Kuriose Kursstürze Rezession macht billige Aktien teuer

Trotz fallender Kurse sind viele Aktien alles andere als preiswert. Der Grund: Die Gewinnerwartungen der Konzerne sind in den vergangenen Monaten viel stärker eingebrochen als der Dax. Von Einstiegskursen zu sprechen, ist daher eine kühne Wette.

Von und Kai Lange


Hamburg - Für die Aktie von BASF Chart zeigen müssen Anleger heute weniger zahlen als vor drei Monaten. Damals, als die Aktie noch mehr als 25 Euro kostete, hielten viele Anleger sie für ein echtes Schnäppchen. Heute, bei Kursen um die 24,50 Euro, halten dieselben Investoren die Aktie schon wieder für relativ hoch bewertet. Kuriose Zeiten: Eine Aktie ist teurer geworden, obwohl ihr Kurs gefallen ist.

Ausverkauf im Einzelhandel: Keine "Schnäppchen" im Dax
DPA

Ausverkauf im Einzelhandel: Keine "Schnäppchen" im Dax

Grund für diese eigenwillige Börsenlogik ist die Orientierung am erwarteten Gewinn des Unternehmens. Im Herbst 2008, als die Mehrzahl der Analysten dem Chemiekonzern BASF noch eine Gewinnsteigerung gegenüber dem Vorjahr zutraute, war das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in den einstelligen Bereich gerutscht. Das halten viele Börsianer für günstig, denn im langfristigen Durchschnitt gilt ein KGV von 12 bis 13 als "faire" Bewertung. Doch nach den verheerenden Zahlen für das dritte Quartal musste BASF - ebenso wie viele andere Dax-Unternehmen auch - die Prognosen deutlich reduzieren.

Die Gewinnerwartungen sind seitdem wie ein Stein gefallen, im Fall BASF um rund 40 Prozent. Da die Aktie im gleichen Zeitraum nur um rund 3 Prozent nachgegeben hat, ist das KGV wieder über den Wert von 11 gestiegen. Was damals günstig schien, ist heute teurer, obwohl es weniger kostet.

"Die Zahlen zum dritten Quartal waren ein harter Weckruf - sowohl für die Unternehmen als auch für die Analysten", sagt Andreas Hürkamp, Portfoliostratege der Commerzbank Chart zeigen. "Bis September waren noch viele Unternehmen der Ansicht, sie würde der Abschwung nicht so hart treffen."

Doch inzwischen rollt die Rezession mit voller Wucht über die Unternehmenslandschaft hinweg. In den vergangenen drei Monaten sind die Gewinnerwartungen viel stärker gefallen als die Kurse. "Wir sind vom Hochpunkt der Erwartungen im vergangenen Jahr mittlerweile um 40 bis 45 Prozent heruntergekommen", sagt Hürkamp. "Und das muss noch nicht das Ende sein."

Beispiel BMW Chart zeigen: Die Mehrzahl der Analysten hat ihre Gewinnerwartungen für 2009 um rund zwei Drittel gesenkt. Einige bezweifeln sogar, ob beim bayerischen Autobauer am Jahresende überhaupt noch ein Gewinn übrig bleibt. Die Aktie hat dennoch seit Herbst zu einer Erholung angesetzt und ist damit sowohl absolut als auch auf Basis des KGV wieder teurer geworden.

Ähnliches gilt für Siemens Chart zeigen oder ThyssenKrupp Chart zeigen. Bei Siemens sind die Gewinnerwartungen um 12 Prozent gefallen, und der Konzern kündigte erst gestern an, mehr als 7000 Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. Gleichzeitig hat die Aktie in den vergangenen drei Monaten um rund 18 Prozent zugelegt.

Bei ThyssenKrupp Chart zeigen erwarten Analysten 35 Prozent weniger Gewinn als noch im Herbst, die Aktie ist dennoch seitdem stark gestiegen. Während die Gewinnerwartungen weiter nachgeben, tendieren Aktien seitwärts oder gewinnen in Einzelfällen sogar noch hinzu: Das sind nicht die Voraussetzungen, um von "Schnäppchen" im Dax zu sprechen.

Das Durchschnitts-KGV für den gesamten Dax liegt inzwischen wieder bei 11 - das ist zwar noch unter dem langjährigen Durchschnitt, aber auch nicht besonders verlockend. Zumal die Gewinnziele für 2009 durchaus noch weiter reduziert werden können: "Wir gehen davon aus, dass bei einer richtigen Rezession die Gewinnerwartungen vom Hochpunkt aus um bis zu 60 Prozent fallen", sagt Hürkamp. 40 Prozent haben die Märkte inzwischen gesehen - damit bleibt immer noch viel Luft nach unten.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.