Kurioses Millionenprojekt Tang-Tempel für Brandenburg

Pavillons, Pagoden, Tempelbauten: Ein Unternehmer will im Städtchen Oranienburg nördlich von Berlin ein riesiges chinesisches Viertel aus dem Boden stampfen. Der Bürgermeister macht eifrig Reklame dafür. Die Oranienburger wirken verwirrt.

Aus Oranienburg berichtet


Berlin - Hans-Joachim Laesicke übt sich schon einmal in chinesischer Weisheit. "Auch eine sehr lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt", erklärt der Bürgermeister von Oranienburg. Er hat sich in den vergangenen Tagen einiges anhören müssen: Das Fiasko sei programmiert, hieß es oft.

Er habe ja selbst "eine gesunde Skepsis gehabt", als ihm zum ersten Mal vom Projekt "Chinatown Oranienburg" berichtet wurde, sagt Laesicke fröhlich. Der Plan klingt schließlich mehr als abenteuerlich. Ein Unternehmer aus dem Reich der Mitte will im Süden der 40.000-Einwohner-Stadt ein komplettes, 80 Hektar großes chinesisches Viertel aus dem Boden stampfen. Im traditionellen Baustil mit Pavillons, Tempeln und Pagoden auf dem Gelände eines ehemaligen russischen Militärflugplatzes. 500 Millionen Euro soll das Wohn- und Geschäftsviertel kosten, der Baubeginn ist für 2008 geplant.

Der Rahmenplan, den zwei Projektplaner aus Frankfurt an der Oder im Namen der Chinesen vorgelegt haben, weckte die Fantasie des Stadt-Oberhaupts: Das Viertel solle "in Anlehnung an den Städtebau und die Architektur der Tang-Dynastie (618-907 unserer Zeitrechnung)" geplant werden, "in der China eine Blütezeit der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung erfuhr", heißt es da. Unzählige kleine Häuser und Geschäfte für traditionelles Handwerk sind auf den Skizzen eingezeichnet, ein chinesischer Zirkus und ein medizinisches Heilzentrum. Das Kulturzentrum soll im Stil der Verbotenen Stadt entstehen, mit der "typischen Säulenbauform", prächtigen Dachverzierungen, Wandmalereien, und geschnitzten Deckenkassetten. Südlich schließt sich ein riesiger Landschaftspark an, in dem "organische Wasserflächen" und Pagoden geplant sind.

Rund 2000 Menschen könnten sich einmal in dem Miniatur-China vor den Toren Berlins niederlassen, glauben die Planer - "zukünftige chinesische Geschäftsleute und Angestellte" oder Deutsche, die die Nase voll haben von der typisch deutschen Doppelhaushälfte. Und natürlich werde das Projekt Touristen en masse locken: Die chinesische Kultur werde "für einen übergeordneten Besucherkreis erlebbar".

Perfektes Ziel "für Jugendliche mit bestimmter Gesinnung"

Man dürfe die "Zeichen der Zeit nicht verschlafen", findet Laesicke, das Projekt sei eine Chance für die Stadt. In seinen Träumen ist das neue Viertel nicht nur Touristenattraktion, sondern auch "Plattform der deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen". Am liebsten mit international anerkannter Manager-Schule, wo "junge Europäer fit gemacht werden für den chinesischen Markt".

Dass in Deutschland lebende Chinesen liebend gerne nach Oranienburg ziehen möchten, daran hat er keinen Zweifel. Er habe von vielen gehört, die wollen, dass ihr hier geborenes Kind Chinesisch oder eine traditionelle Sportart lernt. Für sie wäre das Stückchen Heimat in Brandenburg ideal. Und auch die meisten Oranienburger seien von den Plänen inzwischen höchst angetan: Der "Menschenschlag" in der Gegend "ist offen und freundlich", die neuen Mitbewohner werde ein herzliches Willkommen erwarten.

In der tristen Hauptstraße des Städtchens wirken die Menschen allerdings etwas überfordert von der Vorstellung eines "Klein-China" in direkter Nachbarschaft. Ein Freund im Schrebergarten habe ihm die Neuigkeit überbracht, erklärt ein Datschenbesitzer. "Verwirrt" seien die Leute, sagt er. Eine kaufmännische Angestellte wiegt nachdenklich den Kopf hin und her: Was, wenn die Neulinge sich abschotten? Außerdem sei so ein Viertel ein perfektes Ziel für "Jugendliche mit einer ganz bestimmten Gesinnung". Und immer wieder ist gleich von den Russland-Deutschen in der Gegend die Rede - das Zusammenleben der Einheimischen und der zahlreichen Zuwanderer-Familien läuft alles andere als reibungslos.

"Wir haben keine Erfahrung mit solchen Projekten"

Auch Fachleute haben Zweifel, dass die geplante Chinatown funktionieren kann. "Es ist ohnehin schwierig, neue Stadtviertel mit einem Schlag zu bauen", erklärt etwa Silke Weidner, Juniorprofessorin für Strategische Stadt- und Regionalentwicklung in Leipzig. Die Deutschen seien gewachsene Viertel gewohnt. 80 Hektar sei obendrein ein ungewöhnlich riesiges Areal für so einen Plan, und dem Viertel ein authentisches chinesisches Flair zu verleihen, sei zumindest "sehr, sehr schwierig".

Auch der Baudezernent der Stadt, Frank Oltersdorf, wirkt nicht wirklich euphorisch. Er sitzt in seinem Büro vor den Bauskizzen, und sieht manches Mal ratlos aus, wenn er mit der Brille in der Hand die Pläne erklärt. "Die Sache kann interessant werden", sagt er vorsichtig. Es ist nicht so einfach, Investoren für das Gelände zu finden, das seit 1993 brach liegt.

Und wenn Oltersdorf sich Träume erlaubt, ist darin wohl sowieso das gesamte Stadtbild ein anderes, das derzeit noch stark von Ramschläden, Graffiti und wenig attraktiven Neubauten bestimmt wird. Schon jetzt wird kräftig "gebuddelt", wie er sagt, weil 2009 die Landesgartenschau nach Oranienburg kommt. Neue Straßen, Rad- und Fußwege entstehen, der Platz vor dem prächtigen Stadtschloss soll wieder seine barocke Urform erhalten. Ein schickes chinesisches Viertel im Süden würde das neue Gesicht des Ortes vollenden.

Allerdings müssten "die möglichen sozialen und wirtschaftlichen Folgen" genau untersucht werden. "Wir haben keine Erfahrung mit einem Projekt in dieser Größenordnung", sagt der Baudezernent. Deshalb müsse man vorsichtig sein.

Noch dazu hat die Brandenburg China Project Management GmbH (BCPM), zu der sich die Planer des Projekts zusammengetan haben, noch keine Finanzierungspläne vorgelegt. "Bevor das nicht geregelt ist, ist das alles noch sehr abstrakt."

"Er will sein Gesicht nicht verlieren"

Über den "Geschäftsmann aus Harbin", der das Ganze angestoßen hat und der in China angeblich gerade nach Geldgebern sucht, weiß auch Oltersdorf wenig. Der Mann wolle erst über sich sprechen, wenn die Planung im Mai von der Stadtverordnetenversammlung genehmigt sei, erklärt eine Mitgesellschafterin der BCPM. "Er will sein Gesicht nicht verlieren." Aber ein großes Unternehmen stehe dahinter. Auch die beiden deutschen Projektleiter verweigern inzwischen jeden Kommentar zu der Sache - zurzeit sind sie nicht einmal für die Stadtverwaltung zu erreichen.

Ein bisschen unprofessionell findet man das dort schon. Doch beunruhigt ist Bürgermeister Laesicke deshalb nicht. Die Stadt werde kein finanzielles Risiko eingehen, erklärt er routiniert. Man werde auf Finanzierungspläne und entsprechende Bürgschaften bestehen. Und Vorurteile könne man nur durch Auseinandersetzung bekämpfen.

"Wir gehen da aber immer viel zu sehr mit unserer deutschen Elle ran", sagt er mehrfach. Auch er habe bei einem ersten Treffen mit dem chinesischen Geschäftsmann erst Geduld lernen müssen. "Ich dachte, das ist in einer Dreiviertelstunde erledigt." Ein großer Irrtum. Man habe erst einmal "eine emotionale Bindung" aufbauen müssen. So ein Projekt müsse man eben "gemeinsam und ausgeglichen" durchführen. Schritt für Schritt für Schritt.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.