Kursmassaker in Moskau Zehn Milliarden Dollar an einem Tag vernichtet

Russlands Aktienmarkt hat am Donnerstag massive Kursverluste erlitten. Auslöser war einmal mehr eine neue Steuerattacke des Kreml gegen ein Privatunternehmen. Der Fall erinnert an den Jukos-Skandal.

Moskau - Rund zehn Milliarden Dollar wurden am Donnerstag an der russischen Börse verbrannt, berichtet die Tageszeitung "Moscow Times". Steuernachforderungen in Millionenhöhe gegen die zweitgrößte Telekommunikationsfirma des Landes, VimpelCom, haben demnach die Angst vor einer Ausweitung der staatlichen Kontrollen geschürt und eine wahre Anlegerflucht ausgelöst.

"Das ist noch ein Veilchen für das vernarbte Gesicht des Marktes", sagte Kirill Surikow von Alfa Bank. Das Risiko, dass der Staat auch gegen andere russische Firmen vorgehe, werde immer größer, klagte ein anderer Analyst in Moskau. "Das Vorgehen wird jeden unruhig machen, der vorher dachte, Jukos sei ein einmaliger Fall gewesen", warnte Steven O'Sullivan von der United Financial Group.

Tatsächlich erinnert die Attacke gegen VimpelCom an den Fall Jukos  . Durch Steuernachforderungen in Milliardenhöhe hat der Kreml den Ölkonzern an den Rand des Ruins getrieben. Der frühere Jukos-Chef Michail Chodorkowski und sein Partner Platon Lebedjew stehen in Moskau wegen Betrugs und Steuerhinterziehung vor Gericht.

Die russische Regierung will Teile von Jukos zwangsversteigern. Viele Analysten sehen in dem Vorgehen des Staates eine Reaktion auf politische Ambitionen von Chodorkowski.

Erst Mitte der Woche hatte die russische Justiz eine weitere Jukos-Führungskraft verhaftet. Gegen die stellvertretende Leiterin der Rechtsabteilung, Swetlana Bachmina, sei Haftbefehl wegen der illegalen Aneignung von Aktien zweier Ölfirmen erlassen worden, bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau. Ausländische Topmanager aus dem Jukos-Vorstand haben Russland in den vergangenen Wochen verlassen, um Vernehmungen und mögliche Verhaftungen zu entgehen.

VimpelCom soll 104 Millionen Euro nachzahlen

Von VimpelCom verlangen die russischen Behörden Steuernachzahlungen in Höhe von rund 104 Millionen Euro. Dazu könnten noch 20 Prozent Strafe kommen. VimpelCom bestätigte den Eingang eines Schreibens. "Es handelt sich um eine vorläufige Mitteilung und stellt keine endgültige Steuerforderung dar", hieß es. Man sei aber mit den darin enthaltenen vorläufigen Schlussfolgerungen nicht einverstanden. Das Unternehmen hat 23 Millionen Kunden. Im Jahr 2001 verbuchte VimpelCom einen Nettogewinn von 47 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 428 Millionen Dollar.

Der Auslöser für den Angriff auf den Mobilfunker könnte ebenfalls politischer Natur sein. In diesem Fall steht der Oligarch Michail Fridman im Visier des Kreml. Vimpel-Großaktionär Fridman hat zuletzt den russischen Telekommunikationsminister Leonid Reiman öffentlich attackiert. Reiman soll laut Branchenkreisen indirekt am Vimpel-Konkurrenten Megafon beteiligt sein. Der Minister bestreitet dies.