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OSTHANDEL Kurs auf Kursk

Einen Lastwagen voller Akten lassen deutsche Industriemanager diese Woche nach Moskau rollen, um dort die Einzelheiten der Hüttenwerksplanung im sowjetischen Kursk vorzuführen.
aus DER SPIEGEL 29/1976

Am Dienstag dieser Woche wird in plombierter Viertonner der Speditionsfirma Schenker & Co. von Essens Huyssenallee 84-88 die Fünftagefahrt nach Moskau antreten -- als Vorhut für eine von Salzgitter-Chef Hans Birnbaum angeführte Industriellen-Crew, die am 20. Juli per Düsenflugzeug folgt.

Die Fracht des Viertonners ist kilo- und millionenschwer: über 25 000 Seiten eng bedrucktes Papier, geheftet in 130 numerierten Bänden, formuliert in 18monatiger Arbeit-vier russische und zwei deutsche Fassungen der Vorprojekt-Studie für das von den Firmen Salzgitter, Krupp, Korf, Siemens und Demag geplante Hütten-Kombinat Kursk. Am Samstag werden Funktionäre der sowjetischen Außenhandelsorganisation Metallurgimport das Fleißwerk übernehmen.

Drei Tage später jetten Top-Manager der fünf Konzerne nach Moskau, um mit dem stellvertretenden Außenhandelsminister N. D. Komarow über den deutschen Lieferanteil für die projektierte Hütte zu verhandeln. Für Equipe-Chef Birnbaum steht es um das deutsche Geschäft nicht schlecht: »Ich schätze, daß die Russen nur ein Drittel selbst liefern können, den Rest müssen sie importieren.«

Das Wichtigste ist schon gelungen: Die wegen ihres chronischen Devisenmangels immer wieder auf Kompensationsgeschäfte ausweichenden Russen ließen sich nach langem Feilschen im Frühjahr 1974 sogar herbei, für die erste Baustufe (Volumen: 2,5 Milliarden Mark) Barzahlung zu versprechen. Auf der 3,7 mal 2,1 Kilometer großen Baustelle wird deshalb in den nächsten Jahren fast alles präsent sein, was in der deutschen Industrie Rang, Namen und Geld besitzt.

So führen Salzgitter, Korf und Krupp bis zum Abstich des Rohstahls Regie; ein aus Demag, Schloemann-Siemag (GHH-Konzern), Krupp und Sack bestehendes Konsortium übernimmt die beiden Walzwerke. Und die BBC-Tochter Isolation plant das Profilierwerk. Für Transporttechnik, Energieversorgung und das Kommunikationssystem zeichnen Salzgitter, Krupp und ein Elektro-Konsortium aus AEG, BBC und Siemens verantwortlich.

Als Koordinationsstelle richteten die Kursk-Konsorten in einem Essener Büro-Neubau der gewerkschaftseigenen Versicherungsfirma Volksfürsorge eine aus rund 55 Experten und Hilfskräften bestehende Zentrale Projektleitung ein. Unter Führung des bei Krupp ausgeliehenen Chemieanlagen-Managers Hans-Jürgen Herbst und zweier weiterer Chef-Projektoren steuern 23 Koordinatoren alle Phasen der Detail-Planung in den Konzernen.

Ein im Krupp-Rechenzentrum gespeicherter Generalnetzplan mit rund 12 000 eingefütterten Tätigkeiten macht es den Kursk-Managern möglich, im Termin-Rhythmus zu bleiben. Gerät ein Projekt-Partner in Verzug, meldet der Computer die bis in alle Verästelungen durchschlagenden Verspätungen. Chef-Planer Herbst: »Da dies meist andere Firmen betrifft, müssen unsere Leute sofort eingreifen.«

Bei seinem Termin-Management steht das Herbst-Team unter strenger Beobachtung. Denn keine Auto-Stunde von ihm entfernt, in Kölns Brabanter Straße 38-40, etablierten die Sowjets ihrerseits eine Kursk-Mannschaft. Unter Leitung von Nikolai Alexejewitsch Subatow, ehemals stellvertretender Leiter der Moskauer Handeismission am Rhein, halten 23 Dauergäste Kontakt zu den deutschen Hüttenplanern. Sogar ihre Familien durften die Sowjets mitbringen. Um sich vor Ausspähung zu schützen, ließen sie eine hochsensible Alarmanlage installieren, Panzerschränke aufstellen und nur Landsleute Jobs übernehmen. Selbst ihren Chauffeur brachten sie noch aus Moskau mit.

Am meisten erfreut die Russen das von den Deutschen für das gesamte Kombinat eingeführte Zahlencode-System. Von den Großanlagen bis zum kleinsten Bauteil ist der gesamte Hüttenkomplex durchnumeriert, vor allem um bei der Anlieferung an der Baustelle ein Chaos zu verhindern. »So etwas kommt dem Formalismus der Russen sehr entgegen«, weiß Anlagenbauer Herbst aus Erfahrung.

Präzisionsarbeit unter Hochdruck mußten auch die Übersetzer der umfänglichen Vorprojekt-Studie leisten. Der in der Essener Zentrale eingerichtete Sprachdienst unter dem ehemaligen Chef-Dolmetscher der Deutschen Botschaft in Moskau, Walter Armbruster, erhielt in der letzten Phase sogar Verstärkung aus der Sowjet-Metropole. Zwanzig russische Dolmetscher, teils in Essen, teils am Sitz der Konzerne stationiert, übertrugen das Mammut-Werk während der letzten sieben Monate ins Russische.

Eine Vorab-Expertise über die von den Russen zu planenden Infrastruktur-Bauten hatten die Deutschen ihren Kunden schon im April überreicht. Denn nicht nur Hotels, Schulen, Wasser-, Gas- und Stromleitungen, eine Bahnlinie und einen Flugplatz müssen die Sowjets für ihr Renommier-Kombinat errichten -- eine ganz neue Stadt für 60000 Einwohner (voraussichtlicher Name Nowo Oskol) müssen die Moskauer Projektfunktionäre aus dem Boden stampfen, um die aus anderen Teilen des Landes zusammengezogenen Stahlwerker unterbringen zu können. Salzgitter-Chef Birnbaum aber hat keine Sorge, daß die Sowjets mit ihrem Bauprogramm (Volumen: drei Milliarden Mark) rechtzeitig fertig werden: »Die Sache läuft.«

Weniger geölt dürfte es zwischen Russen und Deutschen laufen, wenn es ums Geld geht. Vor allem Moskauer Sonderwünsche für die technologisch anspruchsvollen Walzwerke, die unter anderem hochempfindliche Profile wie Turbinenschaufeln und Motorenteile walzen, werden die Kosten weit in die Höhe treiben. Für Salzgitters Birnbaum steht schon jetzt fest: »Die Zahl von 2,5 Milliarden Mark für den ersten Abschnitt ist mit Sicherheit überholt.«

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