SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Juni 2008, 08:36 Uhr

Kursrutsch

Angst vor Stagflation erfasst Börsen weltweit

Die Weltwirtschaft kühlt sich dramatisch ab, trotzdem schießt die Inflation in die Höhe. Experten sprechen von Stagflation - die Börsen reagieren extrem nervös: Der Dow Jones stürzt tief ins Minus, auch in Asien brechen die Kurse ein, Händler fürchten eine neue Abwärtsspirale.

Tokio/New York - Die Finanzkrise schien überwunden, doch jetzt herrscht an den Börsen erneut Verkaufsstimmung. Dow Jones , Dax , Nikkei - weltweit sind die Kurse am Donnerstag abgestürzt, auch am Freitagmorgen setzt sich die Entwicklung fort. Das Schlüsselwort heißt Stagflation: schwaches Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Inflation.

Händler an der Wall Street: Die Notenbanken stecken in der Zwickmühle
REUTERS

Händler an der Wall Street: Die Notenbanken stecken in der Zwickmühle

Genau dieses Phänomen könnte weite Teile der Welt erfassen, vor allem die USA und Europa. Schuld ist der rasante Anstieg des Ölpreises - erst am Donnerstag sprang die Notierung auf ein neues Rekordhoch von mehr als 140 Dollar pro Fass.

Zusammen mit den steigenden Lebensmittelpreisen treibt das die Inflation in die Höhe. Nach ersten Schätzungen könnte sie im Juni allein in Deutschland bei 3,3 Prozent liegen. In Japan sind die Verbraucherpreise im Mai um 1,3 Prozent gestiegen - so kräftig wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr.

Das Problem: Niemand kann etwas dagegen tun - und das verunsichert die Aktienmärkte. Normalerweise würden die Notenbanken die Zinsen erhöhen, um so die Inflation zu bekämpfen. Bei Stagflation jedoch sind der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank die Hände gebunden: Höhere Zinsen würden das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum abwürgen.

Die Währungshüter stecken also in einer Zwickmühle. Sie müssen mehr oder weniger tatenlos zusehen, wie die steigenden Preise den Bürgern immer mehr Kaufkraft entziehen. So müssen die Verbraucher immer mehr Geld für Energie ausgeben und haben immer weniger für andere Ausgaben zur Verfügung.

Den Aktienkursen der allermeisten Unternehmen tut das überhaupt nicht gut. Der Deutsche Aktienindex Dax notierte zum Handelsbeginn am Freitagmorgen etwa 0,3 Prozent im Minus. Der S-Dax der kleineren Werte verlor 0,5 Prozent, der M-Dax der mittelgroßen Unternehmen sogar 0,7 Prozent.

In den USA sah es zuvor noch schlechter aus. Negativbeispiel ist General Motors . Die Anteilsscheine des US-Autokonzerns sanken am Donnerstag auf ein 53-Jahres-Tief. "Selbst die größten Optimisten haben erkannt, dass wir nicht wissen, wann sich die Wirtschaft wieder zum Besseren entwickeln wird", sagt Andy Brooks von T. Rowe Price in der "Financial Times". "Was für ein brutaler Tag."

Der britische Aktienindex FTSE Eurofirst 300 fiel am Donnerstag auf den niedrigsten Stand seit November 2005. Der deutsche Dax gab 2,4 Prozent nach und stürzte unter die Marke von 6500 Punkten. Der amerikanische Dow Jones Index rutschte so tief wie seit September 2006 nicht mehr und schloss bei einem Minus von mehr als drei Prozent.

In Asien setzte sich die Entwicklung am frühen Freitagmorgen fort. Der Nikkei-Index verlor bis Handelsschluss zwei Prozent, der breiter gefasste Topix-Index büßte 1,8 Prozent ein. Zu den Verlierern zählten vor allem Exportwerte wie Toyota und Sony . Indiens Leitindex Sensex ist im frühen Handel um über 3,5 Prozent eingebrochen.

Mit ein Grund für die düstere Stimmung sind auch neue Sorgen über den Finanzsektor. Nach einer kurzfristigen Beruhigung mehren sich die Zeichen, dass die internationale Kreditkrise keineswegs ausgestanden ist. In den USA machten am Donnerstagabend Spekulationen die Runde, wonach die Notenbank Fed die Vorgaben lockern könnte, die den Einstieg von Finanzinvestoren bei Banken regeln. Auf diese Weise soll es den Instituten offenbar ermöglicht werden, mehr Kapital anzuziehen, schreibt die "Financial Times". Die Märkte nahmen das Gerücht allerdings gar nicht gut auf: Wenn nun schon Finanzinvestoren zugelassen werden, um die Banken zu retten - wie schlimm muss es dann erst stehen?

Finanzwerte gehörten denn auch zu den größten Verlierern. Die Aktien des größten japanischen Kreditinstituts Mitsubishi UFJ sackten drei Prozent ab. Ähnlich sah es zuvor in den USA aus, nachdem die Investmentbank Goldman Sachs weitere Milliardenabschreibungen bei den Konkurrenten Citigroup und Merrill Lynch vorausgesagt hatte.

wal/Reuters/AP/dpa-AFX

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung