Kurschaos Aktienmarkt trotzt dem Volkswagen-Crash

Die VW-Aktie bricht um mehr als 300 Euro ein, doch der Dax tendiert bemerkenswert stabil. Titel wie Siemens und Daimler legen zeitweilig um rund 20 Prozent zu. Händler hoffen, dass sich das Handelsgeschehen nach zwei chaotischen Tagen endlich normalisiert.


Frankfurt am Main - Deutliche Kursverluste bei Volkswagen haben den Dax Chart zeigen am Mittwoch anfangs ins Minus gedrückt. Gegen Mittag drehte der Leitindex jedoch kurzzeitig ins Plus und notierte um 12 Uhr mit 4820 Punkten nahe am Vortageskurs von 4823 Zählern.

Die anderen Indizes profitierten von den sehr freundlichen Vorgaben. MDax Chart zeigen und TecDax Chart zeigen legten um gut fünf Prozent zu. Neben Volkswagen Chart zeigen standen mehrere Unternehmen mit Zahlen im Fokus. Am Abend rückt laut Händlern die Zinsentscheidung der US-Notenbank in den Blick, zuvor könnten US-Konjunkturdaten Bewegung bringen.

Händler in Frankfurt: "Situation deutlich angenehmer als gestern"
AP

Händler in Frankfurt: "Situation deutlich angenehmer als gestern"

"Wir sehen einen Normalisierung der Zustände und die Situation ist deutlich angenehmer als gestern", sagte Fidel Helmer, Leiter des Wertpapierhandels bei Hauck & Aufhäuser, mit Blick auf die VW-Verluste. Die Aktie sei auch auf dem derzeitigen Niveau noch viel zu teuer und werde hoffentlich weiter nach unten gehen. Die US-Daten am Nachmittag könnten angesichts der schlechten Erwartungen fast nur positiv überraschen und für Auftrieb sorgen.

Die VW-Aktie hatte in den vergangenen Tagen dramatisch zugelegt, am Dienstag auf zeitweise mehr als 1000 Euro. Die gigantische Spekulationsblase war entstanden, weil Porsche am Wochenende verkündet hatte, inzwischen über Beteiligungen und Optionen mehr als 70 Prozent an dem Unternehmen zu kontrollieren. Zusammen mit den 20 Prozent Beteiligung des Landes Niedersachsen befanden sich damit nur etwas mehr als fünf Prozent der VW-Aktien im Streubesitz.

Das Angebot an Papieren des Konzerns wurde dadurch ausgerechnet in einer Zeit knapp, da viele Hedgefonds und Banken mit Leerverkäufen (mehr auf SPIEGEL WISSEN...) auf sinkende VW-Kurse spekuliert hatten - und nun große Nachfrage nach Aktien hatten (Details siehe Grafik unten). Weil die VW-Aktie durch den enormen Zuwachs bis zu 27 Prozent Gewicht im Dax bekam, kündigte die Deutsche Börse in einer Eilaktion an, den Anteil des Konzerns im Index bis Montag auf zehn Prozent zu begrenzen. Porsche versprach, VW-Aktien auf den Markt zu werfen, um die Lage zu entspannen.

Titel von Volkswagen brachen bei Dax-Schluss um rund 40 Prozent auf 583,84 Euro ein. Porsche kündigte am Morgen die teilweise Auflösung von Kurssicherungen an und könnte damit die zuletzt enge Liquidität der VW-Stammaktie wieder erhöhen.

Ein Händler sagte: "Die von Porsche angekündigte Erhöhung des Free-Float wird gleich wirksam und nimmt Kaufdruck von den Anlegern, die auf fallende Kurse gesetzt hatten. Die Kappung des Indexgewichtes verstärkt diesen Effekt und wird bis zur Schlussauktion am Freitag den zuletzt immensen Kaufdruck lindern." UniCredit-Analyst Georg Stürzer bezeichnete den Schritt von Porsche als "ökonomisch sehr sinnvoll" und blieb bei der Empfehlung "Buy" mit dem Ziel 152 Euro. Die Porsche-Aktie gewann mehr als 30 Prozent und kam auf 62,09 Euro.

Bayer-Aktien Chart zeigen sicherten sich nach der Bilanzvorlage mit plus 8,98 Prozent auf 41,75 Euro einen Platz im Dax-Mittelfeld. Der Chemie- und Pharmakonzern bekräftigte trotz der jüngsten Zuspitzung der Finanzkrise seine Prognosen für das Gesamtjahr. Auch für das kommende Jahr zeigte sich der Konzern grundsätzlich optimistisch. Analysten zeigten sich mehrheitlich zufrieden mit den Zahlen und lobten den Ausblick. Die soliden Quartalszahlen und der vielversprechende Ausblick sollte bei den Anlegern für mehr Vertrauen in die Kursentwicklung sorgen, hieß es etwa bei UniCredit-Analyst Andreas Heine. Er beließ die Aktie auf "Buy" mit einem Kursziel von 64 Euro.

Lufthansa-Titel konnten um knapp sechs Prozent auf 9,98 Euro zulegen, gehörten damit aber dennoch zu den weniger gefragten Titeln im Leitindex. Die Fluggesellschaft streicht nach dem überraschenden Gewinneinbruch im dritten Quartal ihre Wachstumspläne zusammen und fährt für den aktuellen Winterflugplan die Kapazitäten zurück.

Papieren des VW-Konkurrenten Daimler verhalf eine Hochstufung zu Gewinnen von fast 20 Prozent. Händler sprachen von einer Reaktion auf den jüngsten Kursrutsch, die durch einen positiven Analystenkommentar verstärkt werde. Merrill Lynch stufte die Papiere des Autobauers von "Neutral" auf "Buy" hoch, senkte aber das Kursziel von 34 auf 28 Euro. Das Papier sei stark überverkauft und der Kurs sollte sich bald wieder erholen, schrieb Analyst Harald Hendrikse. Ohne die Sparte Financial Services sei die Bilanz des Autobauers weiterhin sehr gut.

Wie die Kursrallye genau abgelaufen ist, zeigt die SPIEGEL-ONLINE-Grafik (für das Großbild anklicken):

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kaz/dpa-AFX/Reuters



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