Büro tritt, blickt er direkt auf die bunten Schirme und die vielen Kunden, die sich darunter tummeln. Er ist seit zwölf Jahren in der Branche, doch so etwas hat er noch nicht erlebt. "Unser Verkauf hat sich zum Teil verzehnfacht", sagt er. "Es ist absurd, wie ein Tsunami." Wünsche kennt kaum Händler in Berlin, die noch Kleinwagen auf Lager haben.

Zurück im Büro lässt er sich in seinen Drehstuhl fallen. Seit es die Abwrackprämie gibt, kommt er kaum noch zum Durchatmen. Die Mitarbeiter sind überlastet, der Markenchef muss beim Verkauf mit einspringen. Rentner oder junge Eltern mit Babys kommen in Scharen auf ihn zu. Sie wollen vor allem eines: die Prämie. "Wir haben in diesen Tagen Kunden, die sonst nur einen Gebrauchtwagen kaufen würden", berichtet Wünsche.

Die höheren Umsätze könnten Wünsches Autohaus über das Jahr bringen. Doch er bleibt verhalten. Wenn er das Wort "Erfolg" ausspricht, schiebt er sofort "Demut" und "Bodenhaftung" hinterher. Zu genau kennt er die Branche und ihre Krisen. Noch im abgelaufenen Quartal musste er Leute entlassen. Vergangene Woche hat er eine Mitarbeiterin wieder eingestellt. Die Stelle ist befristet.

"Wie zu DDR-Zeiten"

Im ganzen Trubel sind wehmütige Kunden wie Jörg Dreyse die Ausnahme. Dreyse schlendert durch den Verkaufsraum, seit 20 Minuten wartet er auf sein Verkaufsgespräch. "Wie zu DDR-Zeiten", scherzt er. Sein VW-Bus ist 13 Jahre alt, hat Ostsee-Trips mitgemacht - die Cousinen auf der Rückbank, Sand zwischen den Zehen. Jetzt wird er den VW wohl abstoßen, Bekannte haben es ihm geraten. Selbst die Mutter hat sich ein neues Auto gekauft, eine vernünftige Sache. Noch zögert Dreyse, denn er hängt an seinem VW.

In Hamburg versucht das Autohaus Tiedtke, seine Kunden mit Sekt, Knabbereien und einer Spielecke für Kinder bei Laune zu halten. Zu Spitzenzeiten muss man länger warten, bis der nächste Verkäufer frei wird. Obwohl Verkaufsleiter Matz in diesen Tagen alle seine 15 Berater im Einsatz hat, bleiben beim größten Andrang Wartezeiten nicht aus.

Tiedtke-Mitarbeiterin Petra Albert kann verstehen, wenn einige Kunden ungeduldig werden. "Es gab welche, die nicht warten wollten und zur Konkurrenz gelaufen sind." Doch als sie feststellten, dass es bei anderen Autohäusern auch nicht schneller geht, standen sie bald wieder vor der Tür.

Restlos ausgeschlachtet

Beim Händler Dello im feinen hanseatischen Stadtteil Eppendorf berichten die Verkäufer von ähnlichen Geschichten. Hier geht besonders der Chevrolet-Kleinwagen Matiz gut weg. "Der Matiz kommt wegen seinem niedrigen Preis besonders gut an", sagt Niederlassungsleiter Matthias Gerleit.

Manche Kunden nutzen die Abwrackprämie besonders trickreich. Wie trickreich, hat Dello-Verkäufer Nils Qualmann erlebt. Ein Autokäufer erkundigte sich unverfänglich, ob er vor der Verschrottung noch ein paar Teile aus seinem alten Fahrzeug ausbauen könnte. Qualmann hatte nichts dagegen.

Doch später traute er seinen Augen kaum, als der Kunde ein Auto-Gerippe auf den Hof rollte. "Sitze, Türen, Fenster, Hutablage - alles restlos ausgeschlachtet", erzählt der Verkäufer. Rechtlich sei dagegen nichts einzuwenden. Mit einer leeren Karosserie habe der Schrottverwerter ja auch weniger Arbeit.



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